Bilder und Filme, die Gewalt und Missbrauch zeigen, muss Fabian Unucka als IT-Forensiker sichten. Professionell mit dem Gesehenen umzugehen und es nicht zu nah an sich heranzulassen, ist die Herausforderung in seinem Job.
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Bilder und Filme, die Gewalt und Missbrauch zeigen, muss Fabian Unucka als IT-Forensiker sichten. Professionell mit dem Gesehenen umzugehen und es nicht zu nah an sich heranzulassen, ist die Herausforderung in seinem Job.

Digitale Spurensuche mit den Daten-Cops

Bilder von Missbrauch und gefilmter Mord: Der harte Job der IT-Forensiker

  • Laura Forster
    vonLaura Forster
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Fünf Tage die Woche sichtet ein Team von IT-Forensikern des Unternehmens „Fast detect“ kinderpornografische Bilder oder gefilmte Morde – alles im Auftrag der Staatsanwaltschaft.

Unterhaching – Ein Bürogebäude am Rande des Gewerbegebiets Unterhaching. An der Eingangstür des Sachverständigenbüros für IT-Forensik „Fast detect“ im vierten Stock tippt Fabian Unucka einen Zahlencode in ein elektronisches Schloss. Die Tür springt auf. Mehrere Überwachungskameras sind sofort auf ihn gerichtet. „Hier kommt man ohne Berechtigung nicht rein“, sagt der Diplom-Informatiker. Er schaut in einige Büros, grüßt Kollegen und geht an einem Serverraum mit mehreren Petabyte Speicherplatz vorbei. Ein Petabyte ist eine Million Gigabyte groß. Zum Vergleich: Ein herkömmlicher Laptop kann rund 500 Gigabyte speichern. Vor Unuckas Schreibtisch stehen zwei Bildschirme. Gerade arbeitete er an Gutachten in drei Fällen: sexueller Missbrauch, ein Tötungsdelikt eines Kindes und schwere Körperverletzung. Schreckliche Ereignisse für die breite Masse – Alltag für den 40-Jährigen.

Arbeit als Forensiker: Hauptsächlich Gerichtsgutachten

Das Sachverständigenbüro gibt es seit 2003, seitdem ist Unucka Teil des Teams. Mittlerweile hat das Unterhachinger Unternehmen knapp 50 Mitarbeiter und deutschlandweit führend im Bereich IT-Forensik. „Wir führen Gutachten und Analysen von elektronischen Beweismitteln durch“, erklärt Unucka. Den Auftrag dafür bekommen sie entweder von der Polizei, Staatsanwaltschaft oder von privaten Kunden.

Für das Auswerten von Handys und Festplatten nutzen die Experten spezielle Technik.

Unternehmen interessieren sich dafür, ob es einen Fall von Datendiebstahl oder Korruption in der Firma gab. Die meiste Arbeitszeit der „Fast Detect“-Mitarbeiter nehmen jedoch die Gerichtsgutachten ein. „Wir bekommen die beschlagnahmten Computer oder Smartphones von der Polizei gebracht“, sagt Unucka. Da die elektronischen Geräte wie alle anderen Beweismittel behandelt werden müssen, ist der erste Schritt immer, eine Kopie der Daten anzufertigen und diese auf einer separaten Festplatten auszuwerten. Standortdaten und Chatverläufe können bei Raubüberfällen, Verkehrsunfällen, Drogen- oder Waffenhandel und selbst Schlägereien wichtig sein. „Wir sind keine Ermittler, sondern Gutachter“, sagt Unucka. „Wir schauen uns die Beweismittel an, nachdem die Straftat passiert ist.“

Harte Bilder als Forensiker ertragen: Nicht jeder kann das Gesehene vergessen

Den Großteil ihrer Arbeit widmen sich die IT-Forensiker Sexualstraftaten. Bilder und Videos von Vergewaltigungen, sexueller Nötigung, Stalking – und Kinderpornografie. Hier ist schon allein der Datenbesitz strafbar. Zwar gibt es Filter, die bekannte Dokumente herausfiltern. anschauen müssen sich die IT-Forensiker aber jeden Film und jedes Foto. „Es ist schlimm, was den Opfern angetan wird“, sagt Unucka. Umso wichtiger sei es, die richtige Distanz zu wahren. „Ich bin sehr robust aufgestellt. Die Arbeit ist mittlerweile Routine“, sagt der 40-Jährige. Doch nicht allen Mitarbeiter können das Gesehene Zuhause vergessen. „Es hängt davon ab, wie man persönlich tickt. Jemand der sehr sachlich und IT-bezogen gestrickt ist, der kann damit besser umgehen, wie jemand, der sehr emotional ist und sich in Sachverhalte hineinversetzt.“ Damit das Team mit den Bildern und Videos nicht allein gelassen wird, können die Mitarbeiter zwei Mal im Jahr ein psychologisches Hilfsangebot in Anspruch nehmen.

Der Weg zum Job: So wird man IT-Forensiker

Um als IT-Forensiker arbeiten zu können, ist nicht nur ein Informatikstudium nötig. „Die Polizei führt auch einen Sicherheitsprüfung durch“, sagt Unucka. Außerdem wird in einem längeren Bewerbungsverfahren geprüft, wer auch mental für den Job geeignet ist. „Wir sprechen das Material, was gesichtet werden muss, genau an. Wichtig ist, dass man eine Affinität im Umgang mit Computern und einen Forscherdrang hat, solche Daten zu analysieren.“

Wenn die Bilder zu schlimm werden: Zwei Mitarbeiter geben den Job auf

Dank des aufwendigen Auswahlprozesses, ist es erst zwei Mal vorgekommen, dass Mitarbeiter ihren Beruf nicht mehr ausüben wollten. „Nach der Geburt seines Kindes hat sich ein Kollege einen anderen Job gesucht“, sagt Unucka, der selbst eine sechsjährige Tochter hat. Sorgen hat er jedoch keine. Aber: „Man wird im Privatleben sensibilisiert.“ Viele Opfer würden vom Kindergartenpersonal oder der eigenen Verwandtschaft missbraucht. „Da passt man bei seinem eigenen Kind noch einmal genauer auf.“

Obwohl Unucka bei der Verurteilung von zahlreichen Tätern mit seinem Gutachten beiträgt, interessiert es ihn meist nicht, wie der Fall am Ende ausgeht. „Es gibt mir keine Genugtuung“, sagt er. „Für mich zählt der Erfolg, wenn ich ein komplexes Datenformat analysiert habe.“ Die richtige Einstellung, um den Job als IT-Forensiker ohne Albträume ausführen zu können.

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