Senioren auf dem Weg zur Impfung
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Senioren auf dem Weg zur Impfung. (Symbolfoto)

Sieben Fragen zur Coronakrise

Professoren im Interview: Senioren werden in die Opfer-Rolle gedrängt

  • Martin Becker
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Die Pandemie ist ein Ausnahmezustand. Wie wirkt sich das auf unser gesellschaftliches Miteinander aus? Sieben Fragen dazu haben drei Experten der Bundeswehr-Universität in Neubiberg beantwortet.

Landkreis – Zuerst der Lockdown I im Frühjahr 2020, jetzt seit dem 2. November der permanent scheibchenweise verlängerte Lockdown II: Ausnahmezustand durch die Pandemie. Wie wirkt sich das auf unser gesellschaftliches Miteinander aus, sowohl privat als auch im Beruf? Sieben Fragen dazu haben uns drei Experten der Bundeswehr-Universität in Neubiberg beantwortet: Professor Stephan Kaiser (Fakultät für Wirtschafts- und Organisationswissenschaften), Professor Karl-Heinz Renner (Fakultät für Humanwissenschaften) und Privatdozentin Dr. Helga Pelizäus (Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften).

Homeoffice entzerrt Verkehrswege und Kontakte, steigert aber die soziale Isolation. Haben wir gelernt, diese Herausforderung anzunehmen?

Prof. Kaiser: Natürlich gibt es individuelle Strategien, um mit der sozialen Isolation umzugehen. Diese lassen sich zum Teil auch erlernen. Die Gefahren der sozialen Isolation sind deshalb aber keineswegs gebannt. Wertschätzende soziale Kommunikation findet in virtuellen Räumen immer noch viel zu wenig statt. Studien sprechen von einer starken Entfremdung, die auf die Gesundheit von allein Arbeitenden negativ wirkt. Homeoffice von Alleinstehenden in Kombination mit starken Kontaktbeschränkungen ist deshalb eine echte Herausforderung, für deren Bewältigung nicht alle Betroffenen ausreichend vorbereitet sind. Pausen mit geplanten sozialen Kontakten oder die Nutzung von Co-Working-Spaces wären erste Ansätze, um damit umzugehen.

Falls Corona einmal vorbei sein sollte: Wie schwer wird dann der Rück-Umstieg von Homeoffice auf Büroarbeit fallen?

Prof. Kaiser: Es ist davon auszugehen, dass sich viele Beschäftigte an die positiven Aspekte und die Annehmlichkeiten von Homeoffice sehr schnell gewöhnt haben. Es ist deshalb gar nicht so unwahrscheinlich, dass die Rückkehr in die Büroarbeit inklusive den Nebenfolgen – Flexibilitätsverluste, Reise- und Pendelzeiten – für einige mit einem Rückkehrschock verbunden sein wird. Auf einmal muss man wieder pünktlich im Büro sein, sich mit den Kollegen, Mitarbeitern und Chefs vor Ort in direktem Kontakt auseinandersetzen und engagieren und individuelle Vorstellungen der Arbeitsplatzgestaltung aufgeben. Umgekehrt wissen wir aus Studien, dass sich viele Menschen nach sozialen Kontakten im Büro sehnen, sodass Beschäftigte die Nachteile der Büroarbeit vor Ort nach einem ersten „Schock“ wieder in Kauf nehmen werden – zumal in Zukunft die Möglichkeiten zur zeitweisen Arbeit im Homeoffice ohnehin erhalten bleiben.

Die Individualität des Daheim-Arbeitens flexibilisiert die Arbeitszeiten – Vor- oder Nachteil?

Prof. Kaiser: Beides, die Antwort lautet deshalb „sowohl als auch“. Der große Vorteil liegt für den Einzelnen darin, berufliche und private Tätigkeiten zeitlich besser vereinbaren zu können. Aber einige Arbeitnehmer tun sich mit der Flexibilisierung der eigenen Arbeitszeiten schwer und sind damit überfordert. Insbesondere kommt es zu Überstunden, ohne dass diese angeordnet und vergütet werden. Gleichzeitig erzeugt die Flexibilität auch Abstimmungsnotwendigkeiten, wenn Arbeitsaufgaben ineinandergreifen müssen: So kann es für den einen Beschäftigten hervorragend sein, seine Themen erst in den Abendstunden zu erledigen. Ein anderer muss sich dann aber gedulden, wenn er sich hierzu bereits am Nachmittag gerne abstimmen möchte. Aus unternehmerischer Sicht sind der vollständigen Flexibilisierung in vielen Fällen deshalb Grenzen zu setzen.

