Integration in den Arbeitsmarkt

Wie Claudia Köhler Jobs für Flüchtlinge organisiert

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Unterhaching - Claudia Köhler organisiert Jobs für Flüchtlinge, und das erfolgreich. Bisher hat sie 40 Personen in Arbeit gebracht. Über Jobvermittlung zwischen zwei Welten.

Diese Erfolgsgeschichte der Integration beginnt hinter den Discountern an der Biberger Straße, wo viele Afrikaner in einer Flüchtlingsunterkunft leben. Hier gibt es eine winzige Kammer. Darin steht ein Kasten, den man in den 90ern mal als Computer bezeichnet hat. Und davor sitzt Claudia Köhler und fängt an, Lebensläufe von Flüchtlingen abzutippen. 

Es ist ungefähr die Zeit, als man in Taufkirchen und Unterhaching erwägt, Traglufthallen aufzustellen. 1600 Flüchtlinge leben im Juni 2015 im Landkreis. Jeder weiß, dass es bald mehr werden. In Städten und Gemeinden fragt man sich vordergründig: Wo bringen wir all diese Menschen unter? Claudia Köhler dagegen denkt an die, die schon da sind. Sie ist das Reden leid, will endlich etwas tun. Also marschiert sie in die Unterkunft an der Hachinga Haid und fragt die Bewohner: „Who needs a job?"

Claudia Köhler fragt: "Who needs a job?" So funktioniert Integration

Eine einfache Frage zwar. Aber Claudia Köhler hat damit ein Loch aufgerissen zwischen zwei Lebenswelten. Einerseits die Welt von Menschen, die sich in die Gesellschaft einbringen wollen, aber ohne Hilfe scheitern, weil sie zum Beispiel nicht Deutsch sprechen. Und andererseits die Arbeitswelt, die einen großen Teil des gesellschaftlichen Lebens ausmacht. Claudia Köhler sagt: „Arbeit ist der beste Weg zur Integration“. Oder anders gesagt. Integration funktioniert praktisch angewendet so: „Who needs a job?“ Wer braucht Arbeit?

Die Antwort: Viele. Das kann sagen, wer sich mit Claudia Köhler verabredet. Sie hat eine Liste angefertigt. Darauf stehen Mitte April 60 bis 70 Namen von Flüchtlingen, für die sie gerade eine Arbeit sucht. In den vergangenen Monaten hat sie bereits 40 Asylbewerbern einen Job organisiert. Sie arbeiten in den Branchen Hotellerie und Gastronomie, in Gartencentern, Baumärkten oder Seniorenheimen. Auf Facebook hat Köhler kürzlich gepostet: „Danke an alle, die so fleißig arbeiten, dass es Spaß macht.“

Flüchtlinge in Arbeit zu bekommen, ist nicht gerade einfach

Wenn Claudia Köhler davon erzählt, wie sie das eigentlich macht – Jobs für Flüchtlinge zu besorgen –, klingt das alles andere als spaßig. Drei bis fünf Stunden pro Woche wendet die Grüne Gemeinderätin dafür auf. Sie ruft bei Unternehmen an, mailt Lebensläufe, terminiert Bewerbungsgespräche oder füllt Formulare aus. Flüchtlinge in Arbeit zu bekommen, ist nicht gerade einfach, einerseits weil die meisten freilich ihre Zeugnisse zuhause gelassen haben. Andererseits schrecken viele Arbeitgeber vor dem bürokratischen Aufwand zurück. 

Wer in Deutschland Asyl beantragt, kann nach drei Monaten arbeiten. Doch bevor ein Asylbewerber einen Arbeitsvertrag unterschreiben darf, muss zuerst die Ausländerbehörde, dann die Arbeitsagentur und schließlich das Landratsamt ein Okay geben. Ein Grund ist: Die Sozialleistungen, die ein Flüchtling vom Staat erhält, werden entsprechend dem Gehalt gekürzt. Verdient jemand besonders viel, werden sie komplett gestrichen.

Der Behördendschungel

Rund 4500 Flüchtlinge leben im Landkreis München. Doch nur 340 Mal haben Arbeitgeber beim Landratsamt München eine Arbeitserlaubnis für einen Flüchtling beantragt. Dafür müssen Unternehmen auf einem DIN-A4-Zettel unter anderem folgendes angeben: Berufsbezeichnung, Stellenbeschreibung, arbeitet derjenige Voll- oder Teilzeit, hat er eine Ausbildung oder nicht, ist man bereit, bevorrechtigte Arbeitnehmer (EU-Bürger) einzustellen oder nicht und und und. Der Weg in die Arbeitswelt ist oft versperrt für Flüchtlinge. Claudia Köhler hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich für andere durch den Behördendschungel zu kämpfen. Zum Beispiel bietet sie Firmen an, den Bürokratie-Kram zu übernehmen, wenn sie Flüchtlinge einstellen. Und warum macht sie das? „Mir gehts gut. Warum sollte ich nicht auch anderen helfen“, sagt sie.

