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Saubere Alternative: Statt Handwischtüchern aus der Verpackung gibt es frische Zitronen, mit denen sich die Besucher ihre Hände nach dem Hendlgenuss säubern können. Merkur-Reporter Alexander Spöri testet die Idee.

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Plastikfreies Bürgerfest: Öko-Offensive gestartet - Wie alltagstauglich ist die Idee?

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Möglichst plastikfrei soll das Bürgerfest in Unterhaching in diesem Jahr über die Bühne gehen. Wir haben den Test gemacht, wie gut die Idee tatsächlich funktioniert. 

Unterhaching – Jetzt bloß keinen Fehler machen. Das Stückchen Zitrone, in einer kleinen Glasschale auf den Teller, drapiert wie eine Beilage, verleitet fast dazu, sie über dem dampfenden Hendl auszudrücken. Und genau darin liegt der Denkfehler, der sich, später rächen könnte. In Wirklichkeit ist die Bestimmung der Zitrone eine andere. Sie hat mit der neuen Konzeption des Unterhachinger Bürgerfests zu sein. Das soll plastikfrei sein, hatte Festwirt Edmund Radlinger angekündigt. Eine Öko-Offensive gegen die gedankenlose Wegwerf-Gesellschaft.

„Ich habe eine kleine Wohnung in Spanien“, verrät der Festwirt. Wie es da ausschaue! „Die schmeißen alles auf die Straße.“ Plastikmüll überall, auch im Meer. Was ihn gedanklich den Transfer zu seinem Festzelt in Unterhaching machen lässt: „Ich werde sicher kein Grüner mehr. Aber wenn ich hier Steckerlfisch esse, dann will ich Fisch haben und keinen mit Plastik drin.“

Bürgerfest Unterhaching: Strohhalme aus Papier, Tischdecken aus Fleece

Also hat Edmund Radlinger versucht, Plastik vom Unterhachinger Bürgerfest zu verbannen. Strohhalme aus Papier, Tischdecken im VIP-Bereich aus Fleece. Keine Einwegverpackungen mehr bei Senf oder Milch. „Man muss mit Kleinigkeiten beginnen, um etwas zu verändern.“ Dazu zählen auch die jahrelang zuvor in beschichteten Plastiktütchen verpackten Erfrischungstücher, mit der die Bierzeltbesucher nach dem Hendlverzehr ihre Finger säubern sollten. Womit wir beim Zitronenschälchen sind. Denn: Messer hin, Gabel her – beim Hendlverputzen ist am Ende meist Handarbeit angesagt. Da ein bisschen Fleisch abzupfen, dort ein Knochenstück abnagen. Bis dato halfen gegen entsprechend verschmierte Hände stets die besagten Erfrischungstücher. Doch die gibt es heuer, wegen der Plastikmüllverpackung, nicht mehr.

Bürgerfest Unterhaching plastikfrei - doch ohne Handwaschstationen

Als umweltfreundliche Alternative wollte Edmund Radlinger im Festzelt neun Handwasch-Stationen errichten lassen. Die sind so offiziell beantragt und von der Gemeinde genehmigt worden. Im Bierzelt indes: keine Warteschlangen an Fingersäuberungsbecken. Weil es sie gar nicht gibt. „Wir mussten das einstellen“, sagt Edmund Radlinger. „Es bestand Gefahr, sich die Hände zu verbrühen.“ Die Alternative: die Zitrone. „Sie träufeln einfach ein paar Zitronentropfen auf die Hände, verreiben sie und putzen die Hände dann an der Papierserviette ab. Das klappt wunderbar“, sagt Edmund Radlinger.

Möchte den Kein-Plastik-Kurs weiter intensivieren: Festwirt Edmund Radlinger ist vom Konzept überzeugt.

Aber wie steht es sonst um die Plastikfreiheit auf dem 47. Unterhachinger Bürgerfest? „Die Schausteller“, sagt Edmund Radlinger als auch deren Chef, „haben erstmal etwas gemotzt.“ Popcorn beispielsweise wird jetzt nicht mehr fertig in Plastikfolie geliefert, sondern frisch produziert und in Papiertüten gefüllt. Auch anderswo auf dem Festplatz an sich die Idee durchgesetzt. Im Bier-Karussell schenkt Stefan Lettl (24) heuer erstmals das lokale Bier „Rammlerbräu“ aus ( wir berichteten). „Für uns ist Plastikfreiheit eine Herzensangelegenheit“, sagt Stefan Lettl. 

