1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Unterhaching

Zwischen Jägern und Waldbesitzern kracht’s

Erstellt:

Von: Charlotte Borst

Kommentare

Ein Verbisszaun schützt junge Tannen: Doch vor dem Zaun verkümmern die kleinen Tannen. „Sie könnten ohne Verbiss wahrscheinlich so hoch sein, wie die Tannen hinter dem Zaun“, erklärt Forstwissenschaftler Klaas Wellhausen.
Ein Verbisszaun schützt junge Tannen: Doch vor dem Zaun verkümmern die kleinen Tannen. „Sie könnten ohne Verbiss wahrscheinlich so hoch sein, wie die Tannen hinter dem Zaun“, erklärt Forstwissenschaftler Klaas Wellhausen. © AELF/ Wildes Bayern

Der deutschlandweit schwelende Wald-Wild-Konflikt ist nun auch im Landkreis München angekommen. Die Waldbesitzer werfen den Jägern vor, ihrer Verantwortung nicht mehr nachzukommen.

Landkreis - In der Dämmerung gehen die Jäger jetzt wieder auf die Pirsch. Am 1. Mai hat traditionell die Jagd auf Rehwild begonnen. Doch an diesem Datum hat sich jetzt ein Gerichtsstreit entbrannt, der den deutschlandweit schwelenden Wald-Wild-Konflikt zwischen Waldbauern und Jägern auch im Landkreis entzündet.

Die Vorwürfe

Die Waldbesitzer werfen den „Hobbyjägern“ vor, ihrer Verantwortung im Wald nicht mehr nachzukommen. Voll Sorge sehen sie, dass die vielen Tieren im Wald den jungen Bäumen schaden. Sie fordern im Südosten des Landkreises mehr eine stringentere Jagd: mehr Jagdtage und höhere Abschusszahlen. Die Jäger aber finden viel Wild im Wald attraktiv und wollen daran möglichst wenig ändern.

Vertritt die Waldbesitzer: Die Jäger sollen mehr Wild erlegen, damit Buche und Eiche aufleben.
Vertritt die Waldbesitzer: Die Jäger sollen mehr Wild erlegen, damit Buche und Eiche aufleben. © Haag

„Der Wald kommt in Bedrängnis“, sagt Johann Killer aus Altkirchen (Gemeinde Sauerlach). „Die Wälder laufen Gefahr abzusterben. Die Winter werden milder. Das Rehwild vermehrt sich stark. Wir müssen Zwillings- und Drillingsgeburten feststellen. Für den Wald ist das eine Gefahr“, sagt Killer. Die Rehe fressen die jungen Triebe der Bäume und bevorzugen Buchen, Tannen und Eichen. „Das sind genau die Bäume, die wir für den klimatoleranten Mischwald brauchen.“ Killer arbeitet im Vorstand des Bayerischen Waldbesitzerverbands mit und ist Vorsitzender der Waldbesitzervereinigung Wolfratshausen.

Verbiss im Raum Brunnthal, Höhenkirchen und Hohenbrunn besonders stark

Der Verbiss ist in der Hegegemeinschaft 101 Süd 1 im Raum Brunnthal, Höhenkirchen und Hohenbrunn besonders stark. Das hat das große Vegetationsgutachten aus dem Jahr 2021 ergeben. Die betroffenen Jagdgenossenschaften und Waldbauernverbände beantragten daher eine Verkürzung der Schonzeit bei der Unteren Jagdbehörde im Landratsamt. Die Jagdbehörde verfügte, dass die Jagd auf Rehböcke und einjährige Weibchen schon am 19. April beginnen sollte. Prompt klagte der Verein „Wildes Bayern“ dagegen.

Streit landet vor Verwaltungsgericht

Jetzt muss das Bayerische Verwaltungsgericht entscheiden. Wildes Bayern e.V. setzt sich für den Schutz wild lebender Tiere ein und hat seinen Sitz in Aschheim. Die Vorsitzende Christine Miller fordert, dass die Untere Jagdbehörde erst einmal selbst im Einzelfall prüfen sollte, ob die Verbissschäden über das übliche Maß hinausgehen. Die Wildbiologin warnt davor, dass im März und April trächtige Rehgeißen kaum von Jungrehen zu unterscheiden seien. Überhaupt sollten erst einmal die Wildbestände gezählt werden. Die Forstwirte sind in ihren Augen wildfeindlich und nur auf Waldzuwachs aus.

Das fordert die Waldbesitzervereinigung

„Niemand will einen Wald ohne Wildtiere“, sagt Werner Fauth. Der Ayinger ist der Vorsitzende der betroffenen Waldbesitzervereinigung. „Aber die Wildbestände müssen angepasst werden.“ Sonst laufe dem Wald die Zeit davon. „Man kann nicht mit dem Gedankengut von vorgestern die Zukunft von morgen gestalten.“ Werner Fauth fordert in Zeiten des Klimawandels neue Regelungen. „Die Bäume treiben früher aus, aber die Jagdzeiten sind immer noch die alten. Das passt nicht mehr.“

Vertritt die Jäger: Ernst Weidenbusch ist gegen eine Schonzeitverkürzung. Das Wild soll erlebbar bleiben.
Vertritt die Jäger: Ernst Weidenbusch ist gegen eine Schonzeitverkürzung. Das Wild soll erlebbar bleiben. © Matthias Balk/dpa

Doch Christine Miller hält die Aussagen des forstlichen Gutachtens für eine ganze Hegegemeinschaft für viel zu pauschal. Es gebe große Unterschiede von Revier zu Revier. Und Verbisse sollten die Waldbesitzer durch „zumutbare“ Schutzmaßnahmen verhindern.

