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Zu einer Art „Wohnzimmer-Veranstaltung“ machte Autor Leonhard F. Seidl seine Lesung im Kubiz. Anne Helm aus Unterhaching durfte sogar eine Rolle aus Seidls Buch „Viecher“ lesen und spielen.

Leonhard F. Seidl im Kubiz

Lesung mit Wohnzimmer-Atmosphäre

Unterhaching - Ein handverlesenes, lebendiges Publikum, ein besonderer, exklusiver Platz, ein aufgeweckter, frecher Autor. „Dieser Abend wird uns in Erinnerung bleiben“, sagte Ursula Maier-Eichhorn nach der „Viecher“-Lesung von Leonhard F. Seidl. Die Leiterin des Kultur- und Bildungszentrums (Kubiz) in Unterhaching hat Recht – aus vielerlei Gründen.

Weil sich zu den fünf Voranmeldungen am Dienstag nur noch zwei Mitarbeiter des Hauses sowie Cindy Drozkowski von der örtlichen Buchhandlung Helming & Heuser gesellten, sollte die Lesung in einen Kursraum verlegt werden. Der gerade aus Nürnberg angereiste Leonhard F. Seidl nahm’s mit Humor: „Ein Stuhlkreis? Wir könnten uns Wollknäuel zuwerfen!“ Nachdem sich der 39-Jährige dann doch noch gemeinsam mit Carmen Gutmann vom Kubiz den ursprünglich vorgesehenen Saal im Erdgeschoss angesehen hatte, wurde eine wunderbare Idee geboren.

Hinter verschlossenem Vorhang nahmen die Besucher direkt auf der Bühne Platz – ein intimer Rahmen war geschaffen. Für eine unterhaltsame Veranstaltung. Die Unterhachingerin Johanna Maria Businger ist einfach nur „neugierig, was da kommt“, und Ilse Hess aus Giesing ist da, „um einen Anreiz zu bekommen, das Buch eventuell zu lesen“. Unmittelbar nach der Lesung bricht es aus ihr heraus: „Das war doch mal was ganz anderes. Schön, dass Sie die Zuschauer mitspielen lassen.“

Anne Helm hat ihren großen Auftritt und gibt das alte, dem Alkohol zugeneigte Weib mit laufender Rotznase. Sie wäre gar nicht gekommen, wenn ihr Schwiegersohn Hans Schmidt nicht unbedingt hingewollt und obendrein auch seine Partnerin Ulrike überredet hätte. Autor Seidl lässt sich nicht davon irritieren, dass sein Unikum Gabriele Weil so gar nicht nach Pocking im Isental klingt. Seine Protagonistin stammt schließlich aus Thüringen, lebt jetzt wie Ulrike und Hans in Unterhaching. Schauplatz von Seidls Geschichte ist das Isental bei Erding, wo Seidl seine Kindheit und Jugend verbrachte, bevor er nach Franken übersiedelte. Genau wie seine literarische Hauptfigur Freddie Deichsler. Der Privatdetektiv ermittelte schon in „Genagelt“ unkonventionell und muss nun auch im Fortsetzungsroman „Viecher“ viele schwierige Situationen meistern.

Bauer Luidinger ist von seinem Zuchtstier auf die Hörner genommen worden. Was für die Polizei ein Unfall ist, ist für Deichsler ein Mord. Wie hängt die Tat mit dem Gerangel um die dritte Startbahn des Münchner Flughafens zusammen, was hat das Ganze mit dem geplanten Golfplatz in Dorfen zu tun? Deichsler verfolgt jede Spur – wenn’s sein muss, sogar eine Herde Kühe durch halb Oberbayern bis nach Tunesien.

Es ist tatsächlich das von ihm selbst beschriebene kriminalliterarische Kabarett, was da Leonhard F. Seidl abliefert. Gleich zu Anfang versieht er das eine oder andere Viech im Publikum mit dem entsprechenden „Markerl“, unterbricht das eigentliche Lesen immer wieder durch eigene Anmerkungen, widmet sich den Fragen der ausgesprochen wissbegierigen Gäste. Zwei Jahre hat er recherchiert für die Story, die Reales mit Erfundenem verwebt, detailversessen Missstände in der Landwirtschaft anprangert und doch stets spannende Unterhaltung bietet. Zwischendurch rettet Deichsler sogar seinen Sohn Paul aus den Flammen – den er einst schmählich im Stich gelassen hatte.

„Viecher gibt’s überall, Viechereien auch. In der Welt des Mia san mia und des Hund san mia a“, sagt Leonhard F. Seidl, der beim Schreiben versucht, „die Welt zu enträtseln“. Auf der Zugfahrt zurück nach Nürnberg hat er sich vermutlich wieder in seine Lektüre vertieft (Oskar Maria Graf, Unruhe um einen Friedfertigen). Um dann noch einmal an diesen besonderen Abend in Unterhaching zu denken: „Kleinvie(c)h macht auch Mist.“

Guido Verstegen

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