Die Drive-In-Teststationen am Sportzentrum in Ismaning
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Fenster runter, Stäbchen rein: Im Frühjahr 2020 wurden innerhalb kürzester Zeit Drive-In-Teststationen wie hier am Sportzentrum in Ismaning eingerichtet.

EIN JAHR CORONA

„Wir haben oft Dinge unterschätzt“: Landrat Göbel im großen Corona-Interview

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
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Ein Jahr Corona im Landkreis: Zeit, Bilanz zu ziehen. Im Interview spricht Landrat Christoph Göbel über Tiefschläge und Erkenntnisse und verrät, was er rückblickend anders machen würde

Landkreis – Ein Jahr ist es her, dass im Landkreis München der erste Bürger an Corona erkrankte. Mittlerweile haben sich mehr als 10 500 Landkreis-Bürger infiziert. Für Landrat Christoph Göbel (CSU) und sein Team war es ein Jahr voller neuartiger Herausforderungen, Tiefschlägen und Erkenntnissen. Im Gespräch erklärt Göbel, was er rückblickend anders machen würde und wann er wieder mit Normalität rechnet.

Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal von Corona gehört haben?

In unserer regelmäßigen Runde der Führungskräfte im Haus hat der Leiter unseres Gesundheitsamts, Dr. Gerhard Schmid, von dem neuen Virus in China berichtet – bevor es den Sprung nach Europa geschafft hat. Ihm war sofort klar, dass das nur eine Frage der Zeit sein wird. Wobei man damals noch davon ausgegangen ist, dass es eine ähnliche Entwicklung nimmt wie frühere SARS-Infektionen. Man dachte, das wird sich lokal ausbreiten, also begrenzt und nicht mit so tragischen Folgen.

Ein Jahr mit Corona: Göbel (r.) mit Christoph Nadler bei der Kommunalwahl.

Wann war Ihnen klar, dass es doch anders kommt?

Als das Virus bei uns im Landkreis aufgetaucht ist. Wir waren ja recht früh betroffen durch einen im Landkreis München ansässigen Mitarbeiter der Firma im Landkreis Starnberg, bei der deutschlandweit die ersten Fälle aufgetreten sind. Mir war da gleich bewusst, dass da noch mehr nachkommt. Gleichzeitig war alles sehr unsicher. Ich erinnere mich, dass der allererste Patient in Deutschland kaum Symptome hatte. Und keiner wusste so recht, was zu tun ist. Fast zwei Wochen hat er in Einzelquarantäne im Krankenhaus Schwabing verbracht.

Wie viel Prozent Ihres Arbeitstags beschäftigt Sie die Pandemie?

Das Coronavirus und seine Folgen füllen noch immer mindestens zwei Drittel meines Arbeitstags aus.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse des vergangenen Jahres im Umgang mit der Pandemie?

Der Landrat zu Besuch im Lager für Schutzartikel im April.

Dass man eine Pandemie nur bewältigen kann, wenn man die Menschen mitnimmt. Die Politik muss die aufgestellten Ge- und Verbote gut begründen, denn die Bürgerinnen und Bürger hinterfragen die Maßnahmen und die damit verbundenen, teils tiefgreifenden Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens kritisch. Dabei kann es gar nicht transparent genug ablaufen. Es wird immer Menschen geben, die mit den getroffenen Maßnahmen nicht einverstanden sind oder sogar den gesamten eingeschlagenen Weg infrage stellen. Unsere Aufgabe als Politiker ist es, den Bürgerinnen und Bürgern zu zeigen, dass dies nicht willkürlich geschieht. Hintergründe müssen offengelegt und Richtungsänderungen mit konkreten Belegen unterfüttert werden. Denn die Maßnahmen allein bewirken nichts, wenn nicht jeder und jede Einzelne sie mitträgt und in seinem beziehungsweise ihrem persönlichen Bereich umsetzt.

Finden Sie die Maßnahmen derzeit nachvollziehbar?

Ja, ich finde sie nachvollziehbar. Dem Wissenstand nach, wie ich ihn jetzt habe, wüsste ich nicht, was man anders machen sollte.

Würden Sie rückblickend Dinge anders machen?

Mit dem heutigen Wissen würde ich schon im Voraus viel großzügiger entsprechende organisatorische Strukturen aufbauen. Wir haben sehr oft Dinge unterschätzt, quantitativ wie qualitativ, etwa was die Anforderungen ans Personal angeht oder Ablaufprozesse. Der Vergleich hinkt etwas, aber nehmen wir mal 2015 die Flüchtlingswelle. Das war eine ganz andere Situation, weil mit einem Schlag eine große Menschenmenge da war und uns allen sehr bewusst war, dass man eine ganz eigene, sehr umfangreiche Struktur aufbauen muss, die sofort handlungsfähig ist. Das war aber sehr konstruktiv. Da war es möglich, schon im Voraus zu handeln und damit die Dinge im Griff zu haben.

Anders als jetzt in dieser Pandemie?

