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Inci Ahmad kümmert sich um die Eingliederung von Migranten.

Interview

„Ich setze keinen Fuß mehr in die Türkei“

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Inci Ahmad besitzt die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeiten. Doch bei aller Liebe zu ihrer früheren Heimat: Heute würde die 66-Jährige keinen Fuß mehr in die Türkei setzen. Wegen Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Unterhaching – Inci Ahmad (66) blutet das Herz. Sie besitzt zwei Staatsangehörigkeiten, die deutsche und die türkische, lebt seit 39 Jahren in Unterhaching. Dort hat sie 2009 das Forum „Begegnung der Kulturen“ gegründet, sitzt für die SPD im Gemeinderat. Dass Integration und das friedliche Zusammenleben ihr Herzensanliegen sind, für das die gebürtige Türkin sich vielfältig engagiert, hat Bundespräsident Joachim Gauck 2015 mit der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Inci Ahmad gewürdigt. Bei aller Liebe zu ihrer früheren Heimat: Heute würde die 66-Jährige keinen Fuß mehr in die Türkei setzen. Wegen Präsident Recep Tayyip Erdogan, über dessen Nazi-Vergleiche die Unterhachingerin im Interview mit dem Münchner Merkur spricht.

Frau Ahmad, im Zusammenhang damit, wie deutsche Behörden mit geplanten Wahlkampfauftritten türkischer Politiker hierzulande umgehen, hat Erdogan Deutschland mehrfach „Nazi-Praktiken“ unterstellt. Was empfinden Sie bei solchen Aussagen?

Inci Ahmad: Ich bin zutiefst traurig und habe inzwischen Magenkrämpfe, wenn ich jeden Tag in den Nachrichten das Geschrei von Erdogan sehen muss. Wenn man sieht, was er in der Türkei macht, was er alles verbietet: Dort gibt es keine Demokratie mehr, das ist pure Diktatur. Das ist bitter, wenn ich in die Geschichte der Türkei schaue, in der Mustafa Kemal Atatürk dafür gekämpft hat, es mit Demokratie zu reagieren. Die aktuelle Situation ist unmöglich, furchtbar schlimm.

Wie sollten die Bundesrepublik Deutschland und Europa sich verhalten?

Ahmad: Erdogan darf nirgendwo in Europa rein, um eine Wahlkampfveranstaltung abzuhalten. Ich weiß nicht, was er gegen Angela Merkel in der Hand hat, dass sie immer wieder weich wird und ihm Rückendeckung gibt. Wir müssten in ganz Europa Gegenpropaganda machen und für ein „Nein“ beim Referendum in der Türkei werben. Denn was ist Erdogan denn? Doch kein gebildeter Mensch, sondern ein Schafhirte, dem seine Anhänger folgen wie eine Herde. Dabei geht es ihm doch nur um eins: das korrupte System, das er zugunsten seiner Familie aufgebaut hat, noch auszuweiten.

Ist unter solchen Umständen ein EU-Beitritt der Türkei überhaupt denkbar?

Ahmad: Nein, auf gar keinen Fall. Mit Erdogan? Unvorstellbar. Die EU sollte ihn und die Türkei aus allen Verträgen rausschmeißen.

Deutliche und kritische Worte aus dem Mund einer Deutsch-Türkin. Haben Sie keine Angst, wenn Sie in die Türkei reisen?

Ahmad: Ja, schon früher hatte ich an der Grenze Sorge, dass sie mich vielleicht festhalten – die wissen über jeden Bescheid. Mittlerweile reise ich nicht mehr in die Türkei, ich setze keinen Fuß mehr in mein Heimatland. Jammerschade, dass ein so schönes Land derart zugrunde geht.

Haben Sie noch Kontakte zu Freunden in der Türkei? Welche Eindrücke schildern sie?

Ahmad: Ich stehe täglich in Kontakt, lieber per WhatsApp als per Telefon, denn das wird teilweise abgehört. Auch bekomme ich in Unterhaching immer wieder Besuch von alten Freunden. Was die berichten, ist erschütternd. Man kann nicht mal mehr im eigenen Wohnzimmer zu Bekannten ein kritisches Wort sagen, weil es auch hier Spionage-Spitzel gibt. Ein Anruf genügt, und man wird am nächsten Tag von der Staatsmacht abgeholt. Es ist fürchterlich.

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