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Als „rechtswidrig“ stuft die Gemeinde Unterhaching dieses Wettbüro am Bahnhofsweg ein.

Vergnügungsstätten am Bahnhof

Schwieriger Kampf gegen Wettbüros

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Unterhaching - Wettbüros in der Fußgängerzone? Nein, die mag Unterhaching dort nicht haben. Die Gemeinde sucht Wege, unerwünschtes Gewerbe zu unterbinden.

In der Nähe des Unterhachinger Bahnhofs gibt es zwei Büros für Sportwetten, „Bet 3000“ und „Tipico“. Die Gemeinde will beide Betriebe loswerden, stuft sie sogar als „rechtswidrig“ ein. Eine komplizierte Geschichte über das Spannungsfeld, was eine erwünschte Nutzung ist und was nicht darunter fällt.

Blaue Sessel sind um kleine Tische gruppiert, an den Wänden hängen rund zwei Dutzend Flachbildschirme. Auf denen der oberen Reihe sind Fußballübertragungen zu sehen, auf denen darunter flimmern Wettquoten aus aller Welt. Wer zehn Euro darauf setzt, dass das Team von Mansheyat im jordanischen Pokal bei A-Baqaa gewinnt, bekommt 34 Euro heraus; für den 1:0-Sieg des FC Bayern in der Champions League gegen Atletico Madrid gab’s nur den 1,65-fachen Einsatz.

Und hier, in diesem fast menschenleeren Wettbüro, soll also das Übel beheimatet sein? „Schauen Sie“, sagt der Mitarbeiter von „Bet 3000“, „es ist ganz ruhig.“

Die Gemeinde Unterhaching sieht das anders. Von Anwohnerbeschwerden ist die Rede, von Falschangaben. Genau wie „Tipico“ ein paar Meter weiter habe auch „Bet 3000“ das Wettbüro „rechtswidrigerweise eröffnet“, sagt Christian Franke vom Bauamt.

Der Reihe nach. Zunächst befand sind in den Räumen am Bahnhofsweg eine Backstube, später kurzzeitig ein italienischer Feinkostladen. Alles regulär. Und jetzt eben ein Wettbüro. Laut Gemeinde irregulär. Denn einen entsprechenden Bauantrag hätte der Betreiber nicht gestellt. Sondern einfach sein Wettbüro aufgemacht.

„Doch, doch“, beteuert Geschäftsführer Lucio di Liberta auf Nachfrage des Münchner Merkur, „das mit dem Bauantrag haben wir geregelt.“ Naja, mit Verspätung: Die beantragte „Nutzungsänderung eines Ladens in eine Tippannahmestelle“ wurde erst jetzt, zweieinhalb Monate nach der Eröffnung, vom kommunalen Bauausschuss diskutiert. Und abgelehnt.

Mehrere Punkte stoßen der Gemeinde sauer auf. So stimme die Betriebsbeschreibung, derzufolge der Ablauf mit dem einer Lottoannahmestelle zu vergleichen sei, nicht mit der Realität überein. Die Sitzmöbel interpretiert man im Rathaus als „Loungebereich“, der zum „längeren Verweilen“ animieren solle, zumal an zwei Automaten Kaffee und alkoholfreie Getränke angeboten werden. Auch die Live-Übertragungen von Fußballspielen (für die das Wettbüro pro Monat nach eigener Aussage übrigens bis zu 4000 Euro an Lizenzgebühren für Sky et cetera bezahlt) widerspächen dem Charakter einer reinen Annahmestelle für Tippscheine. Zweitens werde der Stellplatznachweis nicht eingehalten, drittens fehle ein Schallschutzgutachten. Viertens liege die Nutzfläche mit 63,49 Quadratmetern etwas über den beantragten 53,00 Quadratmetern

„Jeder der vier Punkte für sich genommen führt schon zur Unzulässigkeit“, erklärt Bauamtsleiter Stefan Lauszat. Doch damit nicht genug.

Wegen Lounge und Live-TV sei das Wettbüro keine simple Tippannahmestelle, sondern eine „Vergnügungsstätte“, argumentiert die Gemeinde. Und dafür gelten – nun wird es noch komplizierter – spezielle Regeln.

Grundsätzlich gilt hier die Baunutzungsverordnung aus dem Jahr 1977, laut der in einem Mischgebiet wie am Bahnhof Vergnügungsstätten zulässig sind, „soweit sie kerngebietstypisch“ sind – dafür gilt eine Grenze von 100 Quadratmetern. Die ist unterschritten, somit spräche nichts gegen das Wettbüro. Weil die Gemeinde aber durch derlei Etablissements einen „Trading-down-Effekt“ befürchtet, also eine Herabwertung des Umfelds, hat sie 2012 ein Vergnügungsstättenkonzept erstellt, in dem sogenannte Ausschlussgebiete festgelegt sind – der Bahnhofsweg gehört dazu.

Und nun? Über den (von Unterhaching abgelehnten) Bauantrag befindet letztlich das Landratsamt. Das wiederum könnte sich über das Vergnügungsstättenkonzept als nicht verbindlich hinwegsetzen. Und „Bet 3000“ seinen Segen geben.

In diesem Fall wiederum griffe „nur“ die Baunutzungsverordnung aus dem Jahr 1977. Und nach der wäre das Wettbüro unzulässig bei „erheblichen Störungen der Wohnsituation“. Genau darauf zielt die Gemeinde Unterhaching ab: Es gebe Anwohnerbeschwerden über Besucher des täglich bis 23 Uhr geöffneten Wettbüros, die draußen für der Tür rauchen und dabei laute Diskussionen führen würden. „Das Sicherheitsgefühl der Anwohner ist beeinträchtigt“, heißt es sogar im Rathaus. Wobei Bauamtsleiter Stefan Lauszat auch einräumt: „Wir wissen das nur vom Hörensagen.“

Jedenfalls setzt die Gemeinde darauf, dass das Landratsamt den Bauantrag für „Bet 3000“ ablehnt und auch im Fall von „Tipico“, das sich in einem ehemaligen Kopiershop eingenistet hat, tätig wird. Und wenn nicht? „Dann“, droht Bürgermeister Wolfgang Panzer (SPD), „bleibt uns der Verwaltungsgerichtsweg.“

Fest steht: Unterhaching will hart bleiben. „Stellen Sie sich vor, es kämen noch fünf oder sechs Wettbüros hinzu“, sinniert Rathaus-Sprecher Simon Hötzl. „Nicht auszudenken, wie unser Ortszentrum dann in ein paar Jahren aussähe.“

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