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Um eine Stadt der Träume dreht sich eines der Bücher von Hans Kassel, das er auch ins Englische übersetzt hat. 

Unterhachinger (85) übersetzt Bücher, um geistig fit zu bleiben

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Die Stirn ist hoch geworden, von markanten Falten durchzogen, und die umrahmenden Haare schimmern mehr grau als dunkelblond. Aber die hellblauen Augen blitzen immer wieder interessiert auf, ein verschmitztes Lächeln umspielt die Lippen. Hans Kassel ist mit 85 Jahren ein Senior; aber einer, der den unaufhaltsamen Prozess des Alters durch eigenes Zutun verlangsamt.

Unterhaching –  Indem er sich nicht nur körperlich fit, sondern auch geistig rege hält. Der Buchautor aus Unterhaching hat einen spannenden Weg gefunden, um seine grauen Zellen auch im hohen Alter noch zu fordern: Er übersetzt seine eigenen Bücher in englische Sprache.

Englisch, das war vor langer Zeit, als der Unterhachinger noch mitten im Berufsleben stand, kein Problem. Als Dozent für Informatik bei Siemens hielt er Fachvorträge in Schweden oder den USA, zitierte aus seinen eigenen Büchern mit Titeln wie „Was ist ein Computer?“ in einer Zeit, als PCs alles andere als Alltagsgegenstand waren. Später, im Ruhestand, entdeckte Hans Kassel seine literarische Ader und begann, seine Lebens- und Reiseerinnerungen in kleinen Büchlein niederzuschreiben, inzwischen über 30 an der Zahl. Meist auf Deutsch, manchmal auf Bairisch. Und jetzt, neuerdings: auf Englisch.

„Bewegung im Kopf“, sinniert Hans Kassel im Gespräch mit dem Münchner Merkur, „ist wichtig.“ In seinem Alter, findet der 85-Jährige, müsse man sich „geistig fordern, denn nur zum Fenster rauszuschauen, nein, das bringt nichts“.

Um eine „Stadt der tausend Träume“ dreht sich eins von Hans Kassels Büchern, „Manetta“ heißen unisono Titel und Stadt, nur Dinge existieren, die mit einem „M“ beginnen. Diese Fantasiegeschichte hat der 85-Jährige nun zu „The city of dreams“ übersetzt. Ein Projekt, um den eigenen Geist noch einmal herauszufordern; bei „Brücken aus Glas“ arbeitet der Unterhachinger aktuell an der nächsten Transferleistung.

Ums Geld geht es ihm nicht, die Kleckerbeträge, die er dafür erhält, spielen eine sekundäre Rolle. Die Intention ist allein die, das eigene Gehirn zu trainieren. Andere in seinem Alter lösen Kreuzworträtsel, probieren sich an Sudoku-Aufgaben. Hans Kassel übersetzt seine eigenen Bücher.

Wobei, das räumt er ein, so ganz ohne fremde Hilfe geht es nicht. „Meine Amerikanerin“, sagt der 85-Jährige, wenn er von Ami Snow spricht, die in Kalifornien lebt und trotz ihres Nachnamens Schnee eher vom Hörensagen kennt. Sie ist die Tochter einer alten Bekannten, die einst in Deutschland lebte – und Ami Snow ist für Hans Kassel so etwas wie ein sprachliches Korrektiv, wenn sein Englisch an Grenzen stößt.

Zuerst probiert es Hans Kassel, der in seiner Berufslaufbahn sogar dolmetschte, mit eigener Feder. „Schauen Sie mal“, sagt er und reicht einen dicken, in rotes Leder gebundenen Wälzer zur Ansicht: 632 Seiten umfasst „Cassell‘s New German Dictionary“. Mehr als ein banales Wörterbuch – eins, das auch Begrifflichkeiten erläutert, den Kontext herstellt. „Das ist mir lieber als das Internet.“

Wenn aber auch die eigene Fremdsprachenkenntnis und das Wörterbuch Lücken offenbaren, spätestens dann kommt „meine Amerikanerin“ ins Spiel. Ami Snow. Per E-Mail schickt Kassel seine Übersetzungen nach Amerika, wartet die korrigierte Fassung ab. „Oft geht es nur um bestimmte Worte. Um Redewendungen, die dort gängiger sind als hier. Dann findet sie die literarisch bessere Lösung.“

In Hans Kassels Zusammenfassung zu „Manetta“ heißt es auf dem Rückdeckel des Buchs: „Undertake a little excursion with me to the empire of fantasy.“ Ein englischsprachiger Ausflug in eine Fantasiewelt – für den 85-Jährigen mehr als das: ein mentales Fitnessprogramm.

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