Die Zentrale der Kreissparkasse München-Starnberg-Ebersberg am Sendlinger Tor.
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Die Zentrale der Kreissparkasse München-Starnberg-Ebersberg am Sendlinger Tor.

INTERVIEW

Kreissparkassenchef warnt: „Zweiter Lockdown wäre verheerend“

  • Charlotte Borst
    vonCharlotte Borst
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Ende August geht Kreissparkassenchef Joseph Bittscheidt (65) in den Ruhestand. Im Interview spricht er über die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise – und warnt vor einem zweiten Lockdown

Landkreis – Für Joseph Bittscheidt (65) sind es die letzten Wochen an der Spitze der Kreissparkasse München-Starnberg-Ebersberg. Am 31. August geht der Vorstandsvorsitzende nach 50 Berufsjahren, davon 30 im Vorstand der Kreissparkasse, in den Ruhestand. Die Bank steht aufgrund der Viruskrise vor neuen Belastungen. Ein zweiter Lockdown muss unbedingt verhindert werden, warnt Bittscheidt: Er hätte „verheerende Folgen“ für die Wirtschaft.

Viele Jahre das Gesicht der Kreissparkasse: Vorstandsvorsitzender Joseph Bittscheidt (65) geht Ende August in den Ruhestand.

Herr Bittscheidt, seit einem halben Jahr grassiert das Coronavirus im Landkreis. Welches Bild zeigt die regionale Wirtschaft nach Monaten der Pandemie?

Aktuell sehen wir noch keine Zunahme der Insolvenzen. Die Kunden können ihre Verpflichtungen weitestgehend erfüllen.

Welche Hilfen bieten Sie?

Liquiditätshilfen. Stundungen und die Kreditprogramme von KfW und LfA. Wir haben in diesen Bereichen die Mitarbeiterkapazität in hohem Maß erhöht, damit die Mittel schnell abgerufen werden können.

Die spontanen Auswirkungen des Lockdowns wurden so verhindert...

Ja, die Hilfsprogramme greifen sehr gut. Aber das heißt nicht, dass alle die Kurve kriegen. Die Unternehmen haben die erste Phase gut durchgestanden. Wir beobachten keine besonderen Auffälligkeiten bei den Krediten und vermuten, dass die Probleme 2021 und 2022 kommen werden. Wir haben eine stark exportorientierte Wirtschaft, die internationalen Auswirkungen der Pandemie sind gravierend. Hier werden Wellen kommen.

Man kann ja nicht endlos Geld drucken.

Joseph Bittscheidt

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Gastronomie, Hotellerie, Messebau-Dienstleister bis hin zum Taxigewerbe, Betriebe die in diesen Branchen keine Substanz hatten, kommen in ernsthafte Schwierigkeiten. Das produzierende Gewerbe, der Ingenieurs-- und Entwicklungsbereich hat langfristige Verträge. Da kommen die Probleme eventuell irgendwann zeitversetzt. Wenn die Pandemie weiterhin so kontrolliert verläuft, wird es nicht allzu problematisch. Aber wenn wir einen zweiten Lockdown bekommen, wird der Punkt erreicht sein, dass der Staat die Lücken nicht schließen kann. Man kann ja nicht endlos Geld drucken, und nichts anderes ist es ja.

Machen Sie sich Sorgen?

Durchaus. Ich hoffe, dass wir in Deutschland und der Region alles tun, um eine zweite Welle zu verhindern, denn die hätte verheerende Auswirkungen.

Sie hatten in den Vorjahren mit Gewinnrückgang zu kämpfen. Wie kommt Ihr Bankinstitut durch die Krise?

Wir haben eine sehr vernünftige Eigenkapitalausstattung, selbst angesichts der Pandemie und den Belastungen, die uns dadurch drohen. Wir haben in den vergangenen Jahren Maßnahmen getroffen, um die Niedrigzins-Situation auszugleichen. Wir haben Kosten gesenkt und Preise angepasst. Jetzt zeigt sich, dass wir die Ertragslage stabilisieren konnten. Die Gewinne der Jahre 2018 und 2019 sind deckungsgleich bei 60 Millionen Euro nach Steuern. Das hat gereicht, um das Eigenkapital zu sichern, das inklusive der stillen Reserven bei 1,3 Milliarden Euro liegt. Das ist eine sehr ordentliche Substanz für unsere Größe. Wir gehören zu den zehn größten Sparkassen in Deutschland.

