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Pläne für Straße, Schiene und Wohnen: So sieht der Verkehr der Zukunft im Landkreis München aus

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Von: Martin Becker

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Kurz vor dem Kollaps: Zu den Stoßzeiten sind vor allem die Straßen aus und Richtung Stadt verstopft. Mehr Anreize sollen die Menschen in Bus und Bahn lotsen.
Kurz vor dem Kollaps: Zu den Stoßzeiten sind vor allem die Straßen aus und Richtung Stadt verstopft. Mehr Anreize sollen die Menschen in Bus und Bahn lotsen. © Marcus Schlaf

Wie wohnen wir in Zukunft, und was muss sich bei der Verkehrsentwicklung tun? „Wohnen und Verkehr sind die zentralen Themen für den Landkreis München“, sagt Bayerns Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) im Interview mit dem Münchner Merkur.

Die Spritpreise erreichen mittlerweile Rekordniveau, die neue Bundesregierung dürfte das Autofahren kaum attraktiver machen. Sind Bus und Bahn als Alternative gut genug gerüstet, gerade auch im ländlichen Raum?

Zwischen 2018 und 2020 bekam der Landkreis München über 8,5 Millionen Euro an ÖPNV-Zuweisungen, so viel wie kein anderer Landkreis in Bayern; dazu gut sechs Millionen Euro aus dem Programm für barrierefreie und emissionsarme Busse. Aber: Das Thema Verkehrsanbindung hat ganz viele Facetten, wir dürfen die Verkehrsanbieter nicht gegeneinander ausspielen. Die Frage „Straße oder Schiene?“ stellt sich nicht – wir brauchen beides. Wir müssen allerdings immer mehr Anreize schaffen, dass der Individualverkehr zurückgeht.

Motiviert ins neue Jahr: Kerstin Schreyer.
Motiviert ins neue Jahr: Kerstin Schreyer. © Martin Becker

Wie soll das gelingen?

Mein Ziel ist, dass wir es aufgrund der Klimadebatte schaffen, dass möglichst wenige mit dem Auto fahren. Das heißt aber nicht, dass ich gegen das Autofahren bin, sondern ich muss ein sehr gutes und attraktives ÖPNV-Angebot machen. Das unterscheidet mich von den Grünen: Ich will das Autofahren nicht verbieten oder verunmöglichen, denn das würde eine soziale Schieflage herbeiführen – die einen können es sich noch leisten, andere nicht mehr. Jeder sollte mit jedem Einkommen eine Wahlfreiheit haben. Im Sinne der Ökologie kann ich aber ein so attraktives Angebot schaffen, dass die Wahl automatisch auf den ÖPNV fällt.

Ist der ÖPNV so weit?

Die Taktung bei Bussen und Bahnen ist entscheidend; im ländlichen Raum können auch Sammeltaxis und Rufbusse eine wichtige Rolle spielen. Was gerade Fahrt aufnimmt, ist der Expressbus-Ring. Ein Beispiel: Von Putzbrunn nach Hohenbrunn braucht man momentan 27 Minuten und muss einmal umsteigen – mit dem Expressbus dauert es fünf Minuten und man muss nicht mehr umsteigen. Das ist genau der Unterschied: Wenn das Angebot attraktiv ist, überlege ich mir, ob ich wirklich ins Auto steigen muss oder ob ich diesen Bus nehme, weil er halt schnell ist. Wir brauchen viele passgenaue Lösungen, wie wir Orte schnell miteinander verbinden und nicht an jeder Gießkanne anhalten.

Oft hakt es an einer intelligenten Vernetzung, weil für ein Teilstück der Gesamtwegstrecke eine flotte Verbindung fehlt.

In der Fachwelt reden wir von kombinierten Verkehren. Wir werden nicht immer von der Haustür weg mit einem Verkehrsmittel am Zielort ankommen. Aber vielleicht mit dem Radl zur S-Bahn, danach das letzte Stück mit E-Roller oder Bus ans Ziel. Die Kunst liegt darin, dass all dies zeitlich gut ineinandergreift. Es beißt sich oft hintenraus aus, dass man das letzte Stück nicht hinbekommt.

Wie in Martinsried?

Genau, ein gutes Beispiel – und ein Grund, warum ich für die U-Bahn-Verlängerung kämpfe. Wissenschaftler aus aller Welt lassen sich nach München fliegen und sollen dann das letzte Stück von der U-Bahnstation Großhadern aus übers Feld laufen? Das erscheint mir nicht sehr realistisch. München ist das Tor zur Welt; in Garching, Taufkirchen und Martinsried haben wir in Forschung- und Wirtschaftsinstitute von Weltformat, die kann ich nicht mit dem Lastenrad anbinden.

Apropos internationales Publikum: Das tut sich schwer mit dem komplizierten Tarifsystem hierzulande. Warum gibt es im Großraum München keine einfachere Lösung wie beispielsweise die Oyster Card in London?

Wir entwickeln gerade das System „Ein Klick, ein Ticket“ und wollen damit 2023 landesweit an den Start gehen. Meine Wunschvorstellung der Zukunft ist, dass ich in Unterhaching mit dem Smartphone zur S-Bahn gehe, damit zahle, um nach Würzburg zu fahren – und das Handy sagt mir sofort, was es kostet und wie lange es dauert und wo ich umsteigen muss. Im Straßenbereich sind wir schon einen Schritt weiter mit der App „Bayern-Info“: Damit kann ich planen – Baustellen, wann ist wo welcher starke Verkehr, wie voll sind die Raststätten, was zeigen die Webcams, wie viele freie Parkplätze gibt es am Zielort? Das wollen wir analog auch im ÖPNV, aber da ist es schwieriger, weil wir in Bayern über 50 Anbieter haben. Deshalb gründen wir Verbünde mit dem Ziel, dass man mit einem Ticket quer durch den ganzen Freistaat fahren kann.