Es ist häufig ernüchternd, dass sich die Situation immer mehr verschlechtert und wir reagieren müssen. Nur reagieren ist nie schön. Ich würde also viel früher mit einer ähnlichen Struktur wie 2015 arbeiten und ganz eigene Organisationseinheiten bilden. Ich habe diese Idee zu Beginn der Pandemie mit den Verantwortlichen diskutiert, letztendlich haben wir uns aber dann doch dazu entschieden, die bereits vorhandene Struktur im Haus zu verstärken, um die bereits eingespielten Prozesse im Gesundheitsamt bestmöglich nutzen zu können. Aus heutiger Sicht würde ich es dennoch anders machen. Aber ich hatte das erste Mal mit einer Pandemie zu tun. Und hoffentlich auch das letzte Mal (lacht).

Steil bergauf ging es bei der Zahl der Infektionen (Zahlenstrahl links) vor allem ab November – unten die Monate. Die 7-Tage-Inzidenz (rechter Zahlenstrahl) sinkt seit Januar täglich.

Hätten Sie gedacht, dass es noch mal so schlimm wird diesen Winter?

Ja. Ich hätte sogar gedacht, dass es noch schlimmer kommt. Wir wissen ja, dass das Ausbleiben von UV-Licht und entsprechende Witterungsbedingungen die Ausbreitung des Virus begünstigen. Und das Coronavirus war ja nicht weg, es gab keine Impfung, von daher war vollkommend klar, dass es so mit dieser Wucht zurückkommt.

Hätte man sich besser vorbereiten können?

Die Frage ist: Wäre nicht die logische Konsequenz gewesen, viel früher in einen härten Lockdown zu gehen? Einerseits ja, andererseits wäre es meiner Einschätzung nach weder mit der Wirtschaft noch mit den Menschen machbar gewesen. Das muss man fairerweise sagen. Pandemie geht nicht ohne die Menschen. Und schon gar nicht gegen sie. Diese Lehre kann man daraus ziehen.

Was bereitet Ihnen derzeit die größten Sorgen?

Hier geht mein Blick in viele Richtungen. Sorge bereiten mir die zahlreichen Unternehmen im Landkreis, vom Handwerksbetrieb über die Gastronomie bis hin zur Kunst- und Kulturszene, die sich mit ganz akuten Existenzängsten konfrontiert sehen. Nicht weniger beschäftigt mich der Gedanke an die Familien, die sich in einer Zerreißprobe befinden, um den Spagat zwischen Homeschooling, Kinderbetreuung und Beruf noch stemmen zu können. Für Personen in sozialen Härten bringt die Pandemie neben den menschlichen Herausforderungen auch eine Verschärfung der finanziellen Situation mit sich.

Schwierig ist diese Zeit auch für die Älteren...

Bei der Bürgerversammlung in Ottobrunn schaute Göbel im Oktober vorbei.

Ja, sie befinden sich zunehmend in Isolation und Einsamkeit. Mein Ziel ist es, Entlastung zu schaffen, wo immer es uns als Landkreis möglich ist, etwa mit zusätzlichen Testmöglichkeiten in Alten- und Pflegeeinrichtungen, um dort Besuche zu erleichtern, oder mit der Verteilung von FFP2-Masken an pflegende Angehörige und Empfänger von Grundsicherungsleistungen. Von wesentlich größerer Bedeutung sind allerdings zielgerichtete Hilfen von Bund und Freistaat, um die bedrohten Existenzen zahlreicher Bürgerinnen und Bürger zu retten. Hier hoffe ich, dass es gelingen wird, diesen Menschen nicht nur kurzfristige, sondern auf lange Sicht gerichtete Zukunftsperspektiven zu geben.

Wann rechnen Sie wieder mit etwas Normalität?

Wenn wir eine entsprechend hohe Durchimpfung der Bevölkerung haben. Es fällt mir wahnsinnig schwer, vorauszusehen, wann das ist. Die Kanzlerin hat mal den 21. September genannt, wo dieses Datum auch immer herkommen mag. Ich hoffe ehrlich gesagt, dass wir es schneller schaffen. Vor allem was die Gruppe der älteren Menschen angeht.

Eine vorsichtige Schätzung?

Im Dezember besichtigte Göbel das fertige Impfzentrum in Haar.

Ich glaube, es gibt einen ersten Schritt der Normalisierung im Spätfrühling. Dann haben wir wieder ein Leben draußen und längere Tage. Das wird die Lage an sich verbessern. Und wir haben bis dahin auch einen guten Anteil an Menschen, die geimpft sind. Ich glaube, dass dann auch die Produktion des Impfstoffs so weit fortgeschritten ist und die Strukturen etabliert sind. Und ich hoffe, dass bis dahin die Impfung in ganz normalen Arztpraxen möglich ist. Wenn es Herbst und Winter wird und es darauf ankommt, sollten wir eine Herdenimmunisierung erreicht haben. Immer vorausgesetzt, die seit einiger Zeit gehäuft auftretenden Virus-Mutationen machen uns keinen Strich durch die Rechnung.

Was vermissen Sie im Moment am meisten?

Den sehr persönlichen Kontakt zu den Menschen. Überlegen Sie mal, wie komisch es uns noch vorgekommen wäre vor eineinhalb Jahren, wenn wir Menschen getroffen hätten und sie hätten uns die Hand nicht gegeben. Und wie komisch es uns jetzt vorkommt, wenn wir zwei Menschen sehen, die sich die Hand geben, etwa in Filmen oder auf Fotos. Es wird großartig, wieder die Maske abzulegen, die Menschen anzulächeln, sie in den Arm zu nehmen und ihnen die Hand zu geben.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus im Landkreis München informieren wir in unserem News-Ticker.

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