Offiziell normgerecht, aber trotzdem ein Risiko: An der überlappend platzierten Umlaufsperre am S-Bahnhof Unterhaching bleibt diese Mutter mit ihrem Kinderanhänger hängen. Das künstliche Hindernis ärgert inzwischen viele.
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Offiziell normgerecht, aber trotzdem ein Risiko: An der überlappend platzierten Umlaufsperre am S-Bahnhof Unterhaching bleibt diese Mutter mit ihrem Kinderanhänger hängen. Das künstliche Hindernis ärgert inzwischen viele.

Umlaufsperren werden zu gefährlicher Falle

  • Martin Becker
    vonMartin Becker
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Radfahrer und Rollstuhlbenutzer leiden darunter: Umlaufsperren sind für sie mit tückischen Gefahren behaftet. Ein Thema, das in Unterhaching die Gemüter erhitzt.

Unterhaching – 21 Zentimeter breit und 29,7 Zentimeter hoch: Wohl jeder kennt diese Norm, nämlich DIN A4. Was ein allgemeinbräuchlicher Standard ist, erarbeitet und bestimmt das Deutsche Institut für Normung. Was bei der Größe von Papierblättern unstrittig ist, funktioniert in anderen Bereich nicht so reibungslos. Vor allem, wenn eine Norm total veraltet ist. Zum Beispiel: DIN 18024. Die Regelung, wie sogenannte Umlaufsperren anzuordnen sind, um Radfahrer und allzu eilige Fußgänger auszubremsen.

Das Problem: DIN 18024 stammt aus einer Zeit, als es noch keine Lastenfahrräder gab und Kinder nicht im Anhänger transportiert wurden;

auch Seniorenmobile mit Elektroantrieb kannte vor 30 Jahren noch niemand. Die moderne Welt aber sieht anders aus, und deshalb protestieren in Unterhaching die Grünen gegen Umlaufsperren nach DIN-Norm: „Die Abstände sind viel zu eng, längst nicht mehr zeitgemäß“, sagt Grünen-Chefin Claudia Köhler.

Wir treffen uns zu einem Ortstermin am S-Bahnhof Unterhaching, machen die Probe aufs Exempel. Stefan Aigner von der Elektrorad-Zentrale, einem Fachgeschäft in der Münchner Straße, stellt extra ein Lastenrad zur Verfügung. Der Selbstversuch, von der Unterführung hinauf zum Bahnhofsvorplatz zu fahren und dabei nicht an der Umlaufsperre anzuecken, wird zum Millimeterspiel. Mal klappt es gerade so, mal stößt das sogenannte Cargobike an. Eine Mutter, die zufällig vorbeikommt, bleibt mit ihrem Kinderanhänger sogar krachend hängen.

„All diese Umlaufsperren“, sagt Wolfgang Gross vom ADFC, „sind komplett überflüssig.“ Sie seien oft sogar gefährlich, zum Beispiel bei Nässe. Und Claudia Köhler findet: „Diese künstlichen Hindernisse sind doch ein Schmarrn. Wir wollen einerseits, dass die Leute weniger Auto fahren und fürs Einkaufen lieber ein Lastenrad nehmen, doch dann bremsen wir sie aus. Das ist ein Widerspruch.“

Doch beileibe nicht nur Radfahrer quälen sich mit den Umlaufsperren. Uta Schulz (50) ist wegen einer neurologischen Erkrankung seit 18 Jahren auf einen Rollstuhl angewiesen, sie benutzt einen Elektro-Rolli sowie einen „E-Fix“ (normaler Rollstuhl mit elektrischem Hilfsantrieb. „Mit beiden Rollstühlen bin ich schon an Umlaufsperren hängen geblieben oder gegen die Mauer gefahren“, schreibt die Unterhachingerin in einem Brief an den Münchner Merkur. Darin schildert sie minutiös, mit welche Schwierigkeiten ihr die Umlaufsperren bereiten.

