Das Abschlussfoto auf der Alkyone in Griechenland. Hier endet die lange Reise von (v.l.) Tobias (15), Lena (2), Jutta, Andrea (11), Hans, Anna (9) und Antonia (13).
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Das Abschlussfoto auf der Alkyone in Griechenland. Hier endet die lange Reise von (v.l.) Tobias (15), Lena (2), Jutta, Andrea (11), Hans, Anna (9) und Antonia (13).

Zwei Jahre auf hoher See

Mit fünf Kindern: Unterhachinger Familie umsegelt die Welt - in 715 Tagen

  • Marc Schreib
    vonMarc Schreib
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Vor zwei Jahren stach eine Unterhachinger Familie mit ihren Kinder in See. Nun sind sie wieder zuhause - die Abenteuer ihrer Reise werden sie jedoch in Erinnerung behalten.

Unterhaching – Am 16. August vor zwei Jahren haben die Unterhachinger Hans Müller, Jutta Rottenwallner und ihre fünf Kinder Magdalena, Andrea, Antonia, Anna und Tobias den Anker gelichtet. Mehr oder weniger nach Plan umrundeten sie auf ihrem Schiff, der Alkyone, in 715 Tagen die Welt, 193 davon auf See. Vor einigen Wochen sind sie wieder zu Hause angekommen. Der erfahrene Segler Hans Müller meisterte sämtliche Situationen mit Bravour, die für Anfänger und weniger nautisch Begabte durchaus gefährlich wären.

Weltumsegelung: Familie aus Unterhaching reist mit ihren Kindern zwei Jahre um die Welt

Die Segler nutzen die Elternzeit für die kleine Magdalena, um zwei Jahre zu reisen. Das Baby ist mittlerweile ein Kleinkind geworden und eine richtige Klettermaus, wie die Mutter glaubhaft bekräftigt. Beim Krabbeln an Bord sind die Eltern bisweilen tausend Tode gestorben. Ins Meer zu fallen, war zum Glück unmöglich, da das Baby durch einen Sicherheitsgurt geschützt war – festgemacht an der Steuersäule.

Die meiste Zeit durfte sie auf diese Weise turnen auf der so genannten Barfußroute, der Strecke, die am Äquator entlangführt und deshalb nicht zu kalt wird. Auf der Route der Sieben lagen unter anderem die Länder Frankreich, Spanien, Martinique, die British Virgin Islands, Los Roques (Venezuela), Kolumbien, Panama, Galapagos, Osterinsel, Pitcairn, Französisch Polynesien, Fidschi, Neukaledonien, Australien, Indonesien, Singapur, Malaysia, Thailand, Sri Lanka, Malediven, Dschibuti, Ägypten, Griechenland und Italien.

Schönste Erlebnisse der Weltumsegelung: Besuch der Galapagos-Inseln

Zu den schönsten Erlebnissen in 30 Ländern zählt zweifellos der Besuch der Galapagos-Inseln. Zuvor musste die Yacht frisch gestrichen und geputzt werden. Die Besichtigung war auch nicht ganz günstig, aber immer noch besser als bei einem Südamerika-Aufenthalt, an den man den Inselbesuch knüpft. Dort angekommen, gehen einem die Augen über vor der Fülle der Tierwelt.

Die Echsen lagern überall, und als erstes sieht man eine Strandladung voller Seehunde auf der Insel San Christobal, die den Reisenden am besten gefallen hat. Die Crew hat gezählt, und damit ist es amtlich: Es passen fünf Seehunde aufs Beiboot. Die Tiere besetzen sofort alles, was eine feste Unterlage bietet. Hans Müller: Ich habe sie dann hinuntergescheucht.“

Insel San Christobal: Tauchen in einer einmaligen Unterwasserwelt

Aus Versehen stieg Sohn Tobias einem Seehund beim Rückwärtsgehen auf die Flosse. Er wurde prompt gebissen. Aber abgesehen davon verhalten sich die Tiere ruhig und freundlich gegenüber menschlichen Wesen. Beachtenswert ist die Tauchwelt, die man vorfindet. Hier sind weniger Korallen zu sehen, dafür um so mehr Fische, in deren Schwarm der Taucher um sich herum nichts mehr sehen kann, so dicht bewegt sich der Schwarm.

