Mehrere Menschen stoßen mit Bierkrügen an
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Private Feiern haben sich als Hauptursache für steigende Coronavirus-Fälle im Landkreis München herausgestellt.

Landratsamt beantwortet aktuelle Fragen

Coronavirus im Landkreis München auf dem Vormarsch: Privatfeiern sind das Hauptproblem

  • Patricia Kania
    vonPatricia Kania
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Im Landkreis München steigen die Coronavirus-Infektionen wieder stetig an. Erstmals seit dem Frühjahr wurde am vergangenen Wochenende der Signalwert von 35 überschritten. Inzwischen hat sich die 7-Tage-Inzidenz auf 40 erhöht. Woran liegt das? Welche Folgen hat das? Das Landratsamt München nimmt Stellung zu den wichtigsten Fragen.

Womit lässt sich der Anstieg der Fallzahlen im Landkreis erklären?

In vielen Städten und Regionen Deutschlands steigen aktuell die Fallzahlen, so auch im Landkreis München. Hier gibt es nicht den einen großen Hotspot, sondern vielmehr zahlreiche kleinere Ausbruchsgeschehen, die die Zahlen ansteigen lassen. Häufig handelt es sich um Feiern oder Treffen im privaten Bereich, die für die Ausbreitung des Virus verantwortlich sind. In allen Teilen des Landkreises ist derzeit ein Anstieg zu verzeichnen.

Wie hat sich die Zahl der wöchentlichen Testungen von März bis heute verändert?

Die Zahl der Coronatests wie hier im Haarer Testzentrum sind enorm gestiegen.

Die Testkapazitäten sind seit dem Frühjahr deutlich gestiegen. Sind im Frühjahr allein durch die Knappheit der Testressourcen insgesamt deutlich weniger Personengruppen getestet worden, so ist es heute für jeden möglich, sich testen zu lassen. Davon wird auch rege Gebrauch gemacht. Das sehen wir zum Beispiel am landkreiseigenen Testzentrum in Haar – Woche 1: 300 Test, Woche 2: 600 Tests, Woche 3: 700 Tests. Ein Gesamtüberblick über sämtliche Testungen im Landkreis liegt nicht vor, da eine Vielzahl der Tests von niedergelassenen Ärzten durchgeführt wurde und wird.

Die Zahl der Todesfälle ist seit Wochen glücklicherweise unverändert bei 96. Hängt das auch mit der Verschiebung der Altersgruppen zusammen?

Das ist richtig. Ältere Menschen sind durch eine Infektion mit dem Coronavirus besonders gefährdet. In den letzten Wochen und Monaten haben sich insbesondere jüngere Menschen infiziert, in den höheren Altersklassen ist das Infektionsgeschehen momentan sehr moderat. Glücklicherweise ist es nach den Ausbrüchen gelungen, insbesondere in Alten- und Pflegeeinrichtungen weitere Ausbrüche mit dem Coronavirus zu verhindern. Dies ist nicht zuletzt dem umsichtigen und engagierten Vorgehen des Pflegepersonals zu verdanken. Aktuell gibt es in einer Vielzahl der Einrichtungen bereits regelmäßige Reihentestungen. Infektionen von Bewohnern sind zur Zeit keine bekannt. In einer Einrichtung wurden bei einer solchen präventiven Testung zwei positive, jedoch symptomfreie Mitarbeiter erkannt, die anschließend sofort in Quarantäne geschickt werden konnten. Die Reihentestungen werden kontinuierlich ausgebaut.

Beim RKI, LGL und beim Landratsamt unterscheiden sich Fallzahlen und 7-Tage-Inzidenz oft. Auf welche Zahlen soll sich der Bürger verlassen?

Die Zahlen des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind für die Bewertung der Gesamtsituation maßgeblich. Unterschiede bei den Werten ergeben sich durch Verzögerungen bei der Datenübermittlung und unterschiedlichen Aktualisierungszeitpunkten. Auch wenn die Zahlen etwa auf der Homepage des LGL über das Wochenende nicht aktualisiert werden, werden die Daten weiter erfasst, bearbeitet und entsprechende Maßnahmen eingeleitet. Auch wenn die 7-Tages-Inzidenz und die Gesamtfallzahl eine wichtige Kenngröße für die Einleitung von Maßnahmen darstellen, sind sie jedoch nur einer von mehreren Indikatoren. Wichtig ist vor allem auch, das örtliche Ausbruchsgeschehen im Einzelnen im Auge zu behalten, also etwa die Frage, gibt es regional abgrenzbare Hotspots, treten die Infektionen nur in einer bestimmten Altersgruppe auf, können Infektionsketten noch nachverfolgt werden und so weiter.

Wenn der Inzidenzwert weiter steigt, welche weiteren Maßnahmen sind denkbar?