Als er vor der Wahl stand, billige Plastik-oder teure Papierstrohhalme zu kaufen, entschied er sich zugunsten der umweltfreundlichen Lösung. Auch sonst dominiert der Öko-Gedanke. Was die Abfüllung des Biers in Traunstein angeht: „Wir würden es lieber mit der Bahn dorthin transportieren als mit dem Lkw.“ Geht nicht, noch nicht. Lettl glaubt: „Wir tun, was wir können.“ Und sonst? Wir haben uns als „Plastikfahnder“ auf die Suche.

Ganz ohne Plastik geht es auf dem Bürgerfest trotzdem nicht

Von plastikfrei noch weit entfernt: Lebkuchenherzen sind in Folie verpackt, die Figuren beim Entenangeln sind aus Kunststoff und auch die Girlanden im Festzelt bestehen nach wie vor aus Plastik.

Wieviel Realität steckt hinter der Ankündigung, über die Edmund Radlinger sagt, „dass es mir nicht um Werbung geht“. Nun ja, ganz ohne Plastik kommt das Bürgerfest nicht aus. An den Schießbuden: natürlich Plastikhülsen. Und Preise aus Fernost statt Holzkunst aus Afrika. Beim Entenangeln sind die Schwimmfiguren aus Plastik, viele Gewinne ebenfalls. Auch so manche Wetterschutz-Folie, ob bei den Schoko-Früchten oder dem Bier-Karussell: ebenfalls Plastik pur. Und die Lebkuchenherzerl – allesamt in Plastikfolie gehüllt. 

Der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Plastik

Nicht zu vergessen die Verzier-Girlanden im Festzelt selbst, die rund um die Augustiner-Logos überall geschlungen sind – keine Fichtenzweige, sondern Plastikgrün. Zumindest in puncto Dekoration sei das in Ordnung, findet Simon Hötzl, Pressesprecher und Wirtschaftsreferent der Gemeinde Unterhaching. „Es gibt gutes und schlechtes Plastik“, doziert er. „Gutes Plastik ist solches, das wieder verwendet werden kann.“ Das sieht die Frau des Bürgermeisters, Nicole Panzer (49), genauso. „Es wäre doch schade drum, die Girlanden nicht mehr zu verwenden.“ Als gelernte Umwelttechnikerin unterstützt sie das neue Konzept - und wurde auch belohnt: mit einem Blumenstrauß von der Brauerei, plastikfrei in Papier eingewickelt.

Plastikfreies Bürgerfest: Festwirt in Unterhaching sieht noch viel mehr Potenzial

Bei den Besuchern kommt die Philosophie überwiegend gut an. „Plastikfrei? Das gehört sich so!“, findet der Unterhachinger Judotrainer Andreas Hofreiter (43), als er mit seinen Söhnen Felix (13) und Lukas (9) im Außenbereich Brotzeit macht. Festwirt Edmund Radlinger indes mag nicht stagnieren, er sieht weiteres Potenzial. „Vor allem bei den Herstellern besteht großer Nachholbedarf.“

Ein Beispiel aus der Praxis: Gurken. „Warum die in Plastik verpackt werden, hat mir ein Händler erklärt. Damit sie im Transport nachreifen.“ Das findet Radlinger ebenso seltsam wie Behauptung der Lebkuchen-Industrie, im Sinne des Frischegefühls gehe es nicht ohne Plastikverpackung. Genug Ansätze also für 2020, den Kein-Plastik-Kurs zu intensivieren. Bierfreunde indes dürfen unbesorgt genießen: Das „flüssige Brot“ kommt aus Holzfässern und fließt, bis zum 15. Juli noch, in gläserne Masskrüge.

Passend zum Thema: Das Ergebnis einer Stichprobe zeigt: Gemüse ist im Handel zu zwei Drittel in Plastik verpackt

Auch aus dem Landkreis: Diebe und Vandalen behindern die Seesanierung am Sportpark in Unterhaching. In Oberschleißheim stoppt diePolizei einen betrunkenen Autofahrer. Was die Beamten dann erleben, ist richtig dreist. 

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