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Familienessen: Bernhard Kohlmeier (r.) mit (v.l.)  seiner Tochter Katharina, Enkelin Mia, Schwiegersohn Austin, Stiefsohn Dominic und Frau Lisa Ann.

Auswanderer

Von Unterhaching nach Seattle: Die Berge erinnern ihn an Zuhause

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Seit Kindheitstagen ist Bernhard Kohlmeier (53) von Amerika fasziniert. Vor 21 Jahren führte ihn der Job in seine Traumheimat. In Seattle, dem amerikanischen München, fand er auch seine große Liebe.

Unterhaching/Seattle– „Im Namen von Microsoft entschuldige ich mich bei dir.“ So beginnt das Gespräch mit Bernhard Kohlmeier über den Atlantik hinweg. Denn nach einem Update funktionieren die Lautsprecher seines Laptops nicht mehr. Das Skype-Gespräch findet übers Handy statt. Als Microsoft-Angestellter fühlt er sich ein bisschen schuldig, sagt der 53-Jährige. Auch wenn er eigentlich an den Microsoft Office Programmen wie Word, Excel oder PowerPoint arbeitet. Seit 17 Jahren ist er bei Microsoft beschäftigt, vor 21 Jahren ist der Perlacher mit engem Bezug zu Unterhaching nach Seattle ausgewandert.

Auf dem Weg zur Arbeit und im Büro hört Bernhard Kohlmeier immer Bayern 3. Das hat er sich in Deutschland angewöhnt und in Amerika beibehalten. Diese Tradition will er nicht aufgeben. Auch wenn das bei neun Stunden Zeitunterschied manchmal komisch ist. „Ich höre morgens das Feierabendprogramm und zum Feierabend das Nachtprogramm“, sagt Kohlmeier und lacht. Auch sonst erinnert in der Metropole an der amerikanischen Westküste viel an die bayerische Heimat. Die Berge sind wie die Voralpen nur einen Katzensprung entfernt. Statt Chiemsee, Ammersee oder Starnberger See hat er den Lake Washington und ein Pazifikfjord direkt vor der Haustür. Nach Bayern und speziell München kommt Kohlmeier zwei bis drei Mal im Jahr. Die Heimat ist ihm wichtig. „Es gibt Auswanderer, die lassen alles hinter sich. Das wollte ich aber nie“, sagt er. Bayern verlassen hat er nicht, weil er weg wollte, sondern um eine Chance zu ergreifen. Beruflich und persönlich.

Blick aus dem Schlafzimmerfenster: Von hier aus sieht Bernhard Kohlmeier direkt auf den Puget Sound.

Denn schon seit er 14 Jahre alt war und fast täglich durch die McGraw-Kaserne in München geradelt ist, hat ihn Amerika „irgendwie interessiert“. Vor 21 Jahren übernahm dann eine US-Firma das Software-Unternehmen, in dem Kohlmeier als Prokurist arbeitet. „Das war die Gelegenheit“, sagt er. Seine damalige Frau und die drei Kinder sind schnell dabei, ein halbes Jahr später verlassen sie Deutschland. Es sei beeindruckend gewesen, zu sehen, wie das ganze Leben in einen Container passt. Doch Abenteuer bergen auch Risiken. Wegen seines Management-Transfer-Visums darf seine Frau in den ersten Jahren nicht arbeiten. „Irgendwann ist ihr die Decke auf den Kopf gefallen“, sagt Kohlmeier verständnisvoll. 2003 trennen sie sich. Trotzdem bleibt die Familie im Großraum Seattle.

Für Bernhard Kohlmeier ist es keine einfache Zeit. Seine Mutter wird plötzlich schwer krank, er schafft es gerade noch, sie zu besuchen, bevor sie stirbt. „Ich habe morgens um fünf Uhr davon erfahren und mich direkt in den Flieger gesetzt.“ Emotional nimmt ihn die Situation noch immer mit. Auch sein Vater ist nach langer Krankheit vor fünf Jahren gestorben. „Dann habe ich mich gefragt: Wie halte ich Kontakt zur Heimat?“ München ist ihm noch immer unheimlich wichtig, auch wenn er seit 15 Jahren amerikanischer Staatsbürger ist. „Ich versuche, so oft wie möglich in die Vergangenheit einzutauchen.“ Er trifft alte Schulkameraden. Aus Unterhaching und München. Für ein gewisses Heimatgefühl muss er aber nicht zwingend nach München kommen. Der Weg zu Microsoft führt ihn über eine von nur zwei Brücken über den Lake Washington. „Das ist ein Nadelöhr wie der Mittlere Ring in Ramersdorf“, sagt Kohlmeier schmunzelnd.

Amerikanischer Traum: In diesem schmucken Haus lebt der 53-Jährige mit seiner Familie.

Kulinarisch hat er die richtigen Ecken im amerikanischen Nordwesten ausfindig gemacht. Ein Metzger mit richtigem Leberkäsbrät ist nur 45 Minuten entfernt. „Die Fahrt am Wochenende dorthin ist jedes Mal ein Fest“, sagt er. Dem Bäcker in der Nachbarschaft hat er geholfen, das richtige Brezn-Rezept zu kreieren.

Privat hat Kohlmeier mittlerweile das Glück wiedergefunden: seine große Liebe Lisa Ann Mikulencak. Kennengelernt hat er die Texanerin auf einer Dating-Plattform. „Auch wenn das nach Klischee klingt: Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt der 53-Jährige. Es habe sofort gefunkt. Zu Kohlmeiers drei Kindern gesellten sich drei Stiefsöhne. Seit sieben Jahren ist er mit Lisa Ann verheiratet. Neben den insgesamt sechs Kindern hat Bernhard Kohlmeier seit ein paar Jahren drei Enkelkinder. Auch sie lernen Deutsch. „Es ist toll zu sehen, dass die Herkunft nicht verloren geht.“

Die Serie

Wir stellen Auswanderer aus der Region vor, die ihre Wurzeln im Landkreis München und vor Jahren ihrer Heimat den Rücken gekehrt haben.

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