+
Virtuelle Diskussion per Laptop: Die Unterhachinger Grünen analysieren die Coronakrise in puncto „Kinderbetreuung – Home Schooling – Home Office“. 

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Familien

Grüne diskutieren virtuell und kontrovers: „Kinder haben keine Lobby“

  • Martin Becker
    vonMartin Becker
    schließen

Wie haben sich Corona-Pandemie und Lock-Down auf Familien ausgewirkt? Bei einer Online-Diskussion zu „Kinderbetreuung – Home Schooling – Home Office“ haben die Unterhachinger Grünen unter Moderation der Landtagsabgeordneten Claudia Köhler Betroffene unter vielen Facetten zu Wort kommen lassen.

Unterhaching– Letztlich ging es auch um die Frage: Was lernen wir aus der Krise? Der Münchner Merkur hat sich in die Video-Konferenz eingeloggt und aufmerksam zugehört – hier die wichtigsten Standpunkte.

Zwei berufstätige Eltern, zwei Kleinkinder – Unterhachings neue grüne Vize-Bürgermeisterin Johanna Zapfschilderte ihr persönliches Chaos, als plötzlich die soziale Infrastruktur kollabierte. „Mein Mann und ich sind nur noch hin- und hergesprungen: Wer hat wann eine Telefonkonferenz, welche ist wichtiger? Das war eine krasse Herausforderung.“ Alle 30 Minuten wechselten die Eltern sich mit der Kinderbetreuung ab, die Arbeitgeber waren „sehr tolerant“. Trotzdem stieß das Paar an seine Grenzen: „Jeder Tag hätte fünf Stunden mehr haben müssen.“ Dass Familien nun pro Kind 300 (noch zu versteuernde) Euro als Entschädigung erhalten sollen, sei „ein kleines Zuckerl, das nicht hilft“. Der finanzielle Mehraufwand für Familien habe um ein Vielfaches höher gelegen: „Diese 300 Euro sind kein adäquater Gegenwert, sondern ein Schweigegeld.“

Jüngeren Schülern fällt die Zeit schwer

Für Lisa Lemke, Leiterin einer AWO-Kinderkrippe, lag „anfangs die größte Herausforderung darin, die Eltern zu managen“. Als nicht mehr ging, führte sie als kleinen Lichtblick einen „virtuellen Morgenkreis“ ein.

Die Förderpädagogin Sonny Oswalddarf erst seit dem 15. Juni wieder in Kindergärten, um „Vor-Deutsch-Kurse“ abzuhalten, vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund. Ein wichtiges Thema bei der Einschulung. „Vor dem Screening dort“, berichtet sie, „konnten wir viele Kinder nicht mehr begleiten. Das ist problematisch.“

Ihre Sicht als Gymnasiallehrerin stellte Beate Gsänger dar. Mit dem „Home Schooling“ hätten sich ältere Schüler leichter getan als jüngere, bis zur siebten Klasse sah sie Probleme. Aber nicht nur dort, sondern auch bei Lehrkräften: „Da gab es digitale Lücken, wir brauchen dringend eine Professionalisierung.“ Doch auch viele Schüler seien überfordert gewesen, Es habe nicht bloß an den Endgeräten gelegen, die man sich habe ausleihen können. „Die Situation war so divers, wie die Schüler eben sind.“ Je nach Bildungsmotivation im Elternhaus seien E-Mails eben beantwortet worden oder nicht, an manchen ging das „digitale Klassenzimmer“ total vorbei. „In der Summe lief es gut“, resümiert die Lehrerin. „Schwierig war es, die Einzelnen einzufangen, die sich nicht gemeldet haben.“ Ihr Eindruck: „Wer analog schon schwächer war, war digital auf der Standspur.“ Fürs neue Schuljahr, nach den Sommerferien, befürchtet Beate Gsänger: „Bei vielen ist durch Corona der Elan weg. Wir müssen wieder Pfeffer reinbringen!“

Anrufe beim Krisentelefon

Für Johannes Becher, bei den Grünen Sprecher der Landtagsfraktion für frühkindliche Bildung, sind die geschilderten Momentaufnahmen „keine Einzelfälle“. Er teilt Familien in drei Kategorien auf: solche, die sich in der Coronakrise gut arrangierten und sich sogar neu kennenlernten; solche („Die größte Gruppe“), die während des Lock-Downs „am Limit waren“; und solche die in den „roten Bereich“ abdrifteten. Übermäßig viele diagnostizierte Knochenbrüche oder Anrufe beim Krisentelefon seien „ein Alarmzeichen“, so Johannes Becher. Der Landtagsabgeordnete sagt: „Kinder haben in unserer Gesellschaft ein zu geringes Standing. Was wir brauchen, ist eine Gesellschaft, die Kinder wertschätzt.“ Bezeichnend sei gewesen, wie die Politik in der Debatte um Corona-Hilfen „den Fokus auf die Autoindustrie“ gelegt habe. Die Belange von Eltern, die schon jetzt ihren Jahresurlaub für Kinderbetreuung hätten aufbrauchen müssen, seien vergessen worden – insofern stünden mehr denn je heuer die Kommunen unter Druck, in ausreichendem Maß Ferienprogramme anzubieten.

Mehr Lobby für die Kinder

Die neue Fraktionsvorsitzende der Unterhachinger Grünen, Evi Karbaumer, fasste die Diskussion nach zwei Stunden zusammen. „Wenn Kinder abgehängt werden, hat das nicht marginale, sondern langfristige Folgen.“ Die Coronakrise habe „aufgezeigt, was schon vorher nicht gut gelaufen ist“. Beispiel Bildung, je nach familiärem Hintergrund. „Kinder sind wochenlang weggesperrt worden, ihre Rechte wurden überhaupt nicht beachtet“, sagt Evi Karbaumer. „Wir brauchen mehr Lobby von Kindern in der Politik.“

Passend dazu sagte anonym eine Mutter: „Mein Kind, zehn Jahre alt, hat durch die Isolation gelitten wie ein Hund. Kinder brauchen Kinder!“

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unterwasser-Rasenmäher stutzt Seegras in Bach
Auch unter Wasser wächst Gras, genauer gesagt Seegras. Und weil auch das gemäht gehört, waren unter der Woche Arbeiter mit einem speziellen Boot auf dem Ismaninger …
Unterwasser-Rasenmäher stutzt Seegras in Bach
Polizei sprengt Corona-Party an Regatta
Über hundert Menschen haben sich am Mittwochabend bei schönem Wetter am Ufer der Ruderregatta niedergelassen.
Polizei sprengt Corona-Party an Regatta
Wegen ungenehmigter Garage: Gemeinde muss Straße verlegen
Ein langer Streit in Hailafing endet mit einer Niederlage der Gemeinde. Obwohl die Garage eines Anliegers ohne Genehmigung entstand, darf sie stehen bleiben - und die …
Wegen ungenehmigter Garage: Gemeinde muss Straße verlegen
Trambahn-Krach: Grünwalder ärgern sich über Lärm am Gleis - MVG macht wenig Hoffnung
Die Trambahn-Linie nach Grünwald ist der Gemeinde wichtig. Doch die direkten Anwohner ärgern sich über den Krach, der aus ihrer Sicht zu vermeiden wäre.
Trambahn-Krach: Grünwalder ärgern sich über Lärm am Gleis - MVG macht wenig Hoffnung

Kommentare