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Auf Streife: In der Regel sind die Zivilstreifen der Sicherheitswacht zu zweit unterwegs.

Verpflichtet zur Zivilcourage

Auf Streifzug: Was man bei der Sicherheitswacht erlebt

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Haar - Seit 2012 gibt es in Haar eine Sicherheitswacht. Sechs Männer und Frauen patrouillieren fast täglich in Zweiergruppen durch die Gemeinde. Auf Streifzug mit Ehrenamtlern in Uniform.

Menschen stapfen am Bahnhof in Haar durch den Schnee. Sie eilen von den Gleisen der S-Bahn zu den Bussen am Bahnhofplatz. Simone Wieland, 36, und Jörg Tarant, 52, sind mitten drin im Berufsverkehrsgetümmel. Und doch fallen sie auf. Schließlich tragen beide die schwarzen Uniformen der Sicherheitswacht. Während Tarant einer Mutter den Kinderwagen die Treppen von der Unterführung nach oben trägt, fotografiert Wieland mit ihrem Handy TSV-1860-Schmierereien an den weißen Fließenwänden der Unterführung. „Die Bilder zeigen wir später der Polizei“, sagt sie. 

Wieland und ihr Kollege Tarant engagieren sich ehrenamtlich mindestens einmal pro Woche bei der Sicherheitswacht in Haar. An diesem Montag sind sie von 16 bis 19 Uhr zusammen auf Streifzug durch die Gemeinde. Start- und Endpunkt ist das Polizeirevier in der Rechnerstraße. Insgesamt laufen sie an diesem Abend 6,6 Kilometer.

In ihrer Tasche hat Wieland eine Taschenlampe, ein Erste-Hilfe-Set und Pfefferspray

Ansprechpartner: Jörg Tarant, 52, und Simone Wieland, 36, haben gerne Kontakt mit Menschen.

Als Wieland und Tarant das Revier verlassen, dämmert es bereits. Der Regen prasselt auf die Schirme der beiden und bleibt als Schnee darauf liegen. Der Schriftzug „Sicherheitswacht“ am Rücken der Uniformen reflektiert im Licht der Autos. Wieland hat eine Tasche um die Schulter hängen. Darin befinden sich eine Taschenlampe, ein Ortsplan, ein kleines Erste-Hilfe-Set und Pfefferspray. Die beiden überqueren großen Schrittes die Vockestraße. Als sie an dem Fußgängerübergang ankommen, stoppt umgehend der Verkehr. Wieland lacht und sagt: „Das passiert einem nur in Uniform.“ Am Kirchenplatz kommt ihnen eine Frau mit Hund entgegen. Tarant, geschätzt 1,90 groß, sagt freundlich: „Grüß Gott.“ Die Frau schaut kurz auf und geht weiter. Tarant ist beschäftigt bei der Autobahnpolizei Hohenbrunn. Er führt Geschwindigkeitskontrollen auf der Autobahn durch. Nebenbei arbeitet er für einen Sicherheitsdienst. Er sagt, wäre er jünger, würde er zum Polizisten umschulen. 

Sechs Männer und Frauen patrouillieren im Wechsel durch Haar

Seit 2012 gibt es in Haar eine Sicherheitswacht. Derzeit patrouillieren insgesamt sechs Männer und Frauen im Wechsel fast täglich durch die Gemeinde. In der Regel sind sie zu zweit unterwegs. Im Landkreis gibt es neben Haar auch in Taufkirchen eine Sicherheitswacht. Unterhaching will die Zivilstreifen nun einführen. Bayernweit engagieren sich rund 800 ehrenamtliche Mitarbeiter der Polizei in in 125 Städten und Gemeinden. Sie werden von der Polizei geschult und müssen eine Prüfung ablegen. Der Landtag schuff 1994 die rechtlich Grundlage für das Konzept. Die Idee dahinter: Die öffentliche Sicherheit und Ordnung ist nicht allein Aufgabe der Polizei, sondern der ganzen Gesellschaft. Mit der Einführung der Sicherheitswacht wolle man der „sich ausbreitenden Unkultur des Wegschauens wirkungsvoll entgegentreten“, wie die Bayerische Polizei mitteilt. 