Immer wieder im Gespräch sind Seilbahnen. Was sollen die bewirken?

Laut Machbarkeitsstudien sprechen viele Faktoren dafür. Im Großraum München haben wir vielerorts keinen Platz mehr für klassische Verkehrsmittel, also müssen wir zwangsläufig in die Höhe gehen – Seilbahnen können eine sehr kluge Ergänzung sein. Als Querverbindung über Bürokomplexe oder Naturgebiete – unser S-Bahn-Spinnennetz ließe sich sehr gut mit Seilbahnen als ergänzendes System querverbinden. Ein zweites und sehr spannendes System ist die Ottobahn, ein Stück weit mein Baby. Die Vision: Wenn ich in Taufkirchen einsteigen will, gebe ich Bescheid, dass ich um soundsoviel Uhr eine Gondel brauche – die wird dann nur für mich geschickt, bis zu vier Personen kann ich mitnehmen, ohne Schlange zu stehen; gibt mehrere Ausstiegspunkte. Ich bin mit der Ottobahn probegefahren und kann mit perspektivisch vorstellen, Taufkirchen mit dem Gewerbegebiet Brunnthal anzubinden. Seilbahn und Ottobahn sind „add on“ – aber ich sprühe für solche Sachen, bei denen man innovativ vorangeht und jeder sagt: Wow, das ist was!

Vielversprechend: Die Ottobahn GmbH will ihre Gondeln oberhalb der Straßen flitzen lassen.
Vielversprechend: Die Ottobahn GmbH will ihre Gondeln oberhalb der Straßen flitzen lassen. © Otto GmbH

Wie sieht in zehn bis 15 Jahren der Verkehr aus?

Ich glaube, dass wir vielfältiger werden – die Gesellschaft war lange sehr autofixiert. Plötzlich kamen E-Roller und Lastenrad dazu, wir haben Carsharing und Bikesharing. Der Verkehr der Zukunft bedeutet Vielfalt: dass wir andere Wege gehen, beispielsweise Medikamente mittels Drohnen zu Unfallorten fliegen. Und zwei Unternehmen erproben Lufttaxis, sowohl für längere Distanzen als auch im ländlichen Raum.

Kommen wir vom Verkehr zum Wohnen.

Wohnen, Bau, Verkehr: Man muss es zusammendenken!

Wohngebiete bedingen Einkaufszentren – die verbrauchen teils riesige Parkplatzflächen wie am Grünwalder Weg in Unterhaching. Ist diese Form der Flächenversiegelung noch zeitgemäß?

Es findet ein Umdenken statt bei der Generation, die jetzt ihren Führerschein macht. Für die hat Umweltschutz eine größere Bedeutung – deshalb funktionieren in Unterhaching die E-Ladestationen so gut. Und wenn die E-Ladesäulen näher am Supermarkt sind als die normalen Parkplätze, kann das eine Botschaft sein. Generell müssen wir umdenken, brauchen mehr Parkhäuser oder unterirdische Parkplätze.

Wichtiger Wohnungsbau: Jeder Gemeinderat müsse sich laut Schreyer überlegen, wo dafür Platz ist.
Wichtiger Wohnungsbau: Jeder Gemeinderat müsse sich laut Schreyer überlegen, wo dafür Platz ist. © Sven Hoppe

Vor allem werden aber bezahlbare Wohnungen benötigt, oder?

Wohnen hat oberste Priorität, Wohnen ist die soziale Frage der Zukunft schlechthin – der Druck auf den Großraum München ist riesengroß, aber die Grundstücke sind irgendwann zu Ende. Jeder Gemeinderat wird sich überlegen müssen, wie weit er bereit ist, mal ein Stockwerk höher zu bauen oder mal etwas auszuweisen oder näher zu bauen, anders wird es nicht gehen. Wir müssen bauen, bauen, bauen – nur dann reguliert sich der Preis. Auch die Wohngeldfrage werden wir diskutieren müssen: ob wir es anheben und ob wir den Kreis der Berechtigten erweitern. Das ist Bundessache, wir kämpfen in Berlin für Mehrheiten.

Wie wird das Bauen ökologischer?

Wir müssen mutiger werden und uns nach alternativen Baustoffen umschauen: Lehm, Holz, Stroh – es eignet sich nicht für alles, aber wir müssen stärker in regenative Bauweisen einsteigen und uns neue Dinge trauen.

Fürs Wohnen braucht es Infrastruktur. In Neubiberg regt sich Widerstand gegen den geplanten U-Bahn-Betriebshof Perlach.

Ich kann die Neubiberger gut verstehen, auch wenn ich die Diskussion nur über die Medien verfolgt habe, aber offenbar hat die Stadt München ihr Projekt sehr brachial durchgezogen. Bei Verkehrsprojekten muss man miteinander ins Gespräch gehen. Wenn ich es richtig verstehe, sind die Kommunikationswege aus der Landeshauptstadt heraus nicht gut gelaufen. Deshalb verstehe ich den Unmut – man muss auf Augenhöhe mit den Landkreiskommunen reden, dann lassen sich in der Regel sehr gute Ergebnisse erzielen. Was nicht geht, ist von oben nach unten zu regeln.

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