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Abschied von der Schulleiterin: Brigitte Grams-Loibl war 16 Jahre am Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching. Jetzt ist für sie eine neue Herausforderung gekommen.

„Man steuert einen großen Dampfer“

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Dazwischen liegt nur ein Wochenende: Am Freitag, 14. Februar, verabschiedet sich Direktorin Brigitte Grams-Loibl nach 16 Jahren vom Lise-Meitner-Gymnasium in Unterhaching; schon am Montag, 17. Februar, tritt die 58-Jährige ihre neue Position als Ministerialbeauftragte für die Gymnasien in Oberbayern-West an. Zu Abschied und Neuanfang traf sich der Münchner Merkur mit ihr zu einem ausführlichen Interview.

Sie sind seit dreizehneinhalb Jahren Direktorin des Lise-Meitner-Gymnasiums, dort seit über 16 Jahren Lehrkraft. Was hat Sie dazu bewogen, jetzt, mit 58, eine neue Herausforderung anzunehmen?

Eigentlich stimmt alles. Weil ich fast vor Ort wohne. Und weil nach diesen 13 Jahren unter meiner Leitung alles sehr rund läuft. Aber: Ich möchte noch achteinhalb Jahre arbeiten, und in diese lange Lebensphase passt die deutlich andere Aufgabe sehr gut hinein. Auf die neue Aufgabe bin ich bestens vorbereitet mit all den Erfahrungen mit Schülern, Externen, Eltern, Lehrern. Wissenschaftlern und Politikern. Diese neue Aufgabe rundet mein Berufsleben noch mal ab.

Wie sieht diese neue Aufgabe als Ministerialbeauftragte aus?

Ich werde eine eigene Dienststelle haben mit fünf Mitarbeitern. Von dort aus besuche ich die Schulen, von Garmisch-Partenkirchen bis Beilngries – mein Lehrerkollegium hat mir eine Fahrradkarte geschenkt: Weil ich „Fridays for future“ nicht konsequent verboten, aber auch nicht gefördert habe, solle ich doch etwas für den Umweltschutz tun und nun radeln. Was den neuen Posten angeht: Ich bin Bindeglied zwischen Ministerien und Schulen für etwa 90 Schulleiter. Es geht darum, mit meiner Erfahrung vor allem jüngere Kollegen zu unterstützen mit Themen wie individueller Lernzeitverkürzung oder der Oberstufe im neunjährigen Gymnasium.

Haben Sie ein Fernziel für diese nächsten achteinhalb Jahre?

Ich will erst mal alles auf mich zukommen lassen. Meine Berufserfahrung hat mir gezeigt, nicht ganz forsch voranzugehen, sondern die Menschen mitzunehmen. Deshalb ist es wichtig, nicht gleich loszurennen. Aber ich werde Themen setzen, die mir wichtig sind, beispielsweise bei den Direktorentagungen. Man steuert einen ganz großen Dampfer – an einer Schule geht das schneller, hier nun langsamer. Was schön wäre: Wenn die Kollegen in neuneinhalb Jahren sagen, sie hat uns gut unterstützt mit ihrem Wissen, ihrer Kompetenz und ihren Anregungen.

Sie waren in Unterhaching nicht nur Direktorin, sondern haben auch unterrichtet. Das fällt jetzt weg – schwingt Wehmut mit?

Ich habe immer wirklich sehr gern unterrichtet, aber als Schulleiterin fehlte mir dafür zunehmend die Zeit. Insofern habe ich diesen Prozess des Weniger-Unterrichtens 13 Jahre lang schon durchgemacht. Das ist schade, denn dieser Prozess, Schüler wachsen zu sehen, hat mir immer sehr viel Freude bereitet. Es geht nicht nur um Noten, sondern darum, die Schüler in ihrer Entwicklung individuell zu unterstützen, in unserem Beruf jeden Tag etwas Sinnvolles zu bewirken. Nicht mehr zu unterrichten: Ja, das wird mir wehtun, zumal ich eine ganze Schrankwand voll habe mit Unterrichtsvorbereitungen.

Man spürt, Sie leben mit Ihrer Schule.

Es war immer Proprium, dass es mir um den Einzelnen geht. Wobei ich das eher im Verborgenen gemacht habe. Nach außen sah es so aus, als würde ich primär dafür sorgen, dass der Laden läuft. Das ist die Glanzseite nach außen – aber die Innenseite sind die Schüler und die Kollegen. Mir war immer das Menschliche sehr wichtig.