John Allan, 30, gelernter Zimmermann aus Sierra Leone, arbeitet im Hotel Bayerischer Hof

Treffen mit einem, dem Köhler geholfen hat. John Allan, 30, aus Sierra Leone kommt gerade aus der Arbeit. Man trifft ihn am späten Nachmittag in einem Café in der Nähe der Unterkunft an der Hachinga Haid, wo er wohnt. Da sein Asylverfahren noch läuft, möchte er nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. Er ist gelernter Zimmermann. Köhler hat ihm und sieben anderen Flüchtlingen eine Anstellung im Hotel Bayerischer Hof organisiert, der edelsten Adresse in München, wo insbesondere die absteigen, die von allem zu viel haben. 

Allan hat dagegen nur seinen Job. Seit vier Monaten steht er jeden Tag auf und fährt in die Arbeit. Er ist glücklich, nicht den ganzen Tag in der Unterkunft verbringen zu müssen. Er sagt auf Englisch, er möchte sein eigenes Geld verdienen, um der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen. „Wenn Du eine Arbeit hast, ist dein Leben in Ordnung.“ Man merkt ihm an, dass er hundemüde und geschlaucht ist von der Arbeit. Bevor er sich verabschiedet, möchte er aber noch schnell was loswerden. Jeder soll wissen, wer ihm geholfen. In der Zeitung soll stehen: „Claudia is number one.“

"Claudia is number one"

Claudia Köhler hat sich inzwischen einen Namen gemacht als Jobvermittlerin. Auf ihrem Handy hat sie viele Whats-App-Nachrichten von Asylbewerbern, die sich in der Hoffnung auf einen Beruf an sie wenden. Vor kurzem hat ihr sogar ein arbeitssuchender Flüchtling aus dem Landkreis Ebersberg geschrieben. Er habe ihre Nummer von einem Bekannten, dem Köhler eine Arbeit organisiert habe, schreibt der Mann und fragt, ob sie ihm nicht auch helfen könne. Köhler hat nichts dagegen, dass ihre Nummer mittlerweile schon in den Unterkünften im Nachbar-Landkreis herumgereicht wird. 

Man muss jemanden kennen, der jemanden kennt, der jemanden kennt

So läuft das eben. Man muss jemanden kennen, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Flüchtlinge sind mehr als andere Arbeitssuchende auf ein Netzwerk angewiesen. Claudia Köhler ist wie ein Torwächter, der ihnen Zugang zur Arbeitswelt gewährt. 

Jusef Jasin, 20, aus Afghanistan ist vor diesem Hintergrund ein besonderer Fall. Wie Allan wohnt er in der Flüchtlingsunterkunft an der Hachiga Haid. Auch sein Asylantrag läuft seit einem Jahr. Er hat am Flughafen in Seoul in Südkorea eine Ausbildung gemacht in der Computer-Abteilung. In Kabul hat er Informatik studiert. Er spricht fast fehlerfrei Deutsch. Er hat sich vor einiger Zeit als Informatiker bei einer Münchner Firma beworben und wurde prompt zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Doch noch vor dem Termin bemerkte das Unternehmen, dass Jasin, der eigentlich anders heißt, ein afghanischer Flüchtling ist. Ihm wurde abgesagt. 

Als die Firma gemerkt hat, dass Jasin ein Flüchtling ist, sagte sie ihm ab

Köhler konnte dem 20-Jährigen nun einen Job in einem Münchner Gartencenter besorgen. Weil er besser Deutsch kann als andere Mitarbeiter, bekommt er ein bisschen mehr Geld, nämlich neun Euro in der Stunde. Jasin sagt, dass ihm die Arbeit mit Pflanzen gefalle. Köhler sagt, Jasin sei überqualifiziert. Es sei schwieriger, für ihn eine passende Arbeit zu finden als für andere. Aber eigentlich möchte Jasin wieder studieren. Doch das darf er erst, wenn sein Asylantrag anerkannt wird.

Aufstehen, arbeiten, hoffen

Ob sein Asylantrag und der von John Allan anerkannt werden, ist fraglich. Bei einem negativen Bescheid, dürften sich unter Umständen nicht mehr in Deutschland arbeiten. Wer sich mit beiden unterhält und nach Plänen für die Zukunft fragt, bekommt daher keine richtige Antwort. Über den beiden Männern schwebt bis zu ihrem Asylbescheid die Unsicherheit. Daher vermeiden sie es, sich Gedanken zu machen über Pläne für die Zukunft, wie etwa eine Familie zu gründen. Das Einzige, was sie tun können, ist jeden Tag aufzustehen und zur Arbeit zu gehen.

rat

Rubriklistenbild: © dpa

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