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Traurige Corona-Nachricht: Winter-Tollwood fällt komplett flach - „Trotz sehr guten Hygienekonzepts“

Traurige Corona-Nachricht: Winter-Tollwood fällt komplett flach - „Trotz sehr guten Hygienekonzepts“
(v. l.) Jürgen Hoerner, Denise Buss und Ingrid Schmidt-Endraß von der Alzheimer-Gesellschaft München-Land
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Immer willkommen heißen (v. l.) Jürgen Hoerner, Denise Buss und Ingrid Schmidt-Endraß von der Alzheimer-Gesellschaft München-Land Patienten, Angehörige, Ehrenamtliche, Förderer und Interessierte in der Unterhachinger Geschäftsstelle.

Selbsthilfenetzwerk: Gemeinsam gegen Einsamkeit im Kopf

10 Jahre Alzheimer Gesellschaft Landkreis München

  • vonHarald Hettich
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Initiiert hat Jürgen Hoerner die Alzheimer Gesellschaft vor zehn Jahren, um „im Ruhestand etwas Sinnvolles zu tun“. Heute leistet das Selbsthilfenetzwerk Beratung, Gruppenangebote und Demenz-WGs.

Landkreis/Unterhaching – Der Anruf kam vom Irschenberg. Die Autofahrerin aus dem Landkreis München wusste weder, wo sie war, noch, wo sie hinwollte. In einer Raststätte wurde ihr geholfen. Später holte ihr Mann sie ab und brachte die verstörte Frau nach Hause. Ein anderer Herr hatte den Tag- und Nachtrhythmus völlig eingebüßt. Einmal wollte er um zwei Uhr morgens in die Messe. Ein anderes Mal packte er mitten in der Nacht seine Arbeitstasche – und war doch längst im Ruhestand. Alzheimer hat viele Gesichter.

Fälle sind so verschieden wie die Menschen selbst.

„Die Fälle sind so verschieden und mannigfaltig, wie die Menschen selbst“, erklärt Jürgen Hoerner. Der 74-Jährige aus Oberhaching ist ehrenamtlicher Vorsitzender und Geschäftsführer der Alzheimer Gesellschaft im Landkreis München (AGLM). „Es ist eben oft nicht nur die einmalige Vergesslichkeit oder vielleicht stressbedingte Verwirrung, die Menschen derart beeinträchtigt – Demenz hat sehr viele Gesichter“, ergänzt Ingrid-Schmidt-Endraß, die in der Geschäftsstelle in Unterhaching als langjährige Teamleiterin als eine von sechs Hauptamtlichen agiert.

Arbeit haben sie hier genug. Weltweit geht man von rund 50 Millionen Erkrankten aus. 1,9 Prozent der Deutschen sind derzeit von den verschiedenen Formen der Demenz betroffen –Tendenz steigend, weil unsere Gesellschaft immer älter wird und Demenz vorrangig bei alten Menschen auftritt. Im Landkreis mit seinen rund 350 000 Einwohnern leiden mittlerweile fast 6000 Menschen an der Krankheit. „Die Situation ist viel dramatischer, wenn man sich verdeutlicht, dass Angehörige die kranken Menschen oft 24 Stunden am Tag betreuen und in vielen Fällen kein eigenes Leben mehr haben“, sagt Hoerner.

„Wir wären froh, wenn die Menschen früher zu uns kämen.“

„Wir wären froh, wenn die Menschen früher zu uns kämen und sich helfen ließen“, sagt Schmidt-Endraß. Oft kündeten die Vorzeichen von einer bereits begonnenen Demenz. Wenn etwa die tageszeitliche Einordnung fehle, man sich in der eigenen Umgebung nicht mehr zurechtfinde oder mit den Abläufen im Haushalt nicht mehr klarkomme. Dann sei es Zeit für eine neurologische Diagnose.

Die Diagnose ist gerade im Umfeld oft ein Schock. „Während die Erkrankten von der Dramatik ihres Lebenswandels oft gar nicht viel mitbekommen, sind Partner und Familie von den ersten Folgen erschlagen“, sagt Schmidt-Endraß. Organisatorisches muss geklärt, Abläufe müssen angepasst werden. „Schwere Lebenskrisen entstehen oft auch im Umfeld“, betont Hoerner.

Das Hilfsangebot in vielen Kommunen hinkt dem Bedarf hinterher.