Prof. Renner: Einerseits ist die Flexibilisierung der Arbeitszeiten im Homeoffice ein Vorteil, weil dadurch die Chance besteht, andere, zum Beispiel familiäre Anforderungen wie Homeschooling zu erfüllen. Andererseits besteht die Gefahr, dass sich die durch digitale Technologien ohnehin schon bestehende Entgrenzung der Begrenzung von Arbeit noch weiter verschärft: Es gibt keine klaren Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit mehr. Arbeit ist 24/7 immer und überall möglich, zumindest in bestimmten Berufen. Und dann gibt es auch keine Entschuldigung mehr, wenn man seine Arbeit nach dem Homeschooling nicht schafft.

Was bedeutet es für die Alteren, im Rahmen des Krisenmanagements zur Bekämpfung der Pandemie pauschal als Risikogruppe definiert zu werden?

Dr. Pelizäus: Zunächst ist es nachvollziehbar und wichtig, dass in Zeiten großer Unklarheiten und Unsicherheiten bezüglich. des Virus eindeutige „Antworten“ wie die Definition von Risikogruppen gegeben werden. Denn nur auf dieser Basis kann Handlungssicherheit gestiftet, können konkrete Maßnahmen abgeleitet werden. Aber: Diese pauschale Stereotypisierung älterer Menschen als schutzbedürftig, hilflos und mit hohem Risiko für schwere Krankheitsverläufe ist problematisch. Sie ist mit unbeabsichtigten Nebenfolgen verbunden, die gesehen, reflektiert und gegebenenfalls korrigiert werden müssen. Das derzeit kursierende, medial weit verbreitete „Altersbild“ vernachlässigt die große Heterogenität der Gruppe der älteren Menschen und übersieht zudem, dass auch diese ihr Leben kompetent, selbstbestimmt und verantwortungsvoll gestalten. Es leistet einer Altersdiskriminierung Vorschub, die nicht nur auf institutioneller Ebene wirkt, sondern sich auch in den Köpfen der Menschen verfestigt.

Das Seniorenalter wird zu wenig differenziert?

Dr. Pelizäus: Die Vielfalt des Alters zeigt sich nicht nur in großen sozialen und gesundheitlichen Unterschieden, sie drückt sich auch in der großen zeitlichen Lebensspanne aus, die mit diesem vereinfachten Altersbild nicht adäquat abgebildet wird. Was zum Beispiel für Menschen sehr hohen Alters statistisch zutreffen mag – etwa die höhere Zahl an Vorerkrankungen – muss nicht für 60-Jährige zutreffen. Es wird ausgeblendet, dass sich ein sehr großer Teil der jüngeren „Alten“ guter Gesundheit erfreut und die Menschen hohen Alters, die auf Hilfe angewiesen sind, meist auf vielfältige Weise unterstützt. Deren Engagement wird derzeit durch bestehende Restriktionen weitestgehend „ausgebremst“, mit gravierenden Folgen für die Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Das gegenwärtig herrschende Altersbild steht in deutlichem Widerspruch zum sechsten Altersbericht der Bundesregierung, in dem dazu aufgefordert wird, das Alter gerade nicht mit Krankheit, Fürsorge- und Hilfebedürftigkeit gleichzusetzen, sondern die Heterogenität und die Kompetenzen älterer Menschen zu betonen.

Kinder und Jugendliche vermissen Freunde oder Schulkameraden, Senioren sind teils einsamer denn je, Eltern schweben sorgenvoll zwischen beiden Generationen. Leiden die einzelnen Altersgruppen unterschiedlich, was eint sie?

Prof. Renner: Die Covid-19-Pandemie. Die jeweils spezifischen Probleme unterschiedlicher Generationen führen zum Teil zu ähnlichen psychischen Problemen, insbesondere was depressive Verstimmungen betrifft. Sehr hilfreiche Tipps für unterschiedliche Altersgruppen zum Umgang mit Problemen während der Pandemie bietet die Webseite www.psychologische-coronahilfe.de.

Vielen fehlt der persönliche Kontakt: eine Stimme zu hören, jemanden mal zu drücken. Leiden Singles mehr als Familien?

Prof. Renner: In der Tat zeigen Studien in verschiedenen Ländern, dass Singles unter Covid-19 mehr leiden und einsamer und depressiver sind. Nicht verwunderlich. Andererseits haben Familien mit Problemen zu kämpfen, die es für Singles nicht gibt: Kinderbetreuung, Homeschooling, Lagerkoller wegen beengter Wohnverhältnisse, Streit und häusliche Gewalt.

Über alle Entwicklungen rund um das Coronavirus im Landkreis München informieren wir in unserem News-Ticker.

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