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Behördenversagen bei Ukraine-Flüchtlingen: Erste Helfer ziehen die Reißleine

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Von: Max Wochinger

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„Wir haben uns das ganz anders vorgestellt“, sagt Irene Rottenwallner aus Unterhaching (Foto oben). Sie hat eine siebenköpfige Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine aufgenommen, die soll nun das Haus verlassen. Ihr Gesicht will Rottenwallner nicht zeigen.
„Wir haben uns das ganz anders vorgestellt“, sagt Irene Rottenwallner aus Unterhaching. Sie hat eine siebenköpfige Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine aufgenommen, die soll nun das Haus verlassen. Ihr Gesicht will Rottenwallner nicht zeigen. © Thomas Rychly

Seit Kriegsbeginn sind 4600 Ukrainer in den Landkreis geflüchtet. Viele Familien haben Flüchtlinge aufgenommen. Sie beklagen nun, von Behörden alleine gelassen zu werden.

Landkreis – Nur zwei, drei Wochen sollte sie bleiben. Dann hätte die Flüchtlingsfamilie aus der Ukraine in eine Unterkunft der Behörden ziehen sollen. Zumindest dachten das Irene und Paul Rottenwallner aus Unterhaching. Das Rentnerpaar hat eine siebenköpfige Familie aus der Ukraine bei sich Zuhause aufgenommen – als Notlösung, damit die fünf Kinder und Eltern nicht in einer Massenunterkunft leben müssen. Das war vor sieben Wochen. Seitdem hängt der Haussegen schief.

Das Ehepaar weiß nicht mehr weiter: Irene Rottenwallner, 75, sitzt am Esstisch in ihrem Haus und erklärt das Problem. Der Holztisch ist ausgezogen, Plastikstühle lehnen zusammengeklappt an einer Wand. Manchmal sitzen hier mehr als neun Leute beim Abendessen.

Ukraine-Flüchtlinge in Bayern: „Das Haus ist nicht gemacht für so viele Leute“

„Normal sind wir zu zweit, das Haus ist nicht gemacht für so viele Leute“, erklärt die Rentnerin. Die Ukrainer wohnen im Dachgeschoss, mit eigenem Badezimmer. Die Küche teilen sich die beiden Familien. Das alte Haus sei extrem hellhörig. Die Stockwerke trennen nur dünne, selbsteingezogene Böden, sagt Paul Rottenwallner, 80. Ein weiteres Problem für die ehemaligen Lehrer ist die unterschiedliche Vorstellung des Zusammenlebens und der Sauberkeit. „Wir haben uns das ganz anders vorgestellt“, sagt Irene Rottenwallner.

Nachfragen bei der Gemeinde Unterhaching wegen einer kommunalen Unterkunft seien wenig erfolgversprechend gewesen. Auch das Landratsamt und die Regierung von Oberbayern hätte sie angeschrieben, geholfen habe ihr niemand. Das Ehepaar habe schließlich eine schwierige Entscheidung getroffen: Sie haben die Flüchtlingsfamilie gebeten zu gehen. Am 6. Mai sollen sie das Haus verlassen. „Es ist hart, die Leute rauszuschmeißen“, sagt die Seniorin. „Aber was soll ich machen, wenn Vater Staat keine Initiative zeigt?“

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Familien in Bayern nehmen Flüchtlinge aus Ukraine auf - die Behörden lassen sie im Stich

Auch andere Freiwillige klagen über die ausbleibende Hilfe der Behörden. Familien, die in Notunterkünften wohnen, werden von den Ämtern „komplett links liegen gelassen“, wenn es um die Bereitstellung von langfristigem Wohnraum gehe, teilt eine Initiative aus Sauerlach mit.

Zuständig für die Anschlussunterbringung ist das Landratsamt. Es rät Flüchtlingen, die aus privaten Unterkünften ausziehen müssen, sich „um eine andere private Wohnmöglichkeit“ zu bemühen. Klappt das nicht, können sie sich im Ankunftszentrum in München melden. Flüchtlinge werden dann innerhalb Oberbayerns, gegebenenfalls auch innerhalb des Bundesgebiets verteilt. Die Regierung von Oberbayern war am Dienstag nicht zu erreichen. Tatsächlich wohnt der größte Teil der Flüchtlinge im Landkreis bei Privatpersonen, rund 3800 Menschen.

„Wollen Bevölkerung nicht ausnutzen“: Landrat entschuldigt sich bei helfenden Familien

„Wir wollen die Bevölkerung in ihrer Hilfsbereitschaft nicht ausnutzen“, sagte Landrat Christoph Göbel (CSU) am Montag. Das Landratsamt will Helfern nun zumindest einen kleinen Obolus für die Aufnahme von Flüchtlingen zahlen: 65 Euro pro Erwachsenen und Monat, 50 Euro für Kinder. Beim Bereitstellen von Wohnraum hakt es aber, das Problem seien Lieferzeiten für Container und Holzmodulbauten, so Landrat Göbel.

Eingespielt haben sich hingegen Lissy und Hermann Meyer aus Unterschleißheim mit den Goodzaris aus Kiew. Von den Behörden fühlen sich die Freiwilligen allerdings im Stich gelassen. (Archivbild)
Eingespielt haben sich hingegen Lissy und Hermann Meyer aus Unterschleißheim mit den Goodzaris aus Kiew. Von den Behörden fühlen sich die Freiwilligen allerdings im Stich gelassen. (Archivbild) © Gerald Förtsch

Das Landratsamt ist also noch länger auf die Hilfsbereitschaft der Bürger angewiesen, etwa auf die Hilfe von Lissy Meyer aus Unterschleißheim. Sie hat eine dreiköpfige Familie aufgenommen. Das Zusammenleben klappt wunderbar, sagt Meyer, 65. „Sie können so lange bleiben, wie sie eben bleiben müssen.“

Nur, von der Kreisverwaltung habe sie bisher keine Unterstützung bekommen. „Wir fühlen uns verlassen“, so Meyer. Die Flüchtlingsfamilie lebt seit sieben Wochen in ihrer Dachgeschosswohnung. Eine andere Möglichkeit bleibt ihnen wohl nicht: „In Unterschleißheim eine andere Wohnung zu finden, ist sehr unwahrscheinlich.“

Alle weiteren Infos zum Ukraine-Krieg und dessen Auswirkungen in Bayern lesen Sie hier auf unserer Themenseite Ukraine-Flüchtlinge.

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