Ein Glas Schampus am 95. Geburtstag: Ilse Röthig mit ihrem Sohn Thomas.
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Ein Glas Schampus am 95. Geburtstag: Ilse Röthig mit ihrem Sohn Thomas.

Nur das Virus war stärker

Münchner trauert um Mutter: „Corona raubte uns die Möglichkeit, Abschied zu nehmen“

  • Stefan Sessler
    vonStefan Sessler
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In Oberbayern gibt es über 1000 Corona-Tote. Stellvertretend erzählen wir die Geschichte von Ilse Röthig aus Unterhaching, die die DDR überlebte und einen Bankraub, aber nicht das Virus. Sie fehlt dieser Welt jetzt schon. Das kann man sagen – selbst, wenn man sie nie gekannt hat.

  • Das Coronavirus hat allein in Oberbayern bisher über 1000 Todesopfer gefordert. Hinter dieser Zahl stecken Schicksale. Familien, die um ihre Angehörigen trauern.  
  • Ilse Röthig starb im April in einem Seniorenheim in Unterhaching. Ihr Sohn erzählt, wie er Abschied mit Abstand nehmen musste.
  • Hier finden Sie die Corona-News aus Bayern*. Außerdem bieten wir Ihnen in einer Karte die aktuellen Fallzahlen in Bayern*.

Unterhaching – Corona ist eine Katastrophe, keine Frage. Aber Ilse Ida Röthig war vorbereitet. Ihrer Familie hat sie ihren letzten Wunsch hinterlassen. Handschriftlich und mit roten Unterstreichungen. „Trauerfeier mit Sarg“, hat sie geschrieben. Später hat sie Sarg durchgestrichen und „Urne“ hingeschrieben. Weiter steht auf dem Zettel: „Schönen Urnenschmuck mit langstieligen Blumen in 2 Vasen“. Und: „Schönes Schleifenband mit Namen der Kinder und Enkelkinder“. Und: Die CD abspielen, die beigelegt ist. Darauf findet man die Lieder „Hab’ Ehrfurcht“ und „Time to say goodbye“.

Anschließend, schreibt Röthig, könne, wer will, eine Tasse Kaffee trinken. Ihr Vorschlag: im Gasthaus zur Post in Unterhaching. Später hat sie die „Post“ wieder durchgestrichen und „Grieche, der Neue“ hingeschrieben, „aber vorher bestellen“.

In Oberbayern gibt es inzwischen 1005 Corona-Tote. 1005 Schicksale. 1005 Zufallsopfer, wenn man so will. Ilse Röthig ist eines davon, gestorben am 5. April im Alter von 96 Jahren in einem Seniorenheim in Unterhaching, in dem es einen Massenausbruch gab. Aber den Zufall konnte sie noch nie leiden. Ihr Sohn Thomas Röthig sitzt in seinem Makler-Büro in München-Bogenhausen und kramt in der Beerdigungskiste, die neben ihm steht. Darin hat die Mutter alles hinterlassen, was in ihrem Leben wichtig war. Plus genaue Regieanweisungen für die eigene Bestattung.

96-Jährige stirbt an Corona-Folgen: Eine Pflegerin hat in den letzten Minuten ihre Hand gehalten

Sie hat notiert, wer alles per Karte zur Trauerfeier eingeladen wird und wer zusätzlich einen Anruf bekommen soll. Sie hat einen Zettel hinterlassen, auf dem steht, dass die Urnenbeisetzung an einem Freitag stattfinden soll. „Damit möglichst viele Menschen kommen können“, sagt ihr Sohn. Er muss immer wieder lachen, wenn er von seiner Mutter erzählt. Weil sie so lustig war, so herzlich. Und er muss immer wieder weinen. Weil es so traurig ist, dass sie nicht mehr da ist. Er durfte sie zuletzt nicht mehr sehen, Besuchsverbot. Als sie vor ein paar Wochen im Sterben liegt, bekommt der Sohn einen Anruf vom Heim. Die Familie fährt so schnell wie möglich zu ihr. Aber sie kommen zu spät, nur ein paar Minuten. „Corona raubt den Angehörigen die Möglichkeit, Abschied zu nehmen“, sagt der Sohn. Eine Pflegerin hat in den letzten Minuten die Hand der Mama gehalten.