Wir werden einen coronabedingten Gewinnrückgang haben.

Joseph Bittscheidt

Mit welchen Belastungen rechnen Sie?

Die Krise wird an uns nicht spurlos vorübergehen. Wir werden einen coronabedingten Gewinnrückgang haben, weil auch unser Geschäft in der Lockdown-Phase zum Erliegen kam, und wir beim Kreditgeschäft mit Rückgängen rechnen müssen.

Der eingeschlagene Sparkurs hat ja seit Jahren die Zahl der Vollzeitstellen und Filialen bröckeln lassen. Wurden am 15. Juni alle Filialen wieder geöffnet, oder hat man weitere Standorte aufgegeben?

26 von unseren 52 Filialen haben durchgehend offen gehabt. Es waren die Filialen, wo genügend Platz ist, um Abstand zu halten. Aber es ist richtig, wir mussten in den vergangenen Jahren Kosten einsparen. Wir haben von über 90 Filialen im Jahr 2016 noch 52. Beim Personal haben wir von 1500 auf 1100 Mitarbeiter reduziert. Während der Corona-Krise haben wir aber keine Filialen geschlossen, um Kosten zu senken, sondern um Mitarbeiter und Kunden zu schützen.

Haben die Ausgangsbeschränkungen das Kundenverhalten verändert?

Es gibt viele neue Nutzer des Online-Banking. Kunden, die die App schon hatten, haben sich daran erinnert und diese Möglichkeit erst jetzt genutzt und finden das jetzt äußerst bequem. Wir haben auch festgestellt, dass die Kundenfrequenz in den Filialen seit der Wiedereröffnung deutlich zurückgegangen ist. Die Mitarbeiter in den Filialen werden weniger für Überweisungen aufgesucht, aber nach wie vor für Beratungen, gerade wegen der Krise. Auch viele über 60-Jährige, die in meinem Alter sind, sind aktiv beim Online-Banking, während es auch junge Erwachsene gibt, die es nicht nutzen.

Es gab viel Kritik, weil die Sparkassen ihre Briefkästen zugeschraubt haben. Ist das nicht äußerst kundenfeindlich?

Nein, weil die Briefkästen nicht sinnvoll sind. Bankinstitute haben die Auflage, Überweisungen innerhalb sehr enger Fristen auszuführen. Für die Einhaltung der Firsten ist das Zukleben der Briefkästen ein wichtiger Schritt. Die Einschränkungen sind nicht so gravierend, Überweisungen können telefonisch, online oder auf Papierbelegen gemacht werden, die per Post geschickt oder während der Öffnungszeiten abgegeben werden können.

Haben am 15. Juni alle Filialen wieder geöffnet?

Ja. Im Zusammenhang mit dem Lockdown haben wir nicht überlegt, Filialen zu schließen. Diese Zeit ist atypisch, darauf kann man keine Entscheidungen aufbauen. Wenn die Kundenfrequenz weiter zurückgeht, kann man weitere Filialaufgaben nicht ausschließen. Aktuell gibt es keine Pläne.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Entwicklung der Region zurück?

Man kann nur mit Optimismus und Stolz auf die drei Landkreise schauen. Ich bin froh, dass wir die Probleme vieler Kollegen, zum Beispiel aus der Oberpfalz, nicht bewältigen müssen, die mit Abwanderung und absterbenden Industriezweigen zu kämpfen haben. Wir haben eine lebendige Wirtschaftsstruktur und werden weiterhin Wachstum beobachten.

Aber...

Ich sage immer: Wo Speck ist, sind auch viele Mäuse. Neben den Sparkassen und Genossenschaftsbanken tummelt sich hier so ziemlich alles, was sich Bank nennt. Es gibt einen intensiven Wettbewerb, was ich aber durchaus immer als gut und richtig geschätzt habe.

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