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Als ob ein Tunnel durch die Wohnzimmerdecke führen würde: Torsten Kresse, Organisator des Kunst- und Technikfests „ars-technica“, vor dem Deckenkunstwerk namens „EyeInTheSky“, das auch ausgestellt wird. 

ars-technica in Unterhaching

Vom Wohnzimmer ins Weltall

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Das Kunst- und Technikfest „ars-technica“ vom 28. April bis 1. Mai in Unterhaching bietet für Besucher ein breit gefächertes Programm.

Unterhaching– Seinen Vorgarten ziert ein über sechs Meter hoher Turm, aus alten Nähmaschinen zusammengebaut; im Wintergarten auf der Terrasse steht das Innere einer Kirchturmuhr, im Wohnzimmer ziehen eine Musikbox aus der Beatles-Zeit und ein mechanisches Klavier die Blicke auf sich. Und natürlich das Deckenkunstwerk namens „EyeInTheSky“ – als ob es eine Röhre in den Himmel gebe. Passenderweise wohnt Torsten Kreese (72), Ingenieur im Ruhestand, in Unterhaching in der Oskar-von-Miller-Straße, benannt zu Ehren des Mitbegründers des Deutschen Museums. Ein kleines Technik-Museum hat Torsten Kresse auch in seinem Haus. Und zum siebten Mal organisiert er das Kunst- und Science-Festival „ars-technica“ (28. April bis 1. Mai in Unterhaching). Über das Festival, sein Faible fürs Reparieren alter Dinge und seine Vision von Bildungsprojekten spricht der Unterhachinger im Interview mit dem Münchner Merkur.

-Was genau steckt hinter „ars-technica“?

In einem Satz zusammengefasst: Wir machen lauter verrückte Sachen!

-Und die ausführlichere Variante?

Die Idee entstand bei einer Milleniums-Silvester-Party, auf der sich etwa 20 Künstler und Ingenieure über die „Milleniumsangst“ lustig machten. Seit nunmehr 16 Jahren veranstaltet die ars-technica-Gruppe aus Unterhaching und München alle zwei Jahre ein Kunst- und Technikfest, um insbesondere bei der Jugend die Freude an Technik und Wissenschaft zu wecken. Inzwischen ist daraus ein durchaus bekanntes Festival zur Präsentation kreativer Kultur geworden.

-Sie präsentieren ungewöhnliche Kunstwerke wie diese Lichterscheibe in Ihrem Wohnzimmer, die den Eindruck erweckt, als würde durch die decke ein Tunnel führen...

Das ist „EyeInTheSky“, ein Arduino-gesteuertes Kunstwerk.

-Arduino?

Dabei handelt es sich um einen Microcomputer, der keine 20 Euro kostet – ich habe solch ein Board über eine Arduino-Gruppe in Schwabing kennengelernt. Hier sind zwei dichroitische Spiegel gegeneinander geschaltet mit nur einer Reihe LED-Lichtern. Durch Arduino entsteht aber der Eindruck, als wäre ein Loch in der Decke. Jetzt weiß ich endlich, wie im Weltall ein schwarzes Loch aussieht – das Licht stürzt einfach hinein. Ich habe an der TUM studiert, aber Einstein nie verstanden. Solche einfachen Bilder wie dieses „EyeInTheSky“ dienen prima zur Veranschaulichung. Eigentlich müsste es in jeder Schule einen Lehrer geben, der mit Arduino arbeitet, um Kindern und Jugendlichen Technik wieder näherzubringen.

-Die Nachwuchsförderung und -bildung liegt Ihnen sehr am Herzen?

Ja, absolut. Auch Kinder können Kunst! Das wird diesmal bei „ars-technica“ zu sehen sein. Die Grund- und Mittelschule am Sportpark zum Beispiel hat eine plastische Weltkarte gebastelt, die wir ausstellen, ebenso den Flüsterröhrenturm aus dem AWO-Kinderhort: Er geht zurück auf ein akustisches Kommunikationsprojekt des italienischen Architekten Giacomo Della Porta aus dem Jahr 1579. Den Turm „Panta Sferei“ in meinem Vorgarten habe ich zusammen mit der Jugendkulturwerkstatt nebenan gebaut, am Lise-Meitner-Gymnasium steht „Warka-Water“, ein acht Meter hoher Wassersammelturm.

-Sie schaffen Neues aus Resten.

Das Reparieren macht mir Spaß. Früher habe ich Satelliten-Bodenstationen für die Europäische Raumfahrtbehörde ESA gebaut oder das Riesenteleskop in der Atacamawüste im Norden Chiles, mit dem sie nach außerirdischem Leben suchen. Das erste Teleskop mussten wir sechsmal auseinanderbauen, damit bei Bewegungen das spezielle Kugellager eine Abweichung von fünf µ (Mü) nicht überschreitet – das ist weniger als ein Frauenhaar. Solche Details begeistern und faszinieren mich.