Die Sicherheitswachtler werden oft als "Hilfssheriffs" belächelt 

Gleichwohl werden die Sicherheitswachtler oft als „Hilfssheriffs“ belächelt. Schließlich dürfen die Ehrenamtler in Uniform auf ihren Streifzügen lediglich Platzverweise ausstellen und die Identitäten festlegen. Außerdem haben sie wie jeder andere auch das Recht, Personen festzuhalten. Wieland und Tarant mögen den Begriff „Hilfssheriffs“ freilich nicht. Das passe deshalb schon nicht, weil wir der Polizei ja eigentlich Arbeit machen und nicht abnehmen, sagt Wieland. Wenn die Sicherheitswachtler von ihren Streifzügen ins Revier zurückkommen, schreiben sie einen Bericht über ihren Einsatz. Sie dokumentieren, wenn ihnen etwa verdächtige Personen oder Sachbeschädigungen an öffentlichen Gebäuden auffallen. Die Polizei geht dem später nach. Der Bericht von Wieland und Tarant fällt an diesem Tag dünn aus. Haar ist am Montagabend so unsicher wie ein Streichelzoo. Die Frage ist: Was bringt eine Sicherheitswacht, wenn sowieso alles sicher ist?

Polizei-Vize Peter Mailer: Die Sicherheitswacht soll die Polizei "auf keinen Fall ersetzen"

Am Bahnhof: Die Sicherheitswachtler fallen auf mit ihren Uniformen.

Im Haarer Polizeirevier macht sich langsam Feierabendstimmung breit. Einige Polizisten sitzen in lockerer Runde beisammen und ratschen. Wieland und Tarant ziehen sich gerade ihre Uniformen an. Von Polizeihauptkommissar Peter Mailer, Vize-Chef der Haarer Polizeiinspektion, erhalten sie ihren sogenannten „Streifenauftrag“. Sie sollen heute Präsenz zeigen am Bahnhofsplatz, Ortskern, an der Siedlung am Jagdfeld, „insbesondere am Wieselweg“ und am Schulgelände St. Konrad. Die Sicherheitswacht soll bei den Bürgern für ein „subjektives Sicherheitsgefühl“ sorgen, sagt Mailer. Sie sollen die Polizei „auf keinen Fall ersetzen“.

Die Zivilstreifen sind Bürger in Uniformen, verpflichtet zur Zivilcourage

Hochhaus-Flair: Haar ist eine Gemeinde mit städtischem Charakter.

Begleitet man Wieland und Tarant auf einem ihrer Spaziergänge durch Haar, merkt man: Beide sind keine Polizisten. Vielmehr sind sie Bürger in Uniformen. Und mehr als andere haben sie eine Verpflichtung zur Zivilcourage. Es ist ein Sommerabend, als Simone Wieland bewusst wird, dass die Welt und insbesondere Haar wirklich klein ist. Am Bahnhofsplatz prügeln zwei Jugendliche aufeinander ein. Drum herum feuern vier andere junge Männer die Streithähne an. Wieland, 36, gute 1,70 Meter groß, schlanke Figur, Brillenträger, geht dazwischen. Erst jetzt bemerkt sie, dass sie einen der beiden Schläger von den Streifgängen bei der Sicherheitswacht persönlich kennt. Die Raufbolde lassen voneinander ab. Als die Polizei wenig später kommt, laufen die Jugendlichen davon. Nur Wielands Bekannter stellt sich.

"Ein bisschen Streetworker"

Wieland arbeitet in der Verwaltung eines Kinderheims. Seit September 2013 engagiert sie sich bei der Sicherheitswacht. Sie würde nie zur Polizistin umschulen, wie sie sagt. „Die Polizisten sehen Leichen oder müssen sich nachts mit Betrunkenen herumschlagen.“ Das sei nichts für sie. Warum sie bei der Sicherheitwacht ist? „Ich komme gern mit Menschen in Kontakt.“ Sie, die eigentlich in Trudering wohnt, kenne viele Menschen in Haar, insbesondere viele Jugendliche. Als sich einmal eine Frau vor den Zug geschmissen hat, haben ihr Jugendliche geschrieben, die den Selbstmord gesehen haben. Vor diesem Hintergrund sei sie sogar „ein bisschen Streetworker“.

Oben am Bahnhofplatz riecht es nach Fett von einem Schnellimbiss. Daneben vor einem Kiosk steht ein Mann mit Glatze. Simone Wieland freut sich, ihn zu sehen. Beide unterhalten sich ein paar Minuten. Später erzählt sie: „Das war mein Informant.“ Er gehöre zu einer Alkoholiker-Clique, die sich regelmäßig am Bahnhof betrinkt. „Die haben früher immer ihre Bierflaschen und andere Dinge hier stehen lassen.“ Dann habe sie sich mit den Männern einmal unterhalten. „Seitdem räumen sie immer auf.“

rat

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