„Diskriminierend“: 2016 erhielt Matthias Richling die Büste, die nun abgeschafft ist. Bei einer Mehrheit im Gemeinderat hat die Bildungsreihe zum Umdenken geführt. Foto/A: Baumgart
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„Diskriminierend“: 2016 erhielt Matthias Richling die Büste, die nun abgeschafft ist. Bei einer Mehrheit im Gemeinderat hat die Bildungsreihe zum Umdenken geführt. (Archivbild)

Korrektur-Debatte im Unterföhringer Gemeinderat

Mohren-Statue wird nicht mehr verliehen - Wappen bleibt unverändert

  • Charlotte Borst
    VonCharlotte Borst
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Die „Mohren“-Büste aus schwarzem Marmor wird abgeschafft. Darauf hat sich der Gemeinderat nach emotionaler Diskussion verständigt. Im Wappen der Gemeinde bleibt der Mohr aber.

Unterföhring – Die „Mohren“-Büste aus schwarzem Marmor wird abgeschafft. Der Unterföhringer Kulturpreis bekommt ein neues Symbol. Bis es gefunden ist, wird vorerst am 3. Oktober der Publikumspreis in Form eines 4000-Euro-Schecks überreicht, diesmal erhalten ihn die Musiker und Komiker der Gruppe „Gankino Circus“.

In Unterföhring hat mit der Black-Lives-Matter-Bewegung vor einem Jahr eine Diskussion begonnen, die anhält. Die Bezeichnung „Mohr“ wurde schon im September 2020 aus dem Unterföhringer Kulturpreis gestrichen. Jetzt wird auch die schwarze Marmorbüste fallen gelassen, an der eine 16:8-Mehrheit damals noch festhielt. Am schwarzen Konterfei im Wappen will aber das Gros des Gemeinderats nicht rütteln.

„Das war das schönste Erlebnis meiner ersten Amtszeit“

Die Bildungsreihe „Was ist Rassismus?“, zu der Kulturamt und VHS im Frühjahr online einluden, hat das Bewusstsein bei vielen verändert. Im Ort werden intensive Diskussionen geführt, Briefe kursieren, viele Bürger verfolgten jetzt im Feststadl auch die Korrektur-Debatte des Gemeinderats. Bürgermeister Andreas Kemmelmeyer (PWU) erklärte, er habe durch Bildungsreihe und Workshops erfahren, „dass sich schwarze Menschen schon diskriminiert fühlen, insbesondere, wenn ein Weißer diese Büste einem Schwarzen überreicht.“ Er sei „unbändig stolz“ darauf, wie offen und bunt Unterföhring im Jahr 2015 Geflüchtete aufgenommen habe. „Andere Bürgermeister hatten in ihren Kommunen riesige Diskussionen. Bei uns war es ein herzliches Willkommen. Das war das schönste Erlebnis meiner ersten Amtszeit.“ Er betonte, dass man das Rassismus-Thema jetzt aber nicht anhand einer Symbolik, die man abschafft oder beibehält, abhandeln könne. „Es ist ein ganz wichtiger Prozess, den wir fortsetzen müssen.“

Veit Wiswesser (FDP), der im Mai in den Gemeinderat nachrückte, räumte ein, dass er an der Bildungsreihe nicht teilgenommen habe, sich aber frage, „ob wir noch die Bürger vertreten, wenn wir einen Bückling vor jedem ,‘-ismus’ machen“. Er schlug vor, die Bürger zu befragen.

„Wir überreichen nicht einen schwarzen Menschen, sondern...“

Günther Ernstberger (PWU) dagegen ermunterte den Gemeinderat, selbst einen Beschluss zu fassen und sich nicht „vor einer Entscheidung zu drücken“. Johann Zehetmair (PWU) trat für die Beibehaltung der Büste ein: „Wir überreichen nicht einen schwarzen Menschen, sondern ein Symbol der Wertschätzung.“ Er verwies auf die Historie des Wappens. „Warum das jetzt abwertend oder verletzend sein soll, kann ich nicht nachempfinden.“

Wer Hass und Diskriminierung nicht selbst erlebt, könne es oft nicht fassen, für Betroffene aber sei das oft Alltag. Davon berichtete die junge SPD-Gemeinderätin Saran Diané. Sie selbst ist gebürtige Unterföhringerin, ihr kürzlich verstorbener Vater kam vor 40 Jahren aus Guinea nach Deutschland und war schwarzer Hautfarbe. „Er hatte sein Leben lang unter Rassismuserfahrungen zu leiden. Das steckt einem im Bewusstsein. Wenn man mit schwarzer Hautfarbe in einer weißen Mehrheitsgesellschaft lebt, weiß man, dass so ein Wappen niemals als Wertschätzung gemeint sein kann.“

Keine Mehrheit für Wappen-Korrektur

Die Verwaltung regte im Beschlussvorschlag eine „sanfte Modernisierung“ des Hoheitszeichens an. Die klischeehafte Darstellung des gekrönten Hauptes mit wulstigen Lippen, platter Nase und gleicher Gesichts- und Haarfarbe sollte angepasst werden. Philipp Schwarz (SPD) unterstützt den Vorschlag, auch wenn er emotional am Wappen hänge. Stephanie Moser (Grüne) schlug vor, nur die Krone als Verbindung zum Stift Freising beizubehalten. Johannes Mecke (Grüne) warnte: Wenn man keine saubere Lösung finde, „wird uns das Thema immer wieder auf die Füße fallen“.

Mit 14:9 stimmte die Mehrheit dafür, dass eine neue Form für den Kulturpreis gefunden werden soll. Künstler werden zu einem Ideenwettbewerb eingeladen, ihre Vorschläge sollen auf Ort und Historie Bezug nehmen. Für eine Korrektur des „Mohren“ im Wappen fand sich mit 9:14 keine Mehrheit. Fest steht aber, dass die Diskussion fortgesetzt wird. Man will sich des virulenten Themas weiterhin annehmen.

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