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Kontrollbohrungen  am Wall neben der Autobahn hat die Firma Rau nach eigenem Bekunden durchgeführt. Die Ergebnisse widersprechen demnach dem gemeindlichen Gutachten. 

Wie teuer ist die Lärmschutzwand wirklich?

„Gutachterkrieg“ um A995-Lärmschutz für Unterhaching

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Die Spirale des Misstrauens dreht sich in Unterhaching beim Thema Lärmschutz an der A 995 immer weiter. Rathaus-Sprecher Simon Hötzl warnt nun sogar voreinem „Gutachterkrieg“.

Unterhaching – Die Schätzung, wie teuer eine Lärmschutzwand entlang der A 995 in Unterhaching würde, artet aus zu einer Glaubensfrage. Acht bis zehn Millionen Euro, behauptet die Gemeinde; „nur“ 3,35 Millionen Euro, erwidert jetzt Catia Hilgart, Speerspitze der „Lärmschutztruppe“, wie die CSU-Gemeinderatskandidatin ihre Initiative nennt. Dazu gibt es Gutachten, Angebote in alter und neuer Fassung sowie an die Redaktion des Münchner Merkur mehrere Schreiben von Bürgern, die mit unterschiedlich scharfer Polemik die Kommunalpolitik hinterfragen. Ein Unterhachinger unterstellt dem Rathaus sogar Korruption.

Die Vorgeschichte ist bekannt. Im November 2018 hatte der Gemeinderat in einem Grundsatzbeschluss abgelehnt, viel Geld in einen Bebauungsplan zu baulichem Lärmschutz zu investieren. 2019 kam das Thema, von der CSU forciert, trotzdem nochmals auf die Tagesordnung, weil Catia Hilgart ein angeblich supergünstiges Angebot organisiert hatte. Dieses Angebot der Firma „Rau Geosystem Süd GmbH“ wiederum ließ die Gemeinde durch das Fachbüro „Mayr Ingenieure“ überprüfen und kam zu dem Schluss, dass die Gesamtkosten eben doch um rund fünf Millionen Euro höher lägen als offeriert.

Das Thema schien endgültig ad acta gelegt, doch jetzt präsentiert Catia Hilgart ein neues, nachgebessertes Angebot der Firma Rau, die ihrerseits dem von der Gemeinde eingeholten Gutachten nicht nur massiv widerspricht, sondern dem Sachverständigen Robert Müller sogar gezielte Fehlinformation vorwirft. In dem neuen Angebot, das dem Münchner Merkur vorliegt, heißt es: „Die vom Ingenieurbüro Mayr dargelegten Sachverhalte zum Bau der Lärmschutzwand sind zu großem Teil nicht nachvollziehbar, nicht zu bestätigen, teilweise falsch interpretiert und daher nicht zu akzeptieren.“ So formuliert Erwin Königsberger die Kritik aus Sicht der Firma Rau.

Geschöntes Gutachten? - Gemeinde wiegelt Vorwürfe ab

Hat die Gemeinde sich also ein geschöntes Gutachten gekauft, um das Rau-Angebot zu diskreditieren? „Natürlich nicht“, sagt Rathaus-Sprecher Simon Hötzl. „Man darf nicht vergessen: Diese Firma will ihr Produkt verkaufen.“

Um dies zu erreichen, zweifelt die Firma Rau das Gemeinde-Gutachten in mehreren Punkten an. Ein Kernpunkt: die Tragfähigkeit des vorhandenen Erdwalls für den Einsatz von schweren Baggern. „Zwei Drittel des Walls sind nicht tragfähig und müssten neu gebaut werden“, hatte der Gutachter behauptet – unter Verweis auf mehrere Geländebohrungen. Die Firma Rau glaubt dies nicht: Man habe „nach unserem Augenschein“ nur ein Bohrloch gefunden und dies per Foto dokumentiert.

Dem Gutachter unterstellt sie, die Tragfähigkeit nur geschätzt zu haben. Der Verdichtungsgrad sei ausreichend, „von einem instabilen Wall kann keine Rede sein“, Arbeiten mit einem neun Tonnen schweren Kettenbagger seien „problemlos auszuführen“.

Rathaus-Sprecher Hötzl hält dagegen. „Es gab insgesamt sechs Bohrungen. Nicht nur auf der Dammkrone, sondern auch weiter unten.“ Aus Sicht der Gemeinde bestehe „kein Anlass, an den Einschätzungen des Ingenieurbüros zu rütteln“.

Diskrepanzen gibt es auch bezüglich der Kosten für die Verkehrsleitung bei einer Baustellenzufahrt über die Autobahn. 173 000 Euro hatte der Gutachter veranschlagt, mit maximal 50 000 Euro rechnet die Firma Rau. Diese hält auch die Pflegearbeiten, auf 50 Jahre gerechnet laut Gutachten 2,3 Millionen Euro, für überdimensioniert – die Wartung koste nur einen Bruchteil davon.

Angebot, Gutachten, Gegenangebot: Und nun? „Wir könnten eine dritte oder vierte Meinung beauftragen“, sagt Hötzl, „aber das würde zu einem Gutachterkrieg führen.“ Weil ja schon jetzt keiner dem anderen glaubt. Die Option, per Bebauungsplan eine detaillierte Baugrunduntersuchung anzustoßen, habe der Gemeinderat 2018 verworfen. „Auch dem Gutachten wurde vom Gemeinderat nicht widersprochen“, so Hötzl. Einen Auftrag ans Rathaus, weiterhin in puncto Lärmschutzwand aktiv zu werden, gebe es nun mal nicht. Daraus würden inzwischen „Verschwörungstheorien konstruiert“, was nichts an der Faktenlage ändere, dass die Gemeinde derzeit keine Lärmschutzwand „auf fremden Grund“, wie Hötzl betont, plane: „Das Thema ist abgearbeitet.“

Übrigens, ein weiteres Gutachten wird in der Gemeinderatssitzung am 22. Januar präsentiert. Darin geht es um die Frage, welche schallschutztechnischen Auswirkungen eine Lärmschutzwand hätte. „Aber mit einer Überprüfung des neuen Angebots“, betont Hötzl, „hat das nicht zu tun.“

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