Im Dessous-Laden hat sie gearbeitet, bis sie 80 war

Röthig war geistig fit. An ihrem 95. Geburtstag hat sie Champagner mit der ganzen Familie getrunken. „Corona war zuletzt ein ganz großes Thema für sie“, sagt der Sohn. Sie hat sich sogar beim Heimleiter beschwert, dass eine Pflegerin in Österreich im Urlaub war und dann wieder gearbeitet hat. „Irgendeinen Tod stirbt eine 96-jährige Dame, das ist klar“, sagt Thomas Röthig, „aber sie hing am Leben. Sie freute sich jeden Morgen, dass sie aufgewacht ist.“ Das ist es, das Corona zehntausenden Familien auf der Welt nimmt – den richtigen Augenblick des Todes.

Ein Bild aus jungen Jahren: Ilse Röthig ist auf einem Bauernhof aufgewachsen.

Röthig, Jahrgang 1924, war eine Frau, die gerne lachte, gärtnerte, strickte und Karten spielte. Sie ist in Thüringen auf einem Bauernhof aufgewachsen. Die Eltern sterben früh. Später arbeitet sie als Altenpflegerin in Leipzig und heiratet ihren Mann Otto. Mit 20 Jahren flieht ihr Sohn mit gefälschten Papieren in den Westen. „Das war für die Mutter sehr bewegend“, sagt er. Auch Ilse Röthig geht mit ihrem Ehemann in den Westen, aber viel später. Als Rentner, Anfang 1989. Sie ziehen zu ihrem Sohn nach Oberbayern. 

96-Jährige stirbt an den Folgen von Corona - „Unterhaching wurde der Nabel ihrer Welt“

„Unterhaching wurde der Nabel ihrer Welt“, sagt Thomas Röthig. Seine Mama findet schnell Anschluss – und die Liebe zu Bayern. Bis zu ihrem 80. Lebensjahr arbeitet sie in der „Strumpf-Vitrine“, einem Dessous-Geschäft in Unterhaching. Unendlich viele Geschichten bringt sie von dort mit nach Hause. Ortsansässige Nonnen kaufen immer wieder bei ihr ein. „Die wollten keine Dessous, sondern Wollsocken haben“, erzählt der Sohn und muss lachen. „Aber dafür haben sie immer um den Preis gefeilscht.“ Röthigs Ehemann ist vor 20 Jahren gestorben, nach einem Schlaganfall pflegte sie ihn zuvor ein Jahrzehnt lang.

Die vierfache Oma und zweifache Mutter hat ein Leben geführt, für das andere zwei Leben brauchen. Sie hat den real existierenden Sozialismus in der DDR überstanden und in den 1990er-Jahren sogar einen Banküberfall in Unterhaching. „Sie war Geisel“, sagt ihr Sohn. Ein Maskierter hält ihr eine Pistole an den Kopf und schreit: „Geld her!“ Mit 28.000 Mark flüchtet er. Nach dem ersten Schock freut sich Röthig, dass alle Zeitungen über den Fall und die 74-jährige Geisel berichtet haben. In ihrer Beerdigungskiste finden sich noch einige Kopien davon.

Das mit dem Sterben hat Röthig sogar schon einmal geprobt. Vor zwei Jahren ruft plötzlich jemand aus dem Altenheim bei Thomas Röthig an und sagt: „Ihre Mutter will, dass sofort alle zu ihr kommen.“ Ihr gehe es schlecht. Kurz darauf sitzen Kinder, Enkelkinder und weitere Angehörige an ihrem Bett. Ilse Röthig zeigt, als die Familie eintrifft, den Pflegerinnen bereits die geklöppelten Tischdecken, die sie nach ihrem Ableben einmal bekommen sollen. Ihren Kindern befiehlt sie, die CD aus der Bestattungskiste einzulegen und ihre Hände zu greifen. Ohne ein Wort zu sagen, hören alle zusammen die Lieder, Tränen fließen. „Das dauerte bestimmt eine Stunde“, erzählt der Sohn. Dann macht die Mutter einen schweren Atemzug und sagt: „Jetzt hätte ich gerne ein Butterbrot.“

Corona: „Denkt mit einem Lächeln an mich zurück“ - Ilse Röthigs letzte Zeilen

Jeder in der Familie spricht seitdem von Ilses erster Beerdigung. Damals hat sie den Tod ausgetrickst. Doch nächsten Freitag wird es ernst: Ilse Ida Röthig wird beerdigt. Auf der Einladung zur Trauerfeier stehen die letzten Worte, die sie für diesen Moment hinterlassen hat: „Denkt mit einem Lächeln an mich zurück und nicht mit so viel Tränen. Ihr wisst, ich hab immer gern gelacht. Jetzt bin ich erst mal bei meinem Otto. Er wird schon meckern, wo ich wieder einmal so lange war. Eigentlich müssen wir alle dankbar sein, dass ich so lange bei Euch sein durfte. In großer, unendlicher Liebe: Eure Mutti, Schwiegermutti, Oma. Ich liebe Euch!!!“

Ein oberbayerisches Corona-Opfer: Ilse Röthig starb im April in einem Seniorenheim in Unterhaching.