Stimmt es, dass Sie früher eigentlich Pfarrerin werden wollten?

Ja, das ist richtig. Es hätte sicher auch zur mir gepasst, eine Kirchengemeinde zu führen heißt ja auch, Menschen zu lenken und zu begleiten. Aber im Nachhinein bin ich froh, dass es anders gekommen ist. Was ich an der Schule schätze, ist der kleine offene Kosmos: Ich habe mit Künstlern zu tun, mit Naturwissenschaftlern, mit Musikern, mit Germanisten – es ist wie eine Universität im Kleinen, deren volle Bandbreite habe ich im Prinzip auch an der Schule. Das hat mit immer Spaß gemacht! Ein weiterer Unterschied zum Pfarrersein ist, auch wenn beide Menschen in ihrem Leben begleiten: Der Pfarrer hat das ganze Spektrum, von der Geburt bis zum Tod. Bei uns geht es immer nur bergauf, wir erfreuen uns stets am Wachstum der Schüler.

Nach 16 Jahren am Lise-Meitner-Gymnasium haben Sie sicher unzählige Anekdoten im Kopf. Gibt es ein oder zwei, die Ihnen besonders im Gedächtnis haften geblieben sind?

Als ich mich neulich vom Kollegium verabschiedet habe, habe ich auch all die Jahresberichte durchgeblättert, und es kommen unglaublich viele Erinnerungen hoch. Abi-Streiche waren immer ein Thema – ich hatte stets das Gefühl, die Schule bewachen zu müssen. Einmal haben die Schüler Heuballen herangeschafft, und dann habe ich mich, zusammen mit dem Hausmeister, in dieser Nacht stundenlang auf einen dieser Heuballen gesetzt, um alles zu beobachten. Viele schöne Erinnerungen gibt es an die Studienfahrten – weil die so heißen, treffen sie bei mir immer auf Kultur. Beispiel Sizilien, da dachten viele nur an Sonne und Meer – sie waren ganz erstaunt und am Ende fasziniert, dass es dort auch Tempel gibt, die sie normalerweise so nie gesehen hätten.

Wenn Sie zurückblicken: Gibt es etwas, das unvollendet geblieben ist? Oder steuert der Dampfer, wie Sie es genannt haben, in die richtige Richtung?

Ich hoffe, es hört sich nicht so arrogant an, aber: ja. Eine Schule darf niemals stehen bleiben, und auch hier wird das nicht passieren – Welt und Schülerschaft haben sich verändert, beispielsweise durch die Migranten, für die wir extra Förderstunden anbieten. Ich möchte immer Menschen fördern und dass sie sich entwickeln, die leistungsstarken Schüler genau wie die, die sich schwertun. Was den Dampfer-Vergleich angeht: Nein, es gibt im Moment keine offenen Baustellen. Aber es wird immer wieder neue Fragen geben – beispielsweise das Digitalisierungskonzept oder Berufsorientierung. Die Themen sind gut angestoßen, sie müssen nun weitergeführt werden.

Ist das vielleicht auch dieser persönliche Schritt weiter in der neuen Position: Schülern zu helfen beim Sprung ins Berufsleben?

Beim Abitur sind die Schüler 17 oder 18 und gut beschäftigt, dies zu schaffen. Wie sollen sie sich also nebenbei weiter optimieren oder bei 12 000 möglichen Studiengängen und fast 3000 Ausbildungsberufen den Überblick behalten? Es ist schwierig, eine fundierte Entscheidung zu fällen – an diesem Punkt, vom Kultusministerium angestoßen, möchte ich helfen. Ich möchte herausfinden: Welchen Beitrag können wir als Schule leisten?

Haben Sie noch einen Wunsch für die Zukunft des Lise-Meitner-Gymnasiums?

Es bleibt nichts, wie es war. Da möchte ich der neuen Schulleitung nicht vorgreifen.

Was wird Ihre letzte Amtshandlung sein?

Ich möchte zum Abschied der neuen Schulleitung gern meine Glocke schenken – die hat mir ein Kollege einst für die Lehrerkonferenz geschenkt, und es wäre nett, wenn diese Glocke in der Schule bliebe. Mein Wunsch für danach wäre der Aufbau einer Erinnerungskultur, die fehlt mir: dass ehemalige Schüler mit eingebunden werden und Jahre später ihre Erfahrungen weitergeben.

Interview: Martin Becker

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