Ein Rekordhoch an offenen Stellen trifft auf ein Allzeittief an Jobsuchenden. Marius Luther von „HeyJobs“
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Ein Rekordhoch an offenen Stellen trifft auf ein Allzeittief an Jobsuchenden. Marius Luther von „HeyJobs“

Acht konkrete Maßnahmen

Arbeitsmarkt im Landkreis München: Die schwierige Suche nach Fachkräften

  • Martin Becker
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So behaupten sich Unternehmen auf dem angespannten Arbeitsmarkt im Landkreis München.

Landkreis – Von einem schleichenden Prozess kann keine Rede mehr sein, denn die nackten Zahlen sprechen für sich. Der Arbeitsmarkt im Landkreis München ist angespannt – in der Hinsicht, dass Fachkräften fehlen. Warum das so ist und wie Unternehmen gegensteuern können? Der Münchner Merkur hat sich auf Spurensuche gemacht.

Laut dem jüngsten IHK-Fachkräftereport fehlen der Region München schon jetzt 79 000 Fachkräfte, bis 2030 soll der Engpass sich den Prognosen zufolge auf 110 000 erhöhen. Eine Unternehmensbefragung des Landkreises München von 2018 ergab, dass 85 Prozent der befragten Firmen mit zeitnahen Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung rechnen, insbesondere bei der Gewinnung gewerblich-technischer Fachkräfte (90 Prozent).

„Innovative Formate“

„Den wachsenden Einwohnerzahlen, dem hohen Jugendquotienten und der starken Zukunftsorientierung stehen im Landkreis München deutliche Fachkräfte-Engpässe entgegen“, sagt Franziska Herr von der Pressestelle des Landratsamts. Dort habe man „das Thema Fachkräftesicherung als strategische Aufgabe identifiziert“ und wolle „mit innovativen Formaten“ insbesondere das Interesse von Jugendlichen und jungen Arbeitnehmern wecken.

Der Gründer und CEO des auf Bewerber-Rekrutierung spezialisierten Unternehmens „HeyJobs“, Marius Luther, beschreibt die sich zuspitzende Lage so: „Ein Rekordhoch an offenen Stellen trifft auf ein Allzeittief an Jobsuchenden.“ Der demografische Wandel befeuere den „chronischen Fachkräftemangel“, hinzu komme das Konkurrenzverhältnis zwischen Stadt und Landkreis: „Die Beliebtheit einer Metropole wie München führt im Umland manchmal zu mangelhafter Sichtbarkeit lokaler Betriebe auf dem Jobradar.“ Für Edeka Simmel in Unterhaching und Pullach beispielsweise übernimmt „HeyJobs“ das Rekrutieren geeigneter Fachkräfte.

„Speziell in den nicht-akademischen Berufen gibt es Schwierigkeiten“

Im Unterhachinger Rathaus bestätigt Pressesprecher und Wirtschaftsförderer Simon Hötzl im Grundsatz die Eindrücke von Marius Luther: „Ja, speziell in den nicht-akademischen Berufen gibt es Schwierigkeiten mit der Stellenbesetzung“, sagt Simon Hötzl. „Und mit der ,Gebietskörperschaft Landkreis München‘ und dessen besonderer geografischer Form kann manch ortsferner Bewerber nichts anfangen.“ Der sucht nach einem Arbeitsplatz in München und realisiert gar nicht, dass es den Traumjob ein paar Kilometer weiter in Unterhaching gäbe.

Im Landratsamt beschäftigen sich Bildungsmanagement und -monitoring „intensiv mit dem Übergang Schule – Beruf und der beruflichen Bildung“, sagt Franziska Herr. Im Sinne eines Fachkräftemonitorings habe der Landkreis inzwischen „Strategiemaßnahmen ergriffen“, auch im eigenen Interesse: „Der allgemein herrschende Fachkräftemangel ist auch im Landratsamt angekommen, die Gewinnung von qualifiziertem Personal wird zunehmend zur Herausforderung.“ Insbesondere bei Stellen für Techniker, Ingenieure und Sozialpädagogen „übersteigt das Stellenangebot die Zahl potenzieller Mitarbeiter“, berichtet die Pressesprecherin. „Aber auch im Bereich der Ausbildung ist dieser Trend feststellbar.“

Acht Maßnahmen des Landkreises

Zur Sicherung von Fachkräften hat der Landkreis bis dato acht Maßnahmen etabliert:

■  Ausbildungsbustouren : Diese fanden erstmals 2019 statt – Schüler besuchen einen Tag lang in Begleitung von Lehrkräften bis zu vier Unternehmen unterschiedlichster Branchen, um Eindrücke aus erster Hand zu gewinnen.

■  Regionale Ausbildungsmessen : Seit 2019 veranstaltet der Landkreis diese Messen, bei denen Bewerber und potenzielle Ausbildungsbetriebe in entspannter Atmosphäre ins Gespräch kommen können. Praktikumsbörse, Bewerbungshilfen und Fachvorträge runden das Angebot ab – zahlreiche namhafte Arbeitgeber aus der Region stellen sich hier vor.

■  Fachtage : Das Landratsamt unterstützt weiterführende Schulen bei der Konzeption, Pilotierung und Etablierung von Fachtagen. Diese zeichnen sich durch eine hohe Praxisnähe und die intensive Beschäftigung mit einzelnen Fachbereichen wie Pflege und Soziales, Handwerk, Technik und Gestaltung aus.

■  #entdeckersommer : Dieses virtuelle Berufsorientierungsevent des Landratsamts, 2020 erstmals durchgeführt, lässt junge Menschen in Berufswelten eintauchen.

■  Job-Mobil : Die „Aktionswoche Job-Mobil“ (seit Mai 2021) bietet vor Ort Gespräche mit Berufsberatern, zeigt Unternehmensprofile und Stellenanzeigen und bietet motivierende Workshops zur Berufsorientierung.

■  Studien- und Berufsberatung online für Eltern : Eltern sind die wichtigsten Ansprechpartner und Berater ihrer Kinder, wenn es um die Entscheidung für oder gegen einen Beruf geht. In Pandemiezeiten, in denen die persönlichen Kontakte begrenzt sowie Praktika und Messen entweder abgesagt oder nur eingeschränkt möglich sind, gilt das erst recht. In sechs Veranstaltungen greifen Agentur für Arbeit und Landratsamt München Eltern unter die Arme.

■  Job-Speeddating digital (Pilotprojekt im Würmtal): Familienfreundliche Unternehmen kennenlernen und sich von Experten zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie beraten lassen – beim digitalen Job-Speeddating können sich Interessierte durch die Profile von Beratungsstellen und Arbeitgebern klicken und sie bei Interesse unverbindlich per Chat oder integrierter Videotelefonie kennenlernen.

■  Fachkräfteforum 2021 : Die vom bayerischen Landkreistag, MigraNet IQ Netzwerk Bayern und der Bayerischen Gemeindezeitung in die Wege geleitete Reihe „Bayerisches Fachkräfteforum“ wurde auch von den Landkreisen München und Starnberg veranstaltet. Unternehmen und Wirtschaftsakteure wurden über das Fachkräfteeinwanderungsgesetz informiert und in ihren Bemühungen unterstützt, Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben und einzustellen.

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