Covid-19 in Oberbayern - Sterblichkeit ist doppelt so hoch wie in Gesamtdeutschland

Es ist nicht ganz gerecht, spricht man von Oberbayern als dem Hotspot im Freistaat. Denn betrachtet man die Fallzahl pro 100.000 Einwohner, ist die Oberpfalz mit 487 Infizierten Schlusslicht vor Oberbayern (464).

Das gilt auch bei der Sterblichkeit: Bezogen auf die rund 1,2 Millionen Einwohner hat die Oberpfalz eine Sterblichkeit von 0,03 Prozent – in Oberbayern (4,69 Mio. Einwohner) liegt der Wert bei 0,02. Zwei von zehntausend Oberbayern sind also bisher im Zuge einer Corona-Erkrankung gestorben. In der Oberpfalz waren es drei.

Dennoch: 1005 Tote in Oberbayern sind ein trauriger Wert. Seit Freitag ist er vierstellig. Sechs neue Todesfälle wurden gemeldet – vier im Berchtesgadener Land, einer in der Stadt München, einer in Rosenheim. Vergleicht man Oberbayern mit Gesamtdeutschland (0,01), ist die Sterblichkeit mit 0,02 Prozent doppelt so hoch. Auch wegen der infektionsträchtigen Après-Ski-Partys unter anderem in Ischgl war Oberbayern einer der ersten Hotspots.

Betrachtet man die Situation in Oberbayerns Landkreisen, macht die Zahl der Infektionen pro 100.000 Einwohner die unterschiedlich stark besiedelten Kreise vergleichbar. Die Zahlen werden täglich vom Landesamt für Gesundheit (LGL) veröffentlicht.

Coronavirus in Bayern: Spitzenreiter Tirschenreuth

Spitzenreiter im negativen Sinne bleibt hier der Landkreis Tirschenreuth mit 1574 Infizierten pro 100.000 Einwohner. Das Coronavirus hatte dort bei einem Starkbierfest leichtes Spiel.

Hohe Zahlen weist die Statistik unter anderem für Weiden Stadt (793), Straubing Stadt (896), Rosenheim Stadt (818) und die Kreise Wunsiedel (902), Traunstein (749), Rosenheim (877), Neustadt a.d. Waldnaab (882), Erding (463), Altötting (544) Dachau (599), Freising (542) und Miesbach (589) auf. Miesbach war zwischenzeitlich der am zweithärtesten betroffene Landkreis nach Tirschenreuth, hat aber seit Wochen keine Neuinfektion mehr. Auch in den meisten anderen Landkreisen Oberbayerns hat sich die Lage beruhigt.

Ein aktueller Hotspot ist die Stadt Fürth, wo es an zwei Schulen Corona-Ausbrüche gab. Am Donnerstag hatte Fürth 34 Neufälle gemeldet, am Freitag weitere fünf.

Viele Kreise sind wiederum kaum betroffen. Die wenigsten Infizierten pro 100.000 Einwohner gibt es in Memmingen Stadt (119), Oberallgäu (122), Main-Spessart (124) und Augsburg Stadt (154). Gar keinen Todesfall gab es bisher nur in der Stadt Memmingen. Die meisten Todesfälle gab es verständlicherweise in Ballungszentren wie München Stadt (218), Kreis München (92), Kreis & Stadt Rosenheim (218), Kreis & Stadt Fürth (96). Tirschenreuth hat 138 Corona-Tote gemeldet.

Laut LGL sind vor allem Ältere gefährdet. 667 der insgesamt 2591 Toten in Bayern waren 70 bis 79 Jahre alt, 1140 80 bis 89 Jahre und 398 90 bis 99 Jahre. Bei Jugendlichen bis 19 Jahre gab es nur einen einzigen Todesfall.

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