Hans Müller: „Die Robbe kommt wie Pak-Man vorbei und schnappt sich durch die Sardinen hindurch.“ Was für ein Schauspiel. Beim zweiten Tauchgang bemerken Hans Müller und Tobias einen Walhai in 30 Metern Tiefe. Es ist eine Unterwasserwelt, „die kriegen Sie nirgendwo sonst zu sehen.“

Die Seehunde nehmen auf Galapagos jeden gemütlichen Platz in Beschlag.

Polynesien

Aber auch wenige dunkle Momente prägen das Bild: Von einem schrecklichen Schicksal hat Jutta Rottenwallner nach der Reise erfahren. Es ereignete sich in diesem Jahr. Ein 14-jähriger Junge wurde bei Französisch-Polynesien von einem Speed-Boot beim Schnorcheln überfahren. Ungefähr an der Stelle, wo die Alkyone auf ihrer Überfahrt geankert hat. Ein furchtbares Schicksal, das man sich gar nicht ausdenken kann. Aber sollte man deshalb eine solche Reise von Vornherein nicht unternehmen?

Nein, findet Jutta Rottenwallner. „Wenn ich mein Kind zum Sportpark schicke, ist die Gefahr, durch den Autoverkehr umzukommen, größer.“ Die Katastrophe schlägt immer unerwartet zu. Die Unterhachinger Familie hat zum Glück alles unversehrt überstanden.

Weltumsegler aus Unterhaching: Auf der Reise gab es auch dunkle Momente

Auf der Barfußroute herrscht oft ein angenehmes oder schwüles Wetter mit unzähligen Gelegenheiten zum Tauchen und für ein warmes Bad im Meer. Die Besatzung fühlte sich nass vom Schwitzen. Und wenn der Seegang zunahm, mussten die Schiffsluken geschlossen werden. Es wurde noch heißer an Bord. Aber nicht immer.

Pitcairn

Zum ersten Mal gebibbert haben die Weltumsegler bei Pitcairn im Pazifik. Jutta Rottenwallner: „Wir sind von der Karibik und Panama gekommen und waren entsprechend verwöhnt.“ In der Früh um 8 Uhr am Ankerplatz hat sie zum ersten Mal wieder ihren Atem in der Morgenluft gesehen.

Die Crew war beeindruckt, wie die Bewohner der Insel auf diesem Stein mitten im Pazifik ausharren. Man müsse schon eine besondere Beharrlichkeit besitzen, um hier nicht zu verzweifeln. Tausend Meilen von der Zivilisation entfernt. Kalt wurde es erst wieder am Ende der Reiseroute auf Kreta. Hier musste sich die Besatzung dicke Socken und warme Kleidung anziehen.

Beim ersten Schnee: Kinder überkommt Wehmut und Sehnsucht nach Bayern

„Da haben wir im April zum ersten Mal wieder den Schnee gesehen, der unseren Kindern im Winter 2019 sehr abgegangen ist.“ Damals hörten die Segler die Nachrichten aus Deutschland und davon, dass Unterhaching wochenlang tief verschneit war. Da überkam die Kinder eine gewisse Wehmut und Sehnsucht nach Bayern und seinen unvergleichlich schönen Seiten.

Neuseeland

Eine Frage wurde den Schiffsleuten von den daheim Gebliebenen gestellt: „Warum seid ihr nicht nach Neuseeland gefahren und habt dort Station gemacht?“ Eine feine Idee, aber die Umsetzung ein Ding der Unmöglichkeit – wegen der Stürme. Man müsste die Reise um ein ganzes Jahr verlängern, aber das kam nicht in Frage. Die nautische Kniffligkeiten, man sieht sie der Route vielleicht nicht an, aber sie stecken in ihr in Hülle und Fülle: Wann muss den Stürmen und wie lange ausgewichen werden, wie hoch ist die Dünung und von wo kommt sie her?

Unterhachinger umsegeln die Welt: Zwischenstopp in Neuseeland - ein Ding der Unmöglichkeit

Die Segler meisterten alle Fährnisse, zimperlich darf man allerdings nicht sein als Seemann. Nur ein Bretone mit seiner irisch-tasmanischen Ehefrau und zwei Kindern hat sich noch ein bisschen mehr getraut als die Unterhachinger. Hans Müller: „Die haben einfach draufgehalten.“ Wildes Wetter und Sturm herrsche bei ihnen das ganze Jahr.

