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Angekommen auf der Gamsstein-Hütte am Danzersteig auf 1275 Metern Höhe. Hier gönnt sich Jürgen Schmückle erst einmal eine Ruhepause in der Hängematte.

Auf seiner Tour musste er jeden zweiten Tag in die Klinik

Trotz Krankheit über die Alpen: Dialyse-Patient erzählt von seiner Tour

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So eine Alpenüberquerung ist schon für gesunde Menschen eine Herausforderung. Mit einer Krankheit eine umso größere. Jürgen Schmückle machte sich trotz Nierenversagen auf den Weg.

Unterhaching – Bis zum letzten Tag war unklar, ob Jürgen Schmückle (51) und Bergführerin Julia Zilken es über das Keilbachjoch, dem höchsten Punkt ihrer Tour durch die Zillertaler Alpen, schaffen. „Wir waren die ersten, die in diesem Jahr den Weg gegangen sind, davor war die Schneesituation einfach zu extrem.“ Der letzte Abstieg ihrer gemeinsamen Alpenüberquerung sei der schwierigste gewesen. 1700 Höhenmeter, steiles Blockgelände, schwerer Rucksack. Und eine schwere Krankheit im Gepäck. Jürgen Schmückle ist Dialysepatient.

Mit der Ausdauer kam die Lust auf ein neues Abenteuer

„Als ich vor drei Jahren in einem Geschäft stand und die Verkäuferin mir Hosen in Bundweite 33 bringen musste, wusste ich, jetzt muss sich was ändern“, sagt Schmückle. Fünf Jahre Dialyse zeigten ihre Folgen, der Körper des früheren Aerobictrainers war eingefallen und schlaff, von Kondition fehlte jegliche Spur. „Ich fing dann mit Tennis an, meine Freunde waren mir haushoch überlegen, aber schnell kam die Ausdauer zurück“, sagt Schmückle. Mit der Ausdauer kam die Lust auf ein neues Abenteuer.

Gipfelstürmer: Der ehemalige Aerobic-Trainer ist heute fit wie nie.

2017 sah er einen Dokumentarfilm über eine Alpenüberquerung, und sofort war dem 51-Jährigen klar: „Das will ich auch machen.“ Schon als gesunder Mensch eine Herausforderung, für Dialysepatienten schier undenkbar. Die normalen Hüttentouren kamen freilich nicht in Frage. „Ich musste ja jeden zweiten Tag ins Dialysezentrum“, sagt Schmückle. Ein Freund empfahl ihm die Bergführerin Julia Zilken. Gemeinsam erarbeitete er mit ihr eine elftägige Route von Wildbad Kreuth bis Steinhaus in Südtirol. 

Kliniken im Südtirol verweigern Dialyse

„Wir planten vier Dialysetage ein“, sagt Schmückle. Dann fing die Organisation aber erst an. In Krankenhäusern in Österreich wollte er stoppen. Für seinen ersten Streckenabschnitt bekam er problemlos Dialyseplätze. „In Südtirol hab ich mich von Krankenhaus zu Krankenhaus durchtelefoniert, ich bekam immer die gleiche Antwort – keine Gastdialyse“, sagt Schmückle, der drei mal die Woche für vier Stunden seine Nieren im Harlachinger Klinikum reinigen muss. Trotzdem ließ er sich von Rückschlägen nicht ausbremsen. Nicht seine Art. Im Laufe seiner Krankheit hat er sich ein dickes Fell zugelegt.

Drei Mal die Woche an die Maschine

2011 bekam Jürgen Schmückle die Diagnose IGA-Nephritis, die über kurz oder lang zum Nierenversagen führt. Seitdem muss er regelmäßig zur Dialyse.

Mit Anfang Dreißig hatte er Probleme mit zu hohem Blutdruck, kein Medikament half. Ein Blick auf die Nieren und den Ärzten war klar, Jürgen Schmückle leidet an IGA-Nephritis, einer Krankheit bei der beide Nieren gleichermaßen betroffen sind. Die Behandlungsmethoden sind unterschiedlich. Von Tabletten über Bauchfelldialyse, bei der alle paar Stunden die Beutel gewechselt werden müssen, bis hin zur Vollnarkose. Seine Ärzte entschieden sich zum Schluss für Letzteres. „Das hat meine Nieren komplett zerstört.“ Die einzige Lösung: Dialysezentrum. „Das will man ja erst nicht wahrhaben, es ist schon eine massive Einschränkung“, sagt Schmückle. Drei Mal die Woche muss er an die Maschine, um das überschüssige Wasser los zu werden und die Nieren zu reinigen. Trotz 40 Stunden Woche – der 51-Jährige arbeitet beim ADAC im IT-Bereich. Er sagt: „Ich möchte keine Sonderbehandlung.“

Gute Vorbereitung

An den Wochenenden hat er sich auf seine bevorstehende Tour vorbereitet. Am liebsten war er am Achensee unterwegs. Mit seinem Freund Rafael Winkelhage ist er auch viele Schneetouren gegangen. „Das hat mir am Ende den Hintern gerettet, sonst hätte ich es nicht über das Keilbachjoch geschafft“, sagt Schmückle.

Gesundheitliche Probleme gab es während der Tour keine. „Mittlerweile bin ich so gut eingestellt, dass ich keine Medikamente brauchte“, erzählt Schmückle. Auch sein Körpergewicht kann er auf das Gramm genau abschätzen. „Ich wusste, ob und wie viel ich trinken kann. Außerdem schwitze ich bei einer solchen Tour sehr viel wieder raus.“ Doch ohne die Dialyse ging es nicht. Sein Vater begleitete ihn mit dem Auto, fuhr das schwere Gepäck und brachte ihn zu den Krankenhäusern.

Am Ende 122 Kilometer zurückgelegt

Am Ende seiner Abenteuerreise hatte Schmückle 122 Kilometer und 8000 Höhenmeter zurückgelegt „Das Wow-Gefühl ist erst später gekommen, als ich ein bisschen Zeit für mich hatte“, sagt der 51-Jährige. Eine nächste Tour sei schon in Planung, dieses Mal möchte der Unterhachinger die Organisation aber selber übernehmen. „Jetzt habe ich Erfahrung gesammelt und traue es mir zu.“

Reise-Blog

Über seine Alpenüberquerung und seine Reisen als Dialysepatient berichtet Jürgen Schmückle auch in seinem Blog unter www. meinedialysereisen.de.

Laura Forster

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