Bleibt der Signalwert von 35 auch für die kommenden Tage überschritten, beabsichtigt das Landratsamt eine Maskenpflicht an Schulen auch im Unterricht ab der Jahrgangsstufe 5 anzuordnen, sofern in den Klassenzimmern der Mindestabstand von 1,5 Metern zwischen den Schülern und zur Lehrkraft nicht eingehalten werden kann. Bei privaten Feierlichkeiten in öffentlichen oder angemieteten Räumen würde dann eine Obergrenze von 50 Personen gelten. Ausgenommen bleiben öffentliche Veranstaltungen wie Bürgerversammlungen und Ähnliches. Für Feierlichkeiten in Privaträumen ist eine Höchstgrenze von 25 Teilnehmern beabsichtigt. Darüber hinaus sollte im Sinne der Eigenverantwortung der Kreis der Gäste auf möglichst wenige Haushalte beschränkt werden. Je nach Entwicklung des Infektionsgeschehens sind auch weitere Maßnahmen denkbar. Bei einem stetigen Überschreiten des Schwellenwerts von 50 wird man sich insbesondere an die im Infekstionsrecht vorgesehenen Maßnahmen halten. Die zu treffenden Maßnahmen müssen selbstverständlich dem örtlichen Infektionsgeschehen angepasst werden. Dies geschieht auch in Abstimmung mit übergeordneten Behörden.

Was passiert, wenn der Schwellenwert überschritten wird

Die 7-Tage-Inzidenz schwebt wie ein Damoklesschwert über den Landkreisen. Sie entscheidet im Grundsatz, wie frei wir uns bewegen und begegnen dürfen. Der Schwellenwert liegt bundesweit bei 50 Infektionen gerechnet auf 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Den Signalwert von 35 hat der Landkreis München am vergangenen Wochenende erstmals seit dem Frühjahr überschritten. Nach den allgemeinen Vorgaben des Bayerischen Gesundheitsministeriums werden die Landkreise dazu angehalten ab einem Wert von 35 bei privaten Feierlichkeiten eine Höchstteilnehmerzahl festzulegen. Für Feiern in öffentlichen oder angemieteten Räumen ist die zulässige Anzahl der Personen auf maximal 50 Teilnehmer beschränkt. Daneben wird empfohlen, in privaten Räumen keine Feiern mit mehr als 25 Teilnehmern durchzuführen. Landrat Christoph Göbel (CSU) will zudem eine Maskenpflicht in Schulen anordnen.

Ab einem Wert von 50 gelten folgende Maßnahmen:

O Bei öffentlichen Versammlungen oder Veranstaltungen wird der gemeinsame Aufenthalt im öffentlichen Raum auf Personen aus dem eigenen Hausstand, Lebenspartner und Verwandte oder auf Gruppen bis zu fünf Personen beschränkt.

O Die Maskenpflicht und ein Alkoholverbot außerhalb des zulässigen Gastronomiebetriebs werden auf stark frequentierten öffentlichen Plätzen angeordnet.

O Zwischen 23 und 6 Uhr wird die Abgabe von Speisen und Getränken zum Verzehr an Ort und Stelle untersagt.

O Bei privaten Veranstaltungen soll die Teilnehmerzahl in geschlossenen Räumen auf 25 und unter freiem Himmel auf 50 beschränkt werden. Dasselbe gilt auch für Feierlichkeiten in der Gastronomie.

O Der Landkreis kann zudem über feste Besuchszeiten in Pflegeheimen entscheiden.

Hält man an der Teilnehmerzahl von 100 bei Bürger- versammlungen fest, wenn die Coronafälle steigen oder gleich hoch bleiben?

Bürgerversammlungen oder auch Ortsversammlungen sind im Kommunalrecht verankert. Die Durchführung von Bürgerversammlungen stellt eine Ausprägung des Rechts der Gemeindebürger auf demokratische Teilhabe dar Die Bürgerversammlung bedarf keiner Ausnahmegenehmigung durch die Kreisverwaltungsbehörde. Von Seiten des Infektionsschutzes sind natürlich grundsätzliche Schutz- und Hygienemaßnahmen zwingend zu berücksichtigen.

Werden bei anhaltender oder steigender Fallzahl wieder keine Zuschauer beim Fußballspiel der SpVgg Unterhaching zugelassen?

Eine pauschale Aussage ist nicht möglich. Entsprechende Maßnahmen sind Einzelfallentscheidungen unter Berücksichtigung der aktuellen Fallzahlen und des Hygienekonzeptes. Der Landkreis steht mit dem Verein im engen Austausch und entscheiden von Spiel zu Spiel.

Von den aktuell Infizierten: Wie viele Personen sind davon schwer erkrankt, beziehungsweise haben Symptome?

Vom 15. September bis zum gestrigen Dienstag waren insgesamt 420 Personen infiziert. Davon haben 244 typische Covid-19-Symptome gezeigt. Äußerst wenige mussten im Krankenhaus behandelt werden. Genaue Zahlen gibt es nicht, da der Landkreis erstens kein eigenes Klinikum hat und es keine Meldepflicht für intensivmedizinisch betreute Corona-Patienten gibt.

In den vergangenen Tagen ist ein auffälliger Anstieg von Coronafällen in der Gemeinde Haar zu verzeichnen, was ist der Grund dafür?

Es handelt sich hauptsächlich um Infektionen innerhalb einzelner Familienverbünde. Hinweise auf einen eventuellen Hotspot oder ein ungewöhnliches Ausbruchsgeschehen gibt es bislang nicht.

Wie hoch ist die Zahl der Personen, die sich aktuell in Quarantäne im Landkreis befinden?

Rund 800. Aber auch hier schwankt die Zahl je nach Meldung der Kontaktpersonen.

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