Allein in der Krise: Das soll den Heimbewohnern nach den bitteren Erfahrungen im Frühjahr jetzt möglichst erspart bleiben. Höchstens im Notfall sollen Häuser kurzfristig für Besucher geschlossen bleiben. Foto: Marcel Kusch/dpa
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Allein in der Krise: Das soll den Heimbewohnern nach den bitteren Erfahrungen im Frühjahr jetzt möglichst erspart bleiben. Höchstens im Notfall sollen Häuser kurzfristig für Besucher geschlossen bleiben. (Symbolfoto)

„Heime müssen offen bleiben“

Pflegeheim-Betreiber fordern: Kein neuerliches Besuchsverbot

  • Doris Richter
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Im Frühjahr mussten sich die Pflegeheime im Landkreis abschotten. Zum Leidwesen der Bewohner. Ein neuerliches Besuchsverbot gelte es daher zu vermeiden, mahnen Pflegeeinrichtungen. 

Landkreis – Es war ein schwieriges Frühjahr. Wochenlang hatten sich die Pflegeheime wegen Corona abgeschottet. Die Bewohner litten sehr, ihre Angehörigen nicht sehen zu dürfen – eine Situation, die man trotz steigender Infektionszahlen jetzt im Herbst unbedingt vermeiden möchte.

„Die Heime müssen offen bleiben, das ist unser Hauptanliegen“, sagt Gerhard Prölß, Geschäftsführer der Abteilung Hilfe im Alter der Inneren Mission München. „Die Selbstbestimmung der Bewohner hat oberste Priorität.“ Natürlich unter Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen. Besucher müssen sich vorab anmelden, am Eingang einen Infobogen ausfüllen, eine Maske – in manchen Fällen eine FFP2-Maske – tragen, Hände desinfizieren.

Individuelle Konzepte

Generell hat jede Einrichtung im Landkreis München ein individuelles Besuchs- und Hygienekonzept ausgearbeitet. Maske und Mindestabstand von 1,5 Metern sind die Grundpfeiler. Seit Juni meldete das Landratsamt einen Todesfall in einer Pflegeeinrichtung aufgrund von Covid-19. Infektionsfälle unter den Bewohnern gibt es derzeit in vier Einrichtungen, wo 24 Bewohner positiv getestet wurden. Vor einer Woche waren es noch sieben. Zudem haben sich in insgesamt 11 Häusern 18 Mitarbeiter infiziert. „Man muss leider ständig mit neuen Fällen rechnen“, sagte Landrat Christoph Göbel bei einem Pressegespräch am Freitag. Doch zum Glück gebe es bisher keine Hotspots. Dennoch müsse man die Situation im Auge behalten und nicht nachlassen bei den Sicherheitsmaßnahmen.

Viel dazugelernt

„Wir haben viel gelernt aus dem Frühjahr, sind souveräner geworden im Umgang mit der Coronagefahr“, sagt Prölß. Bisher hätten die drei Heime der Inneren Mission im Landkreis, in Planegg, Ebenhausen und Riemerling, die zweite Welle gut genommen. „Wir hatten drei positive Tests bei Reiserückkehrern unter den Mitarbeitern, die gleich in Quarantäne kamen“, sagt Prölß. „Generell testen wir sehr viel.“

Künftig wolle man vor allem mehr Schnelltests nutzen. „Wir warten gerade darauf“, so Prölß. Etwa 20 Schnelltest pro Bewohner kann das Haus monatlich abrechnen. Dafür müssen die Einrichtungen zunächst in Vorleistung gehen. Zudem werde viel Arbeit auf die Heime verschoben, da diese auch selbst testen müssten. „Bei 100 Bewohnern wären das 200 Tests pro Monat“, rechnet Prölß vor. „Dauert jeder Test etwa 10 Minuten, sind wir bei 333 Stunden – das entspricht zweieinhalb Vollzeitstellen.“

Zeitaufwendige Tests

Das empört auch Doris Schneider, Geschäftsführerin der Caritas-Altenheime – bei allem Verständnis für die allgemeine Überlastung des Systems. „Wir sind ohnehin nicht gerade üppig besetzt.“ Erschwerend hinzu käme, dass immer wieder Mitarbeiter in Quarantäne sind. Man überlege derzeit, wie man Schnelltests künftig möglichst effektiv einsetzen könnte. „Wo es absolut Sinn macht, ist beim Nachtpersonal, das ja im ganzen Haus unterwegs ist“, so Schneider. Bei Besuchern hat sie hingegen Bedenken. „Die müssten dann 15 Minuten warten, dafür bräuchten wir wiederum Wartebereiche, man müsste alles dokumentieren.“ Doch bevor man wieder ein Besuchsverbot ausspreche, würde man auch das auf sich nehmen. Denn davor hätten die Bewohner große Angst. „Es ist auch so schon eine schwere Zeit“, sagt Doris Schneider. „Viele leiden, weil es deutlich weniger Angebote gibt als sonst und auch darunter, dass sie nur Menschen mit Masken um sich haben.“

Schon früh hatte sich die Caritas gegen ein erneutes Besuchsverbot positioniert. „In unseren Häusern gibt es pro Woche 42 Stunden Besuchszeit“, erklärt Schneider. Je nachdem wie die Situation im jeweiligen Haus sei, müsse man sich anmelden oder auch nicht. „Nur wenn ein Haus viele Infektionsfälle hat, wird es mal höchstens übers Wochenende geschlossen“, so Schneider. Grundsätzlich sieht sie das Risiko weniger bei den Besuchern als bei den Mitarbeitern. Durch regelmäßige Tests versucht man das abzufedern.

Mobiles Testzentrum

Das Gesundheitsamt bietet derzeit präventive Reihentestungen von Mitarbeitern auf freiwilliger Basis jeweils 14-tägig an. Einmal im Monat werden außerdem zehn Prozent der Bewohnerschaft getestet. Bisher fanden nach Auskunft des Landratsamts Reihentestungen in 24 Häusern statt. Ziel sei es, dass die Reihentestungen in allen Einrichtungen durchgeführt werden. Doch derzeit müsse laut Göbel immer öfter wegen eines aktuellen Verdachts getestet werden. Hilfe bekommen die Heime bald auch von einem mobilen Testzentrum, das das Landratsamt bald auf Tour schicken will.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus im Landkreis München informieren wir in unserem News-Ticker.

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