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Hat emotional anstrengende Wochen hinter sich: Pater Peter Waibel. 

Coronavirus

Pater berichtet über erschütternde Erlebnisse im Altenheim: „Es fuhren nur noch die Leichenwagen vorbei“

  • Laura Forster
    vonLaura Forster
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Im Alten- und Pflegeheim Sankt Katharina Labouré in Unterhaching starben 19 Bewohner am Coronavirus.  Pater Peter Waibel wohnt auf dem Gelände und kümmert sich seit zwei Jahren als Seelsorger um die Bewohner. Der 69-Jährige erzählt im Interview über erschütternde Erlebnisse, die ihn bis heute nicht loslassen. 

Pater Waibel, wie war die Atmosphäre im Haus während der Zeit, als immer mehr Bewohner an Covid-19 erkrankten?

Das kann ich nicht sagen, weil ich gar keinen Zugang mehr zum Haus hatte.

Seit wann durften Sie nicht mehr in das Altenheim?

Ab dem 15. März gab es hier keine Gottesdienste mehr. Dann kam das Besuchsverbot, das auch für mich galt. Ich war Ende März noch einmal im Heim, um die Krankensalbung als Seelsorger zu spenden. Das war aber schon mit Schutzanzug.

Sie sind der Hausseelsorger. Jetzt durften Sie die Bewohner nicht mehr im Heim besuchen. Wie haben Sie sich um die Menschen, besonders in der schwierigen Situation, gekümmert?

Ich habe mit den einzelnen Bewohnern telefoniert. Das war das Einzige was noch ging. Aber dabei kommen zwei Gruppen immer zu kurz. Die Schwerhörigen und die Dementen. Zum Beispiel den letzten Jesuit, der mit 97 Jahren gestorben ist, habe ich nicht mehr gesehen oder gehört.

Wie war das für die Betroffenen?

Es war schrecklich, dass man keinen Kontakt mehr halten konnte. Gerade diejenige, die nicht mehr so klar denken können, haben überhaupt nicht verstanden, warum die Angehörigen nicht zu Besuch kommen. Das Pflegepersonal war natürlich vor Ort, aber das ist kein Ersatz.

Auch die Mitarbeiter blieben vor dem Virus nicht verschont, 23 waren infiziert. Hatte das Haus die Lage noch im Griff?

Das ist eine schwierige Frage. Es gab eine Zeit, in der Heimleiter und Stellvertreterin in Quarantäne waren. Für die erkrankten Mitarbeiter wurde schnell Ersatz gefunden. Aber die Bewohner kannten die Stimmen und Gesichter der neuen Pflegekräfte ja nicht.

Wie hat sich das auf die Senioren ausgewirkt?

Vor zwei, drei Wochen durften die Bewohner für kurze Zeit wieder in den Park. Ich habe festgestellt, dass alle physisch sowie psychisch abgebaut haben. Körperlich, weil sie keine Bewegung hatten und geistig, weil die ganzen Gespräche wegfielen. Ich war erschrocken, als ich viele zum ersten Mal nach etwa acht Wochen wieder gesehen habe.

Seit wann dürfen Sie wieder in das Altenheim?

Ich darf eigentlich erst seit Kurzem wieder zu seelsorglichen Kontakten in das Heim. Ab dem 14. Mai durfte ich jedoch schon in die Zimmer der verstorbenen Jesuiten, um sie zu räumen. Ich finde es schlimmer zu entscheiden, was weggeschmissen wird, als dass ein Mensch im hohen Alter stirbt. Es ist schrecklich, weil man merkt, dass viele Dinge im Leben des Verstorbenen niemanden mehr interessieren.

Sie haben gesagt, dass die Bewohner in den letzten Wochen stark abgebaut haben. Hat ihnen die Seelsorge gefehlt?

Das ist sehr unterschiedlich. Im Altenheim wohnten nicht nur gläubige Katholiken. Aber ich weiß von einigen, dass sie gerne einen Seelsorger gehabt hätten. Es gab ja nichts mehr, keine Sterbebegleitung, keine Aussegnung. Es fuhren nur noch die schwarzen Leichenwagen vorbei. Dass im Altenheim jemand stirbt, ist normal. Aber wenn Menschen, die ich von Gottesdiensten und Besuchen persönlich kenne, plötzlich weg sind, ist das noch einmal etwas anderes.

Wie sind Sie damit umgegangen, zu wissen, dass 500 Meter entfernt Menschen leiden, Sie jedoch nur telefonisch helfen können?

Oder gar nicht helfen kann. Das ist ein saublödes Gefühl. Ich konnte draußen Rad fahren, wusste aber, dass im Heim Menschen liegen, bei denen man nicht weiß, ob sie es schaffen oder nicht.

Dürfen Sie mittlerweile wieder Gottesdienste halten?

Seit zwei Wochen feiern wir unter strengen Auflagen und mit wenigen Menschen wieder Gottesdienste. Unter den Besuchern sind die Ordensschwestern, die Jesuiten und ein paar Bewohner. Für den Rest übertragen wir die Messe per Radio.

Wie ist die Rückmeldung der Bewohner?

Bei einigen merkt man, dass sie darauf gewartet haben. In den letzten Wochen wurde vor allem die medizinische Seite in den Vordergrund gestellt, was ich auch für vernünftig halte. Aber man hat die menschliche Seite vergessen. Wie wirkt sich ein Besucherverbot auf die Bewohner aus? Ich denke, das ist ein Problem.

Wie sieht Ihr Alltag als Seelsorger zurzeit aus?

Ich darf nur selten in das Heim. Deshalb nutze ich die Zeit im Park für Gespräche.

Die Lage in St. Katharina Labouré war eine besondere im Landkreis. Sie sind auch in der Kirchengemeinde in Pullach tätig. Wie ist dort die Stimmung?

Ich merke, dass die Vorschriften die Menschen vom Gottesdienstbesuch abschrecken. Es erscheint nur der harte Kern, der sich die Mühe macht, sich vorher anzumelden und keine Angst vor einer Infektion hat.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Ein Stück mehr Normalität. Ob in Zügen oder Supermärkten Maskenpflicht herrscht, ist relativ belanglos. Aber in einer Gemeinschaft gehört es für mich dazu, dass man seinem Gegenüber ins Gesicht schauen kann.

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