„Willkommen in der Zukunft“: Korbinian Rüger– kein Lückenfüller, sondern ein Kandidat mit Potenzial.
+
„Willkommen in der Zukunft“: Korbinian Rüger– kein Lückenfüller, sondern ein Kandidat mit Potenzial.

Bundestagswahl 2021

„Wir können uns keine Bremser von CDU und CSU mehr leisten“: Korbinian Rüger will für die SPD in den Bundestag

Auch ohne Listenplatz will Korbinian Rüger im Wahlkampf Gas geben. Er tritt für die SPD im Landkreis München bei der Bundestagswahl am 26. September an.

Landkreis – Meistens taucht er auf dem Rennrad auf. Die Haare hat der Fahrtwind aufgestellt. Die Stirn ist vom Tempo leicht gerötet. Schnell das Rad anketten, dann ist er da. Knapp 1,90 Meter groß, im schlichten blauen Hemd mit schwarzer Hose und Turnschuhen. Seit Korbinian Rüger unter schwierigen Bedingungen als Bundestagskandidat antrat, gibt er Vollgas im SPD-Wahlkampf – auch ohne Listenplatz. Der 32-Jährige twittert zu aktuellen Ereignissen, diskutiert online und ist fast täglich bei Terminen im Landkreis anzutreffen.

„Ich freue mich darauf, mit Menschen zu sprechen.“ Der promovierte Wissenschaftler hört zu, lacht gern, wirkt selbstsicher. Seine Ernsthaftigkeit im politischen Gespräch, sein lausbubenhafter Charme im Umgang mit den Leuten kommen gut an. „Willkommen in der Zukunft“, heißt das Motto des Planeggers.

„Es sollte verboten sein, Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umzuwandeln“

Während Union und Grüne eher die bürgerlichen Schichten vertreten, setzt sich der Doktor der praktischen Philosophie für die Chancen der „normalen Leute“ ein. „Der Landkreis München ist so reich, sagt man oft. Aber das trifft nicht auf alle zu. Vor allem das Wohnen muss bezahlbar werden.“ Es sollte verboten sein, Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umzuwandeln, findet er und hält ein Vorkaufsrecht für Kommunen für richtig, „es sollten viel mehr Wohnungen in öffentlicher Hand sein.“

Öffentliche Verkehrsmittel müssten besser und günstiger werden. „60 Euro im Monat für ein Ticket ist immer noch viel Geld.“ Sein Vorschlag: Verkehrssysteme durch Umlagen finanzieren, so dass jeder automatisch für S-Bahn und Bus zahlt, „ob man sie nutzt oder nicht. Dann sagt man sich – egal, ich hab ja eh schon bezahlt.“

Klimaschutz größte Herausforderung

Im Klimaschutz sieht Rüger „die mit Abstand größte Herausforderung für die nächste Regierung“. Es reiche nicht, sich wie die Union zum Klimaschutz zu bekennen und bei der Umsetzung zu bremsen, wie mit der 10H-Regel. „CDU und CSU müssen in die Opposition. Wir können uns keine Bremser mehr leisten, keinen Tag mehr“, twittert er. Bayern brauche „viel mehr Windkraft“, um wirklich 2040 klimaneutral zu sein.

„Viel mehr Windkraft“, fordert SPD-Bundestagskandidat Korbinian Rüger. 

Seine Kindheit hat er mit Ballsportarten auf verschiedenen Sportplätzen verbracht, bei Fußball, Basketball und Tennis. Nach Abitur und Zivildienst studierte er Volkswirtschaft und Philosophie und kam zügig voran. Seine Promotion an der Universität Oxford schrieb er zum Thema „Verteilungsgerechtigkeit“. Nach Stationen in London und Princeton erhielt er seine erste Stelle als Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU. Er unterrichtet Studierende, forscht, veröffentlicht Aufsätze und Gastbeiträge.

Er ist ein Denker, aber im Elfenbeinturm sitzt Korbinian Rüger nicht. Gerade hat der Haustür-Wahlkampf begonnen. Nach der Uni-Arbeit verteilt er Flyer aus einem roten Baumwollbeutel. Wahlkampf und Wissenschaft – ein Spagat? Er lacht: „Es ist gerade sehr herausfordernd.“

Mit 99 Prozent Zustimmung nominiert

Rüger wusste, worauf er sich einließ. Seit 2012 ist er SPD-Mitglied, wie schon sein Opa. 2019 kandidierte er für die Europawahl. Als Bela Bach ihre Kandidatur im Mai zurückzog, weil sie keinen aussichtsreichen Listenplatz bekommen hatte, stand die Kreis-SPD kurz ratlos da: Bundestagswahl ohne SPD-Kandidat? „Unvorstellbar“ sei das für den Unterbezirk gewesen, sagt Rüger. Dass er beherzt in die Bresche sprang, scheint für ihn jedoch nahe gelegen zu haben. „Ich konnte mir grundsätzlich vorstellen, für das Europaparlament oder den Bundestag zu kandidieren. Es wäre doch unehrlich gewesen, die Chance nicht zu ergreifen, wenn sie sich bietet.“ Seinen beruflichen Weg sieht er in der praktischen Politik oder weiterhin in der Wissenschaft.

Sein Auftritt bei der Aufstellungsversammlung hat den Unterbezirk begeistert: Korbinian Rüger ist kein Lückenfüller, sondern ein Kandidat mit viel Potenzial, das haben viele Genossen gespürt. Der Unterbezirk nominierte ihn mit 99-prozentiger Zustimmung. „Wir unterstützen dich aus voller Überzeugung“, versichern ihm Bürgermeister und Ortsvorsitzende nach seinem Auftritt.

Witzige Slogans

Die Listenaufstellung war längst gelaufen. Unwahrscheinlich, dass ihn die Landkreiswähler direkt nach Berlin schicken. Das weiß Rüger selbst. Trotzdem treibt er den Wahlkampf voran, gibt ihm seinen Stil und wird bekannter. Mit witzigen Slogans nach dem Motto „schuld dran und stolz drauf“ sorgt er für frischen Wind: „Woran die SPD schuld ist: Mieterschutz“, heißt es da zum Beispiel.

Wahlkampf ganz ungezwungen: Korbinian Rüger bei einem seiner Biergarten-Gespräche.

An sich und seine Arbeit hat Rüger hohe Ansprüche. „Viele Politiker starren ängstlich auf den Wähler, der dies oder das angeblich nicht will. Die Politik muss mutig sein und neue Wege aufzeigen.“ Er bringt ein Beispiel: „Der Radweg in der Fraunhoferstraße.“ Viele hätten gesagt, wir können doch den Autofahrern und Anwohnern nicht die Parkplätze wegnehmen. „Dann wurde es einfach gemacht, und die Leute ziehen mit.“

Rüger sieht gute Chancen für die SPD

Korbinian Rüger ist zuversichtlich, wenn er an den 26. September denkt. „Vielen ist noch nicht ganz klar, dass Angela Merkel nicht mehr antritt“, aber das ändere sich langsam. „Es gibt keinen qualifizierteren Kandidaten als Olaf Scholz“, ist Rüger überzeugt. Er sieht für die SPD eine gute Chance, „besser als die meisten Leute glauben“, sagt er mit seinem unverkennbaren, schelmischen Lächeln.

Auch interessant

Kommentare