Wegen der Steigung am Bahnhof – die Umlaufsperre steht mittendrin – sei es „doppelt schwierig, sich ohne anzuecken durchzuschlängeln“. Bei Regen werde das Manövrieren zum Risiko: „Dann lenkt der Rollstuhl nicht mehr dorthin, wo ich hin will. Vor allem abwärts – zum Beispiel steuere ich nach links, aber die Räder haben keinen Halt und steuern voll nach rechts. Und wenn Menschen hinter mir sind und auch da durchwollen, fühle ich mich gehetzt. Dann ist die Gefahr des Tremors sehr hoch: dass ich zittere, mit dem Joystick hin- und herwackele.“ Oft gebe es „auch noch zusätzliche Hindernisse in, vor oder hinter der Umlaufsperre wie beispielsweise Gullydeckel, die man umschiffen muss“.

Das bestätigt auch Annette Liebergesell (59), die auf Heimatbesuch und zufällig während unseres Ortstermins versucht, ihre Mutter Ingeborg Petsch (85) im Rollstuhl durch die Umlaufsperre zu schieben. „Das ist eine Katastrophe hier“, klagt die Tochter, die ansonsten in den USA lebt. In Kombination mit dem Kopfsteinpflaster führe das Sperrgitter zu einem mühsamen Geruckel. „Das ist sehr gefährlich“, sagt sie. „In den USA lösen sie das alles viel besser, dort herrscht wirklich Barrierefreiheit.“

Und was sagt die Gemeinde zu der Kritik? „Grundsätzlich wollen wir den Radverkehr fördern. Aber dies darf nicht auf Kosten der Sicherheit geschehen. Umlaufsperren haben eine bremsende Wirkung“, sagt Rathaus-Sprecher Simon Hötzl auf Nachfrage des Münchner Merkur. „Das ist eine Gratwanderung, ein spannungsgeladener Interessenausgleich.“ Die Engpässe, auch aus der Rollstuhlfahrer-Perspektive, werde die Gemeinde sich nun „gesamthaft für Unterhaching anschauen“. Insgesamt gebe es acht Umlaufsperren.

Der Arbeitskreis Mobilität der Agenda 21 hat längst vorgeschlagen, die Umlaufsperren abzuschaffen. Uta Schulz plädiert ebenfalls für ei

nen „völligen Verzicht“, denn aus Rollstuhlfahrersicht seien „die Unfallgefahren deutlich höher als der Nutzen“. Die Grünen um Claudia Köhler fordern, statt der DIN-Norm die ERA (Empfehlungen für Radverkehrsanlagen) als Basis zu nehmen. Der ADFC hat in einem Positionspapier die Details aufgelistet, unter anderem muss der Abstand zwischen den Gittern 1,50 Meter betragen und sie sollen, anders als am Unterhachinger Bahnhof, nicht überlappend montiert sein.

Thema wird auch in Jugendversammlung heiß diskutiert

So ein Zufall: Fünf Stunden nach dem exklusiven Ortstermin unserer Zeitung zum Thema Umlaufsperren waren diese auch das große Aufreger-Thema bei der Jugendversammlung der Gemeinde Unterhaching. Im Kubiz sollten die rund 100 Kinder und Jugendlichen ihre Meinung zur Verkehrssituation rund um den Unterhachinger Bahnhof äußern. „Es gibt kein richtig oder falsch – ihr dürft ruhig auch mal unrealistische Vorschläge machen“, formulierte Wolfgang Gross vom ADFC Unterhaching die Vorgabe bewusst offen. Von den jungen Unterhachingern kamen diverse Anregungen zu den „Schranken“. Allgemeiner Tenor: „Die nerven total.“ Ein Mädchen monierte, „die Fußgänger meinen immer, sie müssten sich vordrängeln und quetschen sich an uns Radfahrern vorbei“. Mehrfach geäußert wurde die Idee, statt der Sperrgitter das Miteinander von Fußgängern und Radfahrern anders zu regeln. Mit „Hütchen und Buckeln“, mit einer „Ampelregelung“ oder mit „Pfosten statt Schranken“. Ideen zur Beschilderung: Einer plädierte dafür, „dass man Fahrräder immer schieben muss“, ein anderer dafür, „dass Fahrräder immer vorgelassen werden müssen“. Dass es am Bahnhof ohne Regelung nicht geht, schilderte ein Jugendlicher mit drastischen Worten: „Sonst würde alle da wie die Gestörten runterfahren, bis mal einer verreckt.“

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