1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Unterhaching

Blumenhändler klagen über Konkurrenz und Ungleichbehandlung: „So macht man das Handwerk kaputt“

Erstellt:

Von: Martin Becker

Kommentare

Empört über die Ungleichbehandlung durch die Politik: Uwe Rau, Filialleiter bei Pflanzen Kölle in Unterhaching.
Empört über die Ungleichbehandlung durch die Politik: Uwe Rau, Filialleiter bei Pflanzen Kölle in Unterhaching. © MARTIN BECKER

Der Valentinstag steht vor der Tür. Supermärkte dürfen Blumen verkaufen, doch Blumenläden dürfen nicht öffnen. Ungerecht, finden die Betreiber.

Landkreis – Nicht nur zum Valentinstag stehen Blumen hoch im Kurs: ein Sträußchen für die Liebste, ein paar Krokus-Zwiebeln für Garten oder Balkon. Woher bekommen im jetzt auch noch verlängerten Corona-Lockdown? Die Lebensmittelmärkte machen es möglich mit einer Blumen-Offensive: Tulpen oder Ravioli, beides steht dort parat. Sehr zum Ärger derjenigen, die Fachleute fürs natürlich Bunte sind: Gärtnereien, Blumenläden und Pflanzen-Center. Zwei Betroffene erzählen, wie sie die Ungleichbehandlung in der Coronakrise empfinden und was sie sich von der Politik erhoffen.

Bei „Pflanzen-Kölle“ in Unterhaching haben sie natürlich das Angebot „Click & Collect“. Also im Internet bestellen, in der Filiale abholen. „Aber“, sagt Gartencenterleiter Uwe Rau, „die Lebensmittelgeschäfte ringsherum haben zum Valentinstag ihr Blumenangebot aufgestockt bis zum Umfallen. Wer dort seinen Wocheneinkauf macht, greift nebenbei zu den Blumen – und vergisst, dass es dafür eigentlich Fachgeschäfte wie uns gibt.“

Blumenhändler müssen für Kunden zu bleiben

Und anders als Aldi, Lidl, Edeka und Co. dürfen die Blumenhändler eben keine Kunden ins Geschäft lassen. Ungerecht, findet Uwe Rau: „Dass die Lebensmittler jetzt sogar Floristen anheuern, um uns das Geschäft zu verderben – das kann doch nicht im Sinn der Coronaregeln sein?!“

Ebenso betroffen ist die „Blütenwerkstatt“ von Corinna Prylinski in Feldkirchen. Den Blumen-Boom in den Supermärkten führt sie „auf die Bequemlichkeit“ zurück: Viele planten beispielsweise den Valentinstag nicht voraus – und greifen deshalb beim Lebensmitteleinkauf spontan zum Blumenstrauß. An dem inzwischen ja kein Mensch mehr vorbeikomme. „Ganze Lkw-Ladungen mit Blumen“ würden angekarrt und vor Supermärkten attraktiv platziert. „Das war schon immer so, aber dass Lebensmittelgeschäfte während der Coronakrise jetzt Floristen einstellen, ist schon besonders krass“, sagt die 29-Jährige.

Ungleichbehandlung durch die Politik

Was Uwe Rau und Corinna Prylinski gleichermaßen empört, ist die Ungleichbehandlung durch die Politik. „Wenn ich wenigstens zwei Tische mit fertigen Sträußen oder Frühlingsblühern im Blumentopf vor mein Schaufenster stellen dürfte, würde mir das schon helfen“, sagt die Blütenwerkstatt-Chefin. „Ich sage ja nicht, dass wir eine normale Geschäftsöffnung brauchen. Aber fertige Sachen, im Freien hingestellt – schnappen und mitnehmen, also ,Stop & Go‘ als Ergänzung zu ,Click & Collect‘. Solch ein Verkauf vorm Geschäft wäre spontaner und einfacher für alle. Und in puncto Infektionsrisiko ungefährlicher als im Supermarkt.“ Uwe Rau sieht das genauso: „Hier einen Strauß Blumen zu kaufen oder eine Leberkässemmel beim Metzger – da besteht coronamäßig kein Unterschied. Nur die Politik macht einen.“

Claudia Köhler aus Unterhaching, Landtagsabgeordnete der Grünen, kann die Argumente nachvollziehen. „Mir erschließt sich nicht, warum der Blumenkauf im Supermarkt gesünder sein soll als der beim Floristen. Die Infektionsschutzmaßnahmenverordnung in Bayern ist insofern handwerklich schlecht gemacht und geschäftsschädigend.“ In Hessen und Nordrhein-Westfalen beispielsweise dürfe man Blumen dort kaufen, wo Profis am Werk sind: im Blumenladen.

Ihre Leidenschaft für Blumen hat sie Corinna Prylinski sogar auf den Unterarm tätowieren lassen. 
Ihre Leidenschaft für Blumen hat sie Corinna Prylinski sogar auf den Unterarm tätowieren lassen.  © privat

Das ist der nächste Punkt: die Frage der Qualität. Denn die Supermarktblumen halten längst nicht so lange wie die aus dem Fachgeschäft. Das hat der ein oder andere inzwischen gemerkt. Nämlich, dass das zeitig gekaufte Sträußchen schon vor dem Valentinstag welkt. Um das Malheur zu beheben, stoßen Kunden dann doch noch auf das „Click & Collect“-Angebot von Läden wie Corinna Prylinskis Blütenwerkstatt. „Ich bin auf allen Kanälen aktiv, mache permanent neue Fotos meines Angebots. Trotzdem kann ich davon nicht mal meine Ladenmiete zahlen, denn an vielen älteren Kunden geht das Online-Angebot schlicht vorbei“, sagt die 29-Jährige.

Mitte bis Ende Februar habe sie sonst Hochkonjunktur mit den Frühlingsblühern. „Jetzt liegt deren Verkauf nahezu bei Null, das ist das Traurige.“. Ihr einziger Trost: das aktuelle Wetter, das nicht zu Gartenarbeit animiert. „Der Schnee ist mein Freund“, sagt Corinna Prylinski. Und hofft auf Besserung im März. Zumal der Lockdown I im März/April 2020 den Blumenhändlern das Ostergeschäft genommen hat.

„Ehe dass Supermärkte bald einen Friseurstuhl neben ihre Blumenkästen stellen, brauchen auch andere Branchen endlich eine Perspektive, einen Schritt des Entgegenkommens“, sagt Uwe Rau

Wie geht es weiter? Uwe Rau erhofft sich ein Signal von der Politik. „Ehe dass Supermärkte bald einen Friseurstuhl neben ihre Blumenkästen stellen, brauchen auch andere Branchen endlich eine Perspektive, einen Schritt des Entgegenkommens“, sagt der Gartencenterleiter. Der 50-Jährige vermisst „ein Ampelsystem“, das bei bestimmten Inzidenzwerten Lockerungen zulasse: „Man muss die Menschen für ihre Disziplin und Geduld auch mal belohnen.“

Wenn Lockerungen indes ausblieben, wünscht die Floristen- und Gärtnereibranche sich zumindest mehr Gerechtigkeit. Corinna Prylinski verweist auf die Schweiz: „Dort ist der Blumenverkauf im Supermarkt verboten.“ Solch eine Regelung fehle hierzulande. „So wie bei uns“, sind sich Corinna Prylinski und Uwe Rau einig, „macht man das Handwerk kaputt.“

Frauen zahlen beim Friseur fast immer mehr, als Männer - auch bei gleichem Haarschnitt. Die meisten Friseure geben das „Gender Pricing“ ungeniert zu.

Auch interessant

Kommentare