Das Leben besteht aus Mosaiksteinen, sagt die Unterhachingerin Nina Martin, die aufgrund ihrer Herzkrankheit schon oft mit dem Tod konfroniert gewesen ist. Ihr Schicksal hat sie auch in ihrem Ratgeber „Plane nicht – lebe“ verarbeitet.
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Das Leben besteht aus Mosaiksteinen, sagt die Unterhachingerin Nina Martin, die aufgrund ihrer Herzkrankheit schon oft mit dem Tod konfroniert gewesen ist. Ihr Schicksal hat sie auch in ihrem Ratgeber „Plane nicht – lebe“ verarbeitet.

Autorin Nina Martin hat einen Lebens-Ratgeber geschrieben

„Über 25 Mal wäre ich beinahe gestorben“: So verarbeitet diese junge Unterhachingerin ihr Schicksal

  • Martin Becker
    vonMartin Becker
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Schon über 25 Mal ist Nina Martin (29) aus Unterhaching einem plötzlichen Herztod entronnen. In ihrem Ratgeber „Plane nicht- lebe!“ setzt sie sich mit ihrem Schicksal und dem Wert des Lebens auseinander. Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht sie über ihr Leben, ihr Buch und die von ihr entwickelte „Mosaik-Methode“.

Im Einstieg zu Ihrem Sachbuch heißt es: „Ohne meine Sterblichkeitserfahrungen gäbe es keine Mosaik-Methode“. Wie kommt ein junger Mensch wie Sie dazu, sich so intensiv mit dem Tod zu beschäftigen?

Dahinter steckt meine persönliche Geschichte: Schon seit meinem zwölften Lebensjahr hatte ich immer wieder Anfälle mit Bewusstlosigkeit, die als Epilepsie diagnostiziert wurden. Eine gefährliche Fehldiagnose, wie sich erst mit 27 herausstellte – ich leide unter einer Herzrhythmusstörung, die relativ oft tödlich endet. Aus irgendeinem Grund hat mein Herz immer wieder angefangen zu schlagen, über 25 Mal wäre ich beinahe gestorben. In der Retroperspektive fragte ich mich: Was hätte ich nicht mehr erlebt, wenn ich in konkreten Momenten gestorben wäre? Inzwischen habe ich einen Defibrillator im Körper – ohne den bin ich wie mit einer tickenden Zeitbombe herumgelaufe. Immer in dem Bewusstsein, dass ich jederzeit tot umfallen kann.

Dadurch änderte sich Ihr Blickwinkel aufs Leben?

Dieses Wissen um meine Herzerkrankung veränderte viel und hat bei mir eine Reaktion ausgelöst: Ich fing an darüber nachzudenken, wie lebe ich eigentlich? Das Thema Tod hat unterschiedliche Aspekte, und einer, mit dem ich mich intensiv auseinandergesetzt habe, ist die Sterblich- und Endlichkeit des eigenen Lebens. Im Ergebnis kam ich zu einer Implikation fürs Leben: Wie will ich es füllen?

Denken Sie bei Ihrer Mosaik-Methode nun in kleineren Intervallen?

Ganz oft habe ich das Gefühl, gerade bei Leuten aus meiner Generation, dass sie in großen Kategorien denken wie ihrer Karriere – sie unterteilen ihr Leben in Phasen. Relevanter erscheint mir das Gesamtbild, und so kam mir das Mosaik in den Sinn. Ich habe einzelne Lebensbereiche unterschiedlich großen Mosaiksteinen zugeordnet: Job, Beziehung, Familie, Sport, Freunde, Schreiben.

Und diese Steine verschieben Sie? Ein Mosaik ist ja variabel.

Meine Mosaik-Methode fußt auf drei Prinzipien. Erstens: Ich sehe mein Leben als flexibles Mosaik, das ich selbst gestalten und beurteilen kann. Zweitens probiere ich neue Lebensinhalte in kleinen, aufwandsarmen Erfahrungen aus, bevor ich mein Mosaik dauerhaft umgestalte. Und drittens reflektiere ich neue Erfahrungen bewusst und ehrlich, um mich an meinen echten Werten und Bedürfnissen zu orientieren.

Als studierte Psychologin bieten Sie auch Coachings an. Wenn jemand zu Ihnen kommt: Wie gehen Sie vor mit der Mosaik-Methode?

