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Traurige Realität: Von dem markanten Baum ist nichts übrig geblieben. Die Gemeinde rechtfertigt die unangekündigte Fällung mit notwendiger „Gefahrenabwehr“.

Birke am Pittinger Platz gefällt

Anwohner wittern Baumfrevel

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Die Fällung einer über 90 Jahre alten Birke hat  eine Welle der Empörung ausgelöst. Die Gemeinde Unterhaching rechtfertigt den Schritt mit dringend nötiger Gefahrenabwehr.

Unterhaching – In der Küche von Ehrenbürger Thomas H. Jaeger (72) am Pittinger Platz 21 ist es heller als sonst. Vom Küchenfenster aus hatten er uns seine Frau Elfi (73) einen wunderbaren Blick auf die mächtige, mindestens 90 Jahre alte Birke. „Wir sind ein bisschen schockiert und haben nicht verstanden, warum der Baum plötzlich gefällt wurde“, sagen die Jaegers. Wehmut beschleicht vor allem die Ehefrau: „Ich bin in diesem Haus geboren worden, mit diesem wunderbaren Baum seit meiner Kindheit aufgewachsen.“

Ähnlich geht es Hans-Peter Car (60). Dem Münchner Merkur zeigt der Augenarzt ein Foto aus dem Jahr 1958, als seine Mutter Inge ihn im Kinderwagen über den Pittinger Platz schiebt. Auch Car hing an dem Baum, äußert seine Bestürzung: „Das war der höchste Baum am Pittinger Platz, unter ihm habe ich schon als Kind gespielt“, sagt er. Und: „Kein Anwohner hat irgendwelche Indizien bemerkt, dass der Baum hätte krank sein können.“

Die Gemeinde Unterhaching indes hat das anders bewertet, wie Rathaussprecher Simon Hötzl auf Nachfrage mitteilt. Das Baumpflegeteam des Baubetriebshofs habe eine irreparable Schädigung der Baumkrone festgestellt: „Wir mussten bei Wind oder Schneelast mit einem Bruch der Krone rechnen. Für Passanten hätte die Gefahr durch herabstürzende Äste bestanden. Im Zuge der Gefahrenabwehr mussten wir deshalb unverzüglich handeln und konnten die Anwohner nicht mehr vorab informieren.“

Bauamtsleiter Stefan Lauszat ergänzt, dass man zunächst überlegt habe, einen Teil des Stammes als Habitat für Tiere stehenzulassen. Die Kollegen vor Ort hätten sich dann aber für eine vollständige Fällung entschieden – als Überbleibsel der einst stolzen Birke ist jetzt nur noch der Baumstumpf zu sehen. Man werde nun „prüfen, inwieweit eine Ersatzpflanzung Sinn macht“.

Die im Nachhinein gelieferte Begründung der Gemeinde wertet Hans-Peter Car als „sachlich“, zufrieden stellt sie ihn aber nicht. „Man kann Befunde auch überdramatisieren. Wenn bei Menschen Gliedmaßen so schnell amputiert werden, wie die Gemeinde hier Bäume kappt, würde es in der Medizin ganz anders aussehen.“

Außerdem stört ihn die enorme Eile, Car spricht von einer „Nacht-und-Nebelaktion“, mit der die Anwohner brüskiert worden seien: „Fakt bleibt, dass hier über unsere Köpfe entschieden wurde und die Gemeinde uns vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Man kann den Bürger zwar zum Nicht-Experten degradieren, aber ihn nicht in Maßnahmen vor seiner Nase mit einzubeziehen, das ist nicht gerade vertrauensfördernd.“ Und wenn eine Privatperson vergleichbare Fällungen vornehmen möchte, würde sie mit bürokratischen Hürden überzogen, findet der 60-Jährige: „Hier wird mit zweierlei Maß gemessen.“

Die Anwohner am Pittinger Platz fühlen sich also überrumpelt, und die vage Perspektive auf eine Ersatzpflanzung tröstet sie kaum. „In 90 Jahren sind wir dann wieder so weit“, sagt Hans-Peter Car. Und: „Der Pittinger Platz hat jetzt noch acht Bäume, aber zwölf Verkehrsschilder.“

Ob es überhaupt bei den acht verbliebenen Bäumen bleibt, ist die nächste Frage – auch bei den drei Kastanien gebe es Probleme mit den Baumkronen. „Deshalb haben wir Zugbänder eingebaut und hoffen, die Kastanien noch über eine gewisse Zeit retten zu können“, sagt Hötzl. Erst sie riesige Birke, bald die Kastanien? Die Jaegers sähe weitere Fällungen nicht gern: „Das wäre traurig. Zu diesem markanten Platz gehören nun mal große Bäume.“

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