Weil das Hilfsangebot in vielen Kommunen aber dem Bedarf hinterherhinkt, sind Initiativen die AGLM umso wichtiger. Jürgen Hoerner hat das Selbsthilfenetzwerk vor zehn Jahren gegründet, um „auch im Ruhestand etwas Sinnvolles zu tun“. Längst ist die Initiative ihren Kinderschuhen entwachsen. Inzwischen sind alle 29 Kommunen des Landkreises München hier beteiligt. Die logistische Zentrale liegt in Unterhaching. „Undenkbar wäre die Institution ohne das segensreiche Wirken der Ehrenamtlichen“, betonen die ausgebildete Krankenschwester Schmidt-Endraß und der Vorsitzende.

Eine Demenz-WG verwirklichte die Alzheimer Gesellschaft im Jahr 2017 in Kooperation mit der MARO Genossenschaft in Oberhaching.

Über 70 Ehrenamtliche hat die AGLM mittlerweile selbst in jeweils rund 40-stündigen Einheiten ausgebildet. Trainings- und Dialogformen ebenso wie praktische hauswirtschaftliche Leistungen werden hier vermittelt. „Es ist so wichtig, die betroffenen Menschen und ihre Angehörigen in der Gesellschaft zu integrieren“, appelliert Hoerner. Auch weil viele soziale Kontakte abbrächen, sei ein behutsames Vorgehen wichtig. Besonders beim Aufsuchen der jeweiligen Familien. „Dabei ist Sensibilität gefragt. Den Zugang findet man meist nur sehr individuell und behutsam“, erklärt Hoerner. Vorsichtige Fragen nach dem früheren Berufsleben oder Leidenschaften zählten dazu. „Auch wird gesungen und musiziert. Denn oft erinnern sich die Menschen zwar nicht mehr an aktuelle Dinge, singen aber Volkslieder textsicher mit.“

Gemeinsame Ausflüge, Selbsthilfetreffen sowie Vernetzung mit Ärzten und Fachstellen

In Betreuungsgruppen für Erkrankte in verschiedenen Stadien wird das Gruppenerlebnis betont, auch durch gemeinsame Ausflüge. Zudemfinden in Unterhaching regelmäßig Selbsthilfetreffen für Angehörige statt. „Hier entstehen neue Freundschaften, Hilfe und Betreuungsvertretung untereinander“, sagt Schmidt-Endraß. Wichtiger Aspekt auch: „Die Leute können sich ihren Alltagsfrust einmal von der Seele reden. Das ist unglaublich wichtig“, sagt Hoerner. Beratungen durch Fachkräfte vor Ort und eine Vernetzung mit anderen Anbietern, Ärzten und Fachstellen runden das AGLM-Angebot ab.

Kreativität kommt bei den Gruppenangeboten nicht zu kurz, ebenso wie Bewegung bei gemeinsamen Ausflügen oder Musik.

Stolz ist man bei der Initiative, die sich aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Unterstützungsmitteln des Landkreises finanziert, auch auf die betreuten Demenz-Wohngemeinschaften. Drei Wohngruppen-Einrichtungen, organisatorisch geführt von Angehörigen, sind bereits entstanden, ein Projekt in Ottobrunn, zwei in Oberhaching. Demnächst öffnet eine vierte Wohngemeinschaft an der Stumpfwiese in Unterhaching.

Corona hat der Initiative zugesetzt.

Im zehnten Jahr ihres Bestehens hat Corona der Initiative zugesetzt. Schulungen von Demenzhelfern mussten unterbrochen werden, Betreuung wurde eingeschränkt oder gestrichen. Aber auch in schwerer Zeit gibt es schöne und rührende Momente. Erst neulich hat die Altenpflegerin Denise Buss zusammen mit Ehrenamtlichen im Garten der Oberhachinger Wohngemeinschaft ein Märchenspiel arrangiert. Hoerner zupfte die Gitarre zur Interpretation von „Schneewittchen“. „Wenn man dann sieht, wie die Leute leuchtende Augen bekommen und jeden Ton mitsingen, weiß man, dass man das Richtige tut“, sagt der Initiator.

Lesen Sie weiter: Geplante Windräder im Hofoldinger und Höhenkirchner Forst werden womöglich mit Bürgerbeteiligung erbaut.

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