Im ersten Schritt malt man sein Leben als Mosaikbild und fragt man sich: Warum hat man es so gemalt? Wieso ist beispielsweise der Familienstein so weit weg von den anderen Steinen? Ein Spiegel des Jetzt. Im zweiten Schritt wird ein Mosaik gemalt, wie ich es gern hätte, mein Wunsch-Mosaik. Da ist alles erlaubt, es kann auch eine ganz andere Form haben. Punkt drei ist: Wie komme ich vom einen zum anderen? Dieser Prozess ist ein Ausprobieren, ein Herantasten. Woran liegt es ganz konkret in meinem Alltag, warum ein Stein so klein oder so weit weg ist. In Mikroerfahrungen geht es darum, Veränderungen zu testen. Ziel ist es, sich ein System zu bauen, das ins eigene Leben passt.

Gute Vorsätze... Wie Raucher, die aufhören wollen?

Ein gutes Beispiel. Dieses von Null-auf-gleich geht an unserer Psyche und Lebenswirklichkeit vorbei. Wichtiger sind die kleinen Schritte: Was kann ich konkret tun, um am nächsten Tag eine Zigarette weniger zu rauchen? Es gibt immer Dinge, die man verändern kann.

Am Ende steht das perfekte Mosaik?

Nein, am wichtigsten ist, sich bewusst für ein bestimmtes Leben zu entscheiden. Machen wir eine Zwei-Wochen-Challenge: Was kann ich in Mikroschritten tun, um Ziele zu erreichen? Es ist ein ständiges Wechselspiel zwischen Selbstreflexion und Erfahrung. Ganz oft machen wir uns nicht bewusst, welche kleinen Aufgaben in einer großen Aufgabe stecken. Man sollte so kleinteilig wie möglich denken. Wenn in einer Veränderung zu viel Arbeit steckt, schreckt das ab.

Auch Werte spielen eine Rolle.

Es geht nicht nur darum, Spaß am und im Leben zu haben, sondern es erfüllt und bewusst nach Werten zu leben. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass dies immer stringent gelingt – es ist vielmehr ein ständiges Abwägen, was ich innerhalb meiner Werte gerade priorisiere. Wenn mir beispielsweise sowohl Umweltbewusstsein als auch Familie wichtig sind: Darf ich dann zu Verwandten, die im Ausland leben, fliegen? Ich arbeite mit der Realität, wie sie ist, statt verkrampft zu versuchen, der umweltfreundlichste Mensch des Planeten zu werden.

Als Berufsbezeichnung geben Sie Psychologin, Buchautorin, Speakerin, Innovationsberaterin und Coach an – aber am liebsten ist Ihnen Erlebnis-Kuratorin. Was heißt das?

Eine Art Vision von dem, was ich sein will. Der Begriff fühlt sich richtig an, es bleibt aber offen, was es ist. Es ist jemand, der Erlebnisse gestaltet, für mich oder andere. Als Workshopgeberin, Autorin, Partnerin, Mutter. Erlebnisse sind eine bewusste Gestaltung des Lebens, Kuratorin hat etwas Kreatives – der Begriff schränkt mich nicht ein, ist aber auch nicht zu leitend.

Beim eigenen Leben „ohne Masterplan“, wie es im Untertitel Ihres Sachbuchs heißt: Denken Sie noch an den Tod?

Es ist inzwischen unwahrscheinlich, dass ich an der Herzkrankheit sterbe. Aber ich bin dankbar für die Erfahrungen – es war eine Chance, solche Gedanken zu bekommen. Ich trage ein momentum mori in mir, mein Defibrillator tickt wie ein Sterblichkeits-Reminder.

Sie schreiben viel über Erfüllung – was wäre Ihre?

Nichts Ultimatives. Für mich will ich das persönliche Setup herausfinden: Wie viel schreiben, wie viel Workshops? Ich freue mich total auf den Jugendroman, an dem ich nun arbeite – es wird um ein Thema gehen, über das relativ wenig gesprochen wird: Träume!

Das Buch

„Plane nicht – lebe“ (12,99 Euro) ist im Rowohlt-Verlag erschienen und trägt den Untertitel „Wie du ohne Masterplan glücklich wirst“. Als Co-Autor beteiligt ist Benedict Probst, ein Umweltökonom und der Freund von Nina Martin.

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