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Unterföhringer Arzt rettet Flüchtlinge aus dem Mittelmeer

Hilfsmission auf hoher See

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Auf eine spannende Reise begibt sich Andreas Sliwka am Mittwoch: Der Unterföhringer Arzt sticht an Bord des „Seefuchs“ in See - um Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu retten.

Unterföhring – Heute sticht das Rettungsschiff „Seefuchs“ von Malta aus in See. Es wird vor der libyischen Küste im Mittelmeer kreuzen, um schiffbrüchige Migranten zu retten. Mit an Bord ist der Unterföhringer Arzt Andreas Sliwka, 66.

Der Mann mit grauem Haar, kurzem Pferdeschwanz und Schnauzbart steht in seiner Praxis. Fotos von einem ärztlichen Einsatz auf den Philippinen hängen im Wartebereich, Gemälde – von Sliwka selbst gemalt – im Besprechungszimmer.

Für die nächsten 14 Tage ist er der Mediziner auf dem 26 Meter langen Hochseeschiff. Bedenken, seekrank zu werden, hat der 66-Jährige nicht: „Das ist für mich kein Thema“, sagt er entspannt. Seine Aufgabe wird es sein, Kranke und Verletzte in der Krankenstation zu versorgen.

Das Schiff hat 1500 Schwimmwesten und Rettungsinseln für rund 500 Menschen an Bord. Sliwka rechnet damit, dass während seines Einsatzes 1000 bis 2000 Flüchtlinge an Bord kommen.

Seine Praxis tauscht Andreas Sliwka ab Mittwoch gegen ein Schiff als Arbeitsplatz.

Der „Seefuchs“ war vor der Wende ein Fischkutter, später wurde er als Forschungsschiff eingesetzt. Heute gehört er der privaten Rettungsorganisation „Sea-Eye“. Diese Initiative wurde vor gut einem Jahr von Regensburger Hobbyseglern gegründet. Der „Seefuchs“ ist das zweite Schiff der Organisation und seit 13i auf Patrouillefahrt vor der libyschen Küste.

Andreas Sliwka reist, wie alle Mitglieder der elfköpfigen Crew, auf eigene Kosten nach Malta. Er schließt seine Praxis am Firkenweg in Unterföhring für zwei Wochen. Seit 28 Jahren arbeitet er hier als Gynäkologe und seit einigen Jahren auch als Psychotherapeut. Zudem hat er eine Yoga-Schule aufgebaut. Der Vater einer Tochter, 43, behauptet von sich, ein „spontaner Mensch“ zu sein. Immer wieder erlebe er Situationen, in denen er spüre: „Das Leben will etwas von mir.“ Dann handele er „einfach, weil ich es kann“.

So war es auch, nachdem er einen 90-minütigen Vortrag über „Sea-Eye“ gehört hatte. Zwei Tage später war Sliwka als Crew-Mitglied angemeldet. Und es ist nicht das erste Mal, dass er sein Potenzial als Mediziner zur Verfügung stellt: Auf Mindanao und in Ruanda half er im Team der „German Doctors“ Menschen, die sich keinen Arzt leisten können.

Für die Münchner Flüchtlingshilfe bietet er freitags eine Schwangerensprechstunde in der Bayernkaserne an. „Jemand kam auf mich zu und fragte, ob ich als Arzt mitarbeiten könnte. Eigentlich war freitags mein freier Tag“, erzählt er. Oft berichteten ihm Flüchtlinge von ihrer lebensgefährlichen Überfahrt übers Mittelmeer: „Die Leute fahren in der Dunkelheit los. Ihnen wird erzählt: Morgen früh seid ihr in Italien.“ Die Bilder von den Ertrinkenden gingen Sliwka sehr nah. „Hunderte bezahlen die Reise mit dem Tod.“

Warum bricht jemand im Urlaub zu einer Lebensrettungsmission ins Mittelmeer auf? „Das ist Teil meines Lebensverständnisses“, sagt der Arzt. „Das Leben weitet sich, wenn man selbst etwas gibt.“

Er hat heute eine kurze Nacht hinter sich. Seine Lebensgefährtin und er standen einer palästinensischen Familie bei. „Sie haben den Ablehnungsbescheid bekommen, es geht ihnen sehr schlecht“. Seit zehn Jahren ziehe das geflüchtete Paar mit vier Kindern durch Europa, von Camp zu Camp. „Die Kinder kennen nur Lager, sie haben keine Zukunft.“ Empörung liegt in Sliwkas Stimme: „Hier kreisen die Helikoptereltern um ihren Nachwuchs, dort lässt man vier Kinder einfach durchs Raster fallen.“

Den Vorwurf, die Rettungsaktionen im Mittelmeer seien doch längst Teil des Schleusersystems, kennt Sliwka und weist ihn energisch zurück: „Wir helfen Flüchtlingen, die uns von der Seenotrettungsstelle in Rom gemeldet wurden oder die wir selbst entdecken“, sagt er. „Wir arbeiten nicht mit Schleusern zusammen. Ohne uns ertrinken die Menschen.“

Spenden an Sea-Eye

Bankverbindung: Volksbank Regensburg, IBAN: DE60 7509 0000 0000 0798 98, Stichwort: Sea-Eye

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