-Diese Faszination geben Sie in Ihrem technischen Museum in der Oskar-von-Miller-Straße 5 weiter?

Das Museum öffne ich in der Regel freitags von 14 bis 18 Uhr. Die Front stammt von einem Elektroladen aus der Hohenzollernstraße in München aus dem Jahr 1902. Regelmäßig besuchen mich Kindergartengruppen, meine erste Frage zum Einstieg in die Materie ist: Ihr habt sicher alle ein Smartphone? Natürlich. Als zweites frage ich die Kinder, ob sie denn überhaupt wissen, wie es funktioniert, dass bei WhatsApp ein Bild per Knopfdruck Sekunden später in Australien ist. Dann erkläre ich, was Funk überhaupt ist. Auch anhand einer Blitzmaschine, die 13 Zentimeter lange Blitze erzeugt.

-Sind Sie ein Technik-Freak?

Auch wenn man noch so sehr auf die Technik schimpft: Sie ist unsere Zukunft. Sehen Sie, ich bin jetzt 72 und habe keine Angst vor dem Alter, aber eins fuchst mich: nicht zu wissen, wie die Welt in 50 Jahren aussehen wird. Wenn Sie zurückschauen, vor 30 Jahren haben Sie Ihre Artikel noch per Schreibmaschine verfasst. Ich bin mir relativ sicher, dass in 50 Jahren jeder Mensch einen Chip im Kopf haben wird. Man denkt sich ein Bild, schickt es ab – bloß, dass es bei den Eltern dann nicht mehr auf dem Smartphone ankommt, sondern in deren Gehirn.

-Um derlei Visionen geht es während „ars-technica“ in der Trend- und Zukunftsshow „Future now“ von Frank Astor.

Er hat ein neues Kunstgenre kreiert, allein der Roboter, mit dem er auftritt, kostet 60 000 Euro. In der Show sowie der anschließenden Diskussionsrunde mit Experten werden wir neue Arbeits- und Lebenswelten zu sehen bekommen.

-Was sind weitere Höhepunkte der vier Festivaltage?

Frech formuliert: Wir haben nur Höhepunkte. Einer wird am Eröffnungsabend die Harfe sein. Laserharp Q ist ein Metallkubus, dessen Außenseiten harfengleich mit Laserstrahlen besaitet sind. Dieses besondere Instruments des Künstlers Leo Bettinelli ertanzt sich Ada Ramzews – ein visuelles Klangerlebnis, und glaublich anmutig und emotional. Ich durfte den Auftritt schon einmal sehen und habe fast geweint.

-In Kunst und Technik mischen Sie auch noch Politik hinein...

Das stimmt. Wir hatten Kontakt zum Theater Hellerau in Dresden, wo sie immer montags alternativ zu den Pegida-Veranstaltungen ein Versöhnungsprogramm durchführen, Theater mit Flüchtlingen zum Beispiel. Das wiederum hat uns zum Nachdenken gebracht, uns dazu animiert: Wir wollen uns um politische Kunst kümmern!

-Wie gelingt das?

Professor Walter Dorsch, ein Kinderarzt sowie Initiator der „Sendlinger Gespräche“, wird uns Trump und Putin mitbringen. Als Kunstwerke, hochaktuell ist die Bronze-Installation „D.J. Trump: I am a wrecking ball“. Oder nehmen wir die politische Diskussionsrunde am 1. Mai, passend dazu zeigt Walter Giers „Fünf Fragen des Glaubens“ – die Komposition aus fünf technischen Kunstwerken, die die unterschiedlichen Religionen darstellen. Licht, Klang und Bewegung – all das regt zum Diskutieren an. Darum geht es uns.

-Bei der kostenlosen Ausstellung in der Hachinga-Halle können die Besucher selbst aktiv werden?

Ja, zum Beispiel im schwarzen Zelt der Jugendkulturwerkstatt. Die wird darin mit einem Pinsel-Stick virtuelle Bilder malen, diese 3D-Gebilde könnte man auch in den Garten oder sonstwohin projizieren. Faszinierend.

-Ihre Pläne für die achte „ars-technica“ in zwei Jahren?

Momentan arbeite ich von morgens acht Uhr bis Mitternacht am aktuellen Festival. 2019 soll in Unterhaching ja die Eurozentrale von Phicomm eröffnet werden, und im Erdgeschoss ist offenbar eine „Phicomm-World“ geplant. Vielleicht kombinieren wir das zu einem großen Technik-Fest? Das ist aber noch auf dem Idee-Level – genauso wie der Traum, eines Tages vielleicht mit der örtlichen Pesl-Stiftung und deren Kunstwerken zu kooperieren.

Interview: Martin Becker.

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