1. Startseite
  2. Lokales
  3. München Landkreis
  4. Unterhaching

Not erreicht den Mittelstand: „Viele kommen trotz
40-Stunden-Woche nicht mehr auf die Füße“

Erstellt:

Von: Martin Becker

Kommentare

Wollen helfen: Claudia Mammach (l.) und Carola Schanzer hören sich im Beratungsbus der Caritas die Sorgen der Menschen an und suchen nach Lösungen.
Wollen helfen: Claudia Mammach (l.) und Carola Schanzer hören sich im Beratungsbus der Caritas die Sorgen der Menschen an und suchen nach Lösungen. © Martin Becker

Von Energiekrise und Inflation sind nicht nur Sozialleistungsempfänger und Geringverdiener betroffen. Längst hat die Krise die Mittelschicht erreicht. Caritas-Mitarbeiter berichten.

Unterhaching/Landkreis – Sparen, sparen, sparen. Aber wie? Um Abstraktes griffiger zu machen, haben Claudia Mammach und Carola Schanzer von der Caritas ein kleines Quiz konzipiert. Am Caritas-Beratungsbus, der an diesem Tag seinen Stopp auf dem Unterhachinger Wochenmarkt einlegt, liegen laminierte Kärtchen mit Fragen parat. Zum Beispiel: Was kostet Trinkwasser aus der Leitung im Vergleich zum billigsten Mineralwasser aus dem Supermarkt?

Bei einem Verbrauch von drei Litern pro Tag schneidet der Wasserhahn mit 1,92 Euro Jahr weitaus günstiger ab als das in der Summe 182,50 Euro teure Wasser vom Discounter. Oder der Wäschetrockner mit Abluftschlauch – wie teuer ist eine Ladung? 3,76 Euro pro Fuhre fallen an.

Inflation und hohe Energiepreise: Caritas gibt Tipps zum Geld sparen

Mit Zahlen wie diesen überraschen die beiden Damen von der Caritas so manchen interessierten Passanten. Und verteilen Prospekte mit Tipps, wie sich im Zeitalter explodierender Energiepreise Geld sparen lässt: „Mit vielen kleinen Kniffen, die nicht weh tun, sind in jeden Haushalt bis zu 20 Prozent möglich. Die Summe der Maßnahmen macht‘s!“

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Landkreis-München-Newsletter.

Das Spektrum der Caritas-Angebote ist breit gefächert, von Schuldnerberatung bis Lebensmittelausgabe. „Zu uns darf man mit jedem Problem kommen“, sagt Carola Schanzer. Sie hat festgestellt, dass die Nachfrage nach Beratung stark angestiegen ist. Und: „Es ändern sich die Menschen, die zu uns kommen.“ An erster Stelle stünden nicht mehr, wie früher, die Empfänger von Sozialleistungen, sondern Berufstätige mit Vollzeitjob. „Viele sagen, wir schaffen es nicht mehr – die Nöte der Menschen haben die Mittelschicht erreicht.“

Energiekrise: Warteliste bei der Tafel - „Nöte der Menschen haben Mittelschicht erreicht“

Dieser Trend macht sich besonders an den Lebensmittelausgaben bemerkbar. In 13 der 29 Landkreis-Kommunen ist die Caritas mit Angeboten wie dem „Hachinger Tisch“ präsent, versorgt jede Woche etwa 1500 Menschen mit Lebensmitteln. Erstmals mussten heuer Wartelisten eingeführt werden, rund 200 Leute stehen darauf, der Anteil von geflüchteten Ukrainern liegt bei 15 Prozent.

In der Schuldnerberatung fällt Carola Schanzer auf, „dass die meisten schon mittendrin sind in einer existenzbedrohenden Lage, mit ihren Einnahmen aus Erwerbstätigkeit die Ausgaben nicht mehr decken können“. Dies betreffe vor allem die Mittelschicht, im Durchschnitt Menschen knapp unter 40 sowie Rentner, die plötzlich in die Altersarmut abdriften. „Viele priorisieren falsch“, erläutert Claudia Mammach. Am wichtigsten sei es, „immer Miete und Strom zu zahlen“. Um Gläubiger von Konsumschulden kümmere sich die Caritas: „Wir haben Netzwerke und spannen sie passend für jeden Klienten.“

 Diverse Info-Materialien liegen im Beratungsbus bereit.
Diverse Info-Materialien liegen im Beratungsbus bereit. © Martin Becker

Das bedeutet aber auch, mit einem Haushaltsplan jeden Cent umzudrehen beziehungsweise sämtliche Kosten-Posten auf den Prüfstand zu stellen. Braucht es eine Brandversicherung in der Mietwohnung, sind vier Handy-Verträge nicht drei zu viel für eine Person?

Hohe Energiepreise: Potenzial und Probleme - Viele kleine Maßnahmen entlasten den Geldbeutel

Gerade auf dem Energiesektor lasse sich viel Geld sparen: „Einmal duschen kostet einen Euro – wenn das Wasser maximal fünf Minuten läuft“, rechnet Claudia Mammach vor. Wer täglich 20 Minuten lang dusche, habe pro Jahr Mehrausgaben von 1500 Euro. Ein Grad mehr im Kühlschrank, Stand-by am Fernseher per Netzstecker ausschalten, bei Spül- und Waschmaschine lieber ein längeres Öko-Programm laufen lassen, weil das schnelle Aufheizen der Kurzprogramme viel mehr Strom verbraucht: Viele kleine Maßnahmen entlasten den Geldbeutel.

Eine finanzielle Schieflage bedeute oft zugleich, „ausgeschlossen zu sein von der sozialen Teilhabe“, betonen die beiden Caritas-Beraterinnen. Da könne selbst die Einladung zum Kindergeburtstag ein Problem werden: „Es gibt Familien, die stehen vor der Wahl, ob sie dem Nachbarsbub ein Geschenk kaufen oder lieber ein bis zwei Tage etwas zu essen haben.“

Eine betagte Dame mit Rollator bleibt am Beratungsbus auf dem Unterhachinger Rathausplatz stehen, schildert ihr aktuelles Problem: Nach 22 Jahren wurde ihr die Wohnung gekündigt – der Eigentümer wechselte und meldete Eigenbedarf an. Allerdings mit unzulässigen Fristen: Die Caritas kann zumindest einen Aufschub erwirken.

Immer höhere Wohnkosten, steigende Lebensmittelpreise – das überfordere inzwischen so manche Normalverdiener und insbesondere Berufsanfänger mit wenig Gehalt. Welche Folgen das haben wird? „Viele kommen, trotz 40-Stunden-Woche, nicht mehr auf die Füße“, sagt Claudia Mammach.

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis München finden Sie auf Merkur.de/Landkreis München.

Auch interessant

Kommentare