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Bilder von ihrem Hund Janni zeigt Ilse Christoforis im Verwaltungsgericht in München; der Maulkorbzwang, der dem Hund nach Beißattacken auferlegt worden war, ist zumindest innerorts jetzt aufgehoben worden.

Verfahren vor dem Verwaltungsgericht

Den Maulkorb ist Janni wieder los

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Unter welchen Umständen darf für einen Hund, der durch Beißattacken aufgefallen ist, ein behördlich auferlegter Maulkorbzwang wieder gelockert werden? Darum ging es vor dem Verwaltungsgericht in München.

Im Gang vor Gerichtssaal Nummer drei tippt Ilse Christoforis (72) aus Unterhaching kurz in ihrem Smartphone herum, dann zeigt sie Bilder von ihrem Hund: „Das ist er, der Janni.“ Ein Schäferhund-Mischling, inzwischen sieben Jahre alt. Süß sieht er aus auf den Fotos, doch möglicherweise täuscht der Eindruck: Die Gemeinde Unterhaching hat Janni einen strikten Leinen- und Maulkorbzwang auferlegt. Dagegen wehrt sich Ilse Christoforis, unterstützt von ihrer Rechtsanwältin Sibylle Miller-Metzner, vor dem Verwaltungsgericht.

Der Vorsitzende Richter Hans Haider versucht, die anspannte Atmosphäre zu lockern, doch die 72-Jährige entgegnet: „Ich bin das erste Mal vor Gericht. Deshalb schaue ich so aufgeregt.“ Das bleibt auch so für die nächsten Minuten, in denen der Richter in der schon recht dicken Akte blättert und „diverse Vorfälle“ benennt – hier ein kurzer Überblick.

-8. Juni 2012: In Unterhaching wird Janni von Ilse Christoforis’ Schwiegertochter ausgeführt. Der Hund greift ein joggendes Mädchen an und beißt die Neunjährige in den Po. Im Polizeibericht sind eine „kleine Bisswunde“ vermerkt und die Erstversorgung im Krankenhaus.

-20. September 2012: Die Unterhachingerin ist zu Besuch bei ihrer Tochter – dort büxt Janni aus dem Garten aus und beißt eine Passantin.

-15. März 2014: Die Schwiegertochter führt Janni aus, im Wald soll der Mischling einen anderen Hund gebissen haben.

-12. Mai 2016: Es kommt zu einer Hunde-Beißerei mit mehreren Beteiligten, darunter Janni. Die Unterhachingerin entfernt sich noch vor dem Eintreffen der Polizei – in deren Bericht steht, es könne „nicht ausgeschlossen werden“, dass von Janni „eine nicht unerhebliche Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung ausgeht“.

Der „wohl auslösende Vorfall“, resümiert der Richter, sei jener im Mai 2016 gewesen. Hatte die Gemeinde Unterhaching es bis dahin bei Ermahnungen belassen und Ilse Christophoris den Besuch einer Hundeschule nahegelegt (wo sie tatsächlich mehrere Kurse absolvierte), so erfolgte vor knapp einem Jahr ein verbindlicher Bescheid: Seitdem besteht für Janni innerorts Leinen- und Maulkorbzwang, außerorts nur eine Maulkorbpflicht; außerdem darf er nur von ausgebildeten Personen ausgeführt werden, zusätzlich ist das Grundstück in der Pittingerstraße in Unterhaching gegen Ausbüxen zu sichern.

Hans Haider runzelt die Stirn, blickt streng hinüber zu den Vertretern der Gemeinde Unterhaching, Sascha Monger vom Ordnungsamt und Rechtsanwältin Kerstin Funk. „Das ist erstaunlich, ich muss mich schon wundern“, sagt der Verwaltungsrichter. „Die Gemeinde Unterhaching ist sehr nachlässig und liberal.“ Die Kommune habe nämlich viel zu spät reagiert. Anders als im Strafrecht gelte im Verwaltungsrecht nicht der Grundsatz „in dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten; hier gewissermaßen Janni. Nein, nach gängiger Rechtssprechung reiche schon eine einzige Hundebeißerei aus, dass die „relativ niedrige Schwelle“ überschritten und das Vorliegen einer „konkreten Gefahr“ impliziert seien. Eigentlich, findet Haider, hätte die Gemeinde schon 2012, nach dem ersten Vorfall, mit der Anordnung von Leinenzwang tätig werden müssen. Dass dies unterblieben ist, erklärt Sascha Monger später so: „Wir wollen nicht auf Spatzen schießen.“

Nun ja, im relevanten Fall ist ein neun Jahre altes Mädchen in den Po gebissen worden. Wenngleich sich der Sachverhalt aus Sicht der Hundehalterin etwas anders darstellt. Das Mädchen und ihr Bruder hätten „Janni immer geärgert, die sind dauernd mit ihren Rollerblades extra nah um ihn rumgefahren“. Das habe der Hund sich gemerkt. Und als es, an jenem 8. Juni 2012, nahe des Ortsparks zur Begegnung kam, „da hat er das Mädchen von hinten gepackt“. Gebissen? „Nein“, beteuert Ilse Christoforis, „er hat das Kind in den Hintern gezwickt. Das Mädchen hatte vielleicht ein Hämatom, aber keine offene Wunde.“

So oder so: „Das tut weh“, sagt Richter Hans Haider, er wisse das aus eigener Erfahrung. Deshalb sei der Leinenzwang vollkommen in Ordnung, aber „nach Aktenlage halte ich den Maulkorb für übertrieben, sofern der Hund angeleint ist“. Genau gegen diese Kombination, Hundeleine und Maulkorb, wehrt sich die 72-jährige Unterhachingerin. Tierschutzrechtlich spreche allerdings nichts dagegen, betont der Richter, die Anordnung liege im Ermessen der Gemeinde.

Letztlich einigen sich beide Seiten im Gerichtssaal auf Haiders „Vorschlag zur Güte“. Erstens fällt innerorts der Maulkorbzwang weg; Janni muss aber zwingend an einer reißfesten, maximal 100 Zentimeter langen Leine geführt werden. Für Spaziergänge außerorts indes bleibt die Maulkorbpflicht bestehen – vorerst. Bis Juni, also ein Jahr nach dem Bescheid der Gemeinde, soll Ilse Christoforis ein neues Gutachten vorlegen, in dem sie nachweist, dass Janni „in gutem Gehorsam steht“, „abrufbar“ ist (so der Fachterminus) und „keine Gefahr für andere Menschen und Hunde darstellt“.

Falls es so kommt, will die Gemeinde „sehen, wie es funktioniert“. Ilse Christoforis indes wirkt zufrieden: „Dass der Maulkorbzwang innerorts weg ist, das war mir wichtig.“ In Unterhaching müsse sie derzeit ein Spießrutenlaufen ertragen, „jeder fragt, was denn los ist“. Die Hundetrainerin habe ihr geraten, den Maulkorn anderen gegenüber mit falschem Fressverhalten zu erklären. „Aber warum soll ich denn lügen?“ Nein, das mag Ilse Christoforis nicht. Und sie muss es nun auch nicht: Der Maulkorb ist, zumindest innerorts, Vergangenheit.

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