Dschibuti

Eine Erkenntnis nimmt Hans Müller mit von der Reise. „Wir Europäer tun immer so, als hätten wir das Patentrezept für das Leben und die Weltgeschichte gefunden.“ Das stimme nicht. Die anderen können auch was. Zum Beispiel die Chinesen in Dschibuti. Sie schlossen einen Vertrag mit dem afrikanischen Land und bauten in eine Ecke ein hochmodernes Containerterminal mit einem Verwaltungsgebäude in Form eines Spiegelturms.

Eine wichtige Erkenntnis nimmt Weltumsegler aus Unterhaching von der Reise mit

Er dominiert Dschibuti vollkommen. Mit einer Außenabsicherung besser als Fort Knox, das anzeigt: „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“ Von hier aus werden die europäischen Waren in Container verteilt für die Weiterfahrt nach Asien, Australien und Afrika. Es ist ein strategischer Dreh- und Angelpunkt. „Das kann man zwar in der Zeitung lesen, aber man muss es einmal gesehen und erlebt haben, wie es abläuft.“ So sieht man Zeitgeschichte ganz plastisch, wie sie sich vor den eigenen Augen ausbreitet.

In Französisch-Polynesien haben sich die Unterhachinger Segler mit Freunden fotografieren lassen.

Auf diese Weise haben die Kinder schon viel aus der Erfahrung gelernt, wenn sie in der Zeit auch nicht in die Schule gingen. Wieder zurück freuen sie sich auf die sozialen Bindungen, auf ihre Freunde. Der Anschluss fiel allen recht leicht, jetzt gehen sie auf die Waldorfschule in Glonn. Das Beste: Die Schule segelt. Sie hat drei Schiffe auf Elba liegen. Darüber freut sich sogar Tochter Antonia, die auf der Reise irgendwann genug bekam und von Weltreisen zunächst gerne absehen wollte ebenso wie die zwei anderen Mädchen.

Griechenland

Das hat sich inzwischen aber wieder schlagartig geändert. Nur gut zwei Monate hat es gedauert und nun wollen alle, auch Antonia, wieder an Bord. Die Kinder wollten unbedingt mit, um die Alkyone von Kalamata in Griechenland heim zu holen. Und sie möchten auch nächstes Jahr unbedingt wieder im Urlaub mit der schönen Yacht segeln. So schlimm war es wohl doch nicht. Jutta Rottenwallner: „Eine lange Blauwasserstrecke wie die Transatlantiktour wollen sie aber nur wiederholen, wenn es ganz viele Filme gibt.“

Zwei Monate nach der Weltumsegelung: Kinder wollen wieder an Bord

Das Coronavirus hat die Pläne der Reisenden glücklicherweise nur wenig behindert: Immerhin kamen sie zur geplanten Zeit am geplanten Ziel an. Nur Ägypten fiel aus und auch Israel. Das wären die Höhepunkte zum Schluss der großen Fahrt gewesen.

Fidschi

Was die Segler nach all den Eindrücken lange diskutiert haben, das war die Frage, wo das Paradies liegt. Alles kann nicht perfekt sein, das ist ihnen bewusst, aber wo sind die meisten Punkte erfüllt, die einen schönen Ort ausmachen? Gibt es nicht.

Jutta Rottenwallner: „Auf den Malediven kann man schön tauchen, aber die Müllberge stinken entsetzlich. Den Surfstrand in Sri Lanka fanden alle cool, aber den Rest? Naja.“ Außerhalb Europas, so viel kann Hans Müller sagen, würde er gerne auf Fidschi leben. Aus einem einfachen Grund: „Es ist der einzige Inselstaat im Pazifik, der es mühelos schafft, unabhängig zu sein.“

Nach fast vier Jahren auf Afrika-Tour sind Thomas Lehn (58) und Constanze Kühnel (45) auf Heimatbesuch in Sauerlach: Sie sagen: „Es frustriert uns, zu sehen, wie dieser Kontinent sich selbst vernichten wird.“

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(Von Marc Schreib)

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