Genau die Verbisssituation bei der Waldverjüngung habe das Gutachten ja für die Hegegemeinschaften und auch für eine Vielzahl an Jagdrevieren schon geprüft, sagt Klaas Wellhausen. Der Forstwissenschaftler leitet im zuständigen Amt für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten den Bereich Forsten und hat mit seinen Mitarbeitern im Jahr 2021 das Vegetationsgutachten erstellt. Das großflächige Einzäunen junger Bäume sieht er kritisch. Der Lebensraums für Wildtiere werde eingeschränkt, die Kosten für die Waldbesitzer seien hoch und die Zäune nur begrenzt wirksam, „weil sie schwer dicht zu halten sind.“ Wellhausen verweist auch auf das Bayerische Jagdgesetz: „Es muss eine natürliche Verjüngung der standortgemäßen Baumarten im Wesentlichen ohne Schutzmaßnahmen möglich sein.“

Verhältnis zum Jagdverband kühl

Damit Verjüngungsflächen eine Chance haben, wünscht sich Johann Killer, dass Jäger waldorientiert jagen. Im Vordergrund soll die Dienstleistung an der Natur stehen: „Wir haben hier keine Bären und Wölfe mehr“, sagt Killer, „das wäre ein wildes Bayern.“ Stattdessen würde sich das Rehwild zu stark vermehren. Da sieht er die Jäger in der Pflicht. Doch das Verhältnis zum Präsident des Bayerischen Jagdverbands (BJV) Ernst Weidenbusch ist eher kühl. Die beiden Vertreter der unterschiedlichen Lager hätten sich kürzlich bei einem Telefonat „stundenlang angeschrien“.

Vizelandrat und CSU-Landtagsabgeordneter Weidenbusch betont zu allererst, der BJV sei ein anerkannter Naturschutzverein. Er lehnt eine Schonzeitverkürzung ab: „Eine Verschiebung der Jagdzeiten: Ja. Aber keine Verkürzung. Das Wild braucht Ruhezeiten. Wenn das Wild exzessiv bejagt wird, hat es permanent Stress.“

Weil vielerorts in Deutschland die Situation der Wälder dramatisch ist, will der Bund das Jagdgesetz bundesweit ändern und die Abschusszahlen erhöhen. Auch dagegen spricht sich der BJV aus und warnt davor, das ökologische Gleichgewicht im Wald durcheinander zu bringen.

Waldbesitzer wünschen sich Miteinander

Für den Widerstand der Jäger sieht Johann Killer andere Gründe. Eine komprimierte Jagdzeit mache den Abschuss einfacher: „Die Jäger können schneller Strecke machen und in kürzerer Zeit mehr Wild erlegen.“ Und je mehr Tiere äsen, desto weniger Bäume und Sträucher kommen hoch. „Der Jäger sieht das Wild besser. Im gesunden Wald ist das Jagen dagegen viel anspruchsvoller.“

Schädling oder schützenswerter Waldbewohner: Der Rehbock knabbert die Knospen der Bäume ab
Schädling oder schützenswerter Waldbewohner: Der Rehbock knabbert die Knospen der Bäume ab © mm

Klaas Wellhausen hofft, dass gerade überall dort, wo der Waldumbau dringend nötig ist und zu hoher Verbiss die Verjüngung erschwert oder verhindert, Waldbesitzer, Jagdgenossenschaften und Jäger sich an einen Tisch setzen und neue Abschussziele vereinbaren. Auch Werner Fauth wünscht sich einen Schulterschluss von Jagdpächtern und Waldbesitzern: „Es geht nur miteinander. Alles andere bringt nichts.“

In Sauerlach, Straßlach und Dingharting ist das gelungen. Die Jagdgenossenschaften haben mit ihren Pächtern neue Verträge geschlossen und höhere Abschusszahlen vereinbart. „Das Ergebnis zeigt sich bereits nach drei Jahren“, stellt Johann Killer in seinem Privatwald fest: „Es entwickelt sich eine größere Artenvielfalt. Wir sehen junge Buchen, Eichen und Tannen.“

Vegetationsgutachten

Die Forstbehörden haben im Auftrag des Freistaats den Forst inventarisiert. In ganz Bayern zählten Förster Millionen Pflanzen und nahmen Stichproben. Für 46 Prozent der rund 750 bayerischen Hegegemeinschaften sieht das große Forstgutachten aus dem Jahr 2021 dringenden Handlungsbedarf. Hier sollen – wie im Raum Höhenkirchen, Brunnthal, Hohenbrunn – die Abschusszahlen erhöht werden, bei fünf Prozent sind sie sogar „dringend zu erhöhen“. Die Waldbesitzer wollen den Forst wiederaufbauen nach den schweren Jahren, in denen ihm Borkenkäfer und Stürme schadeten. Dafür investiert der Freistaat 70 Millionen Euro.

Auch interessant

Kommentare