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Die Augenbraue der Venus: So wird das Blatt einer Schafsgarbe wegen seiner Form auch genannt, erklärt Sieglinde Schuster-Hiebl (52), Natur- und Gartenpädagogin.

Brauch an Mariä Himmelfahrt

Gegen Unheil ist ein Kraut gewachsen

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Sieglinde Schuster-Hiebl ist Natur- und Gartenpädagogin in Neubiberg. Sie weiß alles über den Brauch des Kräuterbuschen-Bindens. Eine Jahrhunderte alte Tradition an Mariä Himmelfahrt. 

Neubiberg/ Unterhaching – Durch die Ritze zwischen zwei Steinplatten hat sich eine Schafgarbe gekämpft, die ihre Blüten stolz in die Höhe reckt – mitten auf der Terrasse von Sieglinde Schuster-Hiebl. Aber die Pflanze deswegen zurück ins Kräuterbeet versetzen? Nein, das käme für die 52-Jährige aus Neubiberg nicht in Frage: „Es wird schon einen Grund geben, warum sie sich hier am wohlsten fühlt.“ Sagt’s und rupft vorsichtig eines der feingliedrigen Blätter ab, deretwegen die Schafgarbe auch „Augenbraue der Venus“ genannt wird. Es folgt ein längerer Vortrag über die heilende Wirkung des Krauts, das in der Region vielerorts auf Wiesen und in Gärten wächst.

Und von dort wird es an diesem Montag seinen Weg in zig Kräuterbuschen finden. Schließlich ist es Brauch, dass am Tag vor Mariä Himmelfahrt zumeist die Frauen zum Kräutersammeln ausziehen, diese dann binden und tags darauf im Gottesdienst segnen lassen. Danach wird der Kräuterbuschen im Haus aufgehängt, traditionell im Herrgottswinkel. Das soll die Bewohner vor Unheil bewahren.

Auch der Gartenbauverein Unterhaching lädt am Montag ab 16 Uhr zum Kräutersammeln in den Infineon-Park an der Biberger Straße ein. Dort suchen die Teilnehmer unter der Anleitung der Natur- und Gartenpädagogin Sieglinde Schuster-Hiebl die passenden Pflanzen zusammen und binden sie anschließend zu einem Kräuterbuschen. Wobei die Neubibergerin gerade unerfahrenen Sammlern erst mal die Angst nimmt: „Viele befürchten, dass sie etwas Giftiges erwischen – aber das ist eigentlich unbegründet“, sagt Sieglinde Schuster-Hiebl.

Dem Brauch nach kommt in den Kräuterbuschen stets eine bestimmte Zahl von Heilkräutern. Doch Sieglinde Schuster-Hiebl sieht das nicht so eng: „Ich sage immer: Nehmt’s mit, was euch gefällt und euch anspricht.“ Neben Heilkräutern wie Frauenmantel oder Schafsgarbe können dies auch klassische Gartenkräuter wie Salbei oder Thymian sein – „oder sogar Blumen“, findet die Expertin.

Habe man die Pflanzen gebunden, könne man den Kräuterbuschen vor dem Aufhängen in eine Papiertüte wickeln, rät Sieglinde Schuster-Hiebl. „Wenn die Kräuter dann herabfallen, kann man sich daraus einen Kräutertee kochen.“ Und noch einen Tipp hat die Expertin, wenn der Kräuterbuschen nach einem Jahr wieder abgenommen wird: „Statt ihn wegzuwerfen, kann man die Kräuter verräuchern“, sagt Sieglinde Schuster-Hiebl. „Ich mache das zum Beispiel nach dem Grillen. Dann streue ich die Kräuter einfach auf die Kohlen.“

Die Geschichte einer Tradition

Schon in vorchristlicher Zeit wurden Heilkräuter den Göttern geopfert. Nachdem die Kirche vergeblich versucht hatte, den Menschen diesen Brauch auszutreiben, ersann sie einen Kompromiss: Sie verknüpfte den Brauch der Kräuterweihe mit dem Hochfest Mariä Himmelfahrt. Fortan wurde es zur Tradition, am 15. August Kräuterbuschen zu binden und diese dann in der Kirche segnen zu lassen. Die passende Legende dazu lautet, dass aus dem leeren Grab der Maria, nachdem diese in den Himmel aufgenommenen wurde, ein Wohlgeruch nach Kräutern und Rosen entstiegen sein soll. Je nach Region gehören in die Kräuterbuschen unterschiedlich viele Kräuter. Mal müssen es sieben sein (Zahl der Schöpfungstage), mal neun (dreimal drei für die heilige Dreifaltigkeit), mal zwölf (Zahl der Apostel) oder gar 99 (33 mal drei). Die Königskerze findet sich dabei oft in der Mitte des Kräuterbuschen; weitere typische Pflanzen sind das Echte Johanniskraut, Beifuß, Schafgarbe, Kamille, Thymian oder Getreidesorten. Der Zeitraum zwischen Mariä Himmelfahrt und 12. September wurde früher auch Frauendreißiger genannt. In diesen Wochen haben Heilkräuter besonders viele Inhaltsstoffe, erklärt Sieglinde Schuster-Hiebl. „Danach wandert die Kraft in die Wurzeln.“ Kräuterweihen finden an Mariä Himmelfahrt in vielen Kirchen im Landkreis statt. Oft muss man nicht mal einen eigenen Kräuterbuschen mitbringen, weil Vereine oder Organisationen diese vor der Kirche gegen eine Spende verteilen.

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