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„Wir sind die Vernunft“: Gegenwind für Montags-Spaziergänger - 300 Demonstranten wehren sich

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Von: Martin Becker

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Zur Kundgebung versammelten sich die Demonstranten auf dem Rathausplatz, um für Solidarität und Zusammenhalt in der Coronakrise zu werben.
Zur Kundgebung versammelten sich die Demonstranten auf dem Rathausplatz, um für Solidarität und Zusammenhalt in der Coronakrise zu werben. © Thomas Rychly

Ein deutliches Zeichen gegen die sich als „Spaziergänger“ bezeichnenden Kritiker der Corona-Maßnahmen haben am Montagabend rund 300 Menschen in Unterhaching gesetzt.

Unterhaching - Bei den parallel auf Rathausplatz und vorm Bahnhof stattfindenden Kundgebungen, organisiert von den Studenten Florian und Michael Dietrich, appellierte die prominent besetzte Schar der Redner an die Solidarität aller Menschen.

Demo gegen Montags-Spaziergänger: Prominente Redner

„Es ist schade, dass wir hier sein müssen“, begann Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU) ihre Botschaft mit dem Hinweis auf die Absurdität von Gegendemonstrationen. Aber die seien, angesichts von 300 durch die Polizei sorgsam abgeschirmten und am Ende laut krakeelenden „Spaziergängern“, eben notwendig. „Ich kann nicht verstehen, dass es immer noch Menschen gibt, die glauben, Corona sei nur ein Schnupfen“, sagte die Ministerin.

„Man kann das Virus zurückdrängen – aber nicht, indem man ohne Masken und Abstand durch Unterhaching spazieren geht und Corona munter weiter verbreitet.“ Es sei eine „Frage des Zusammenstehens, den persönlichen Egoismus hinten anzustellen“, um das medizinische Personal zu schützen und der Jugend nach zwei Jahren Pandemie endlich wieder die Perspektive auf ein normales Leben zu bieten.

Impfen, Abstand, Maske, Zuhause bleiben! Auf vielen Plakaten tragen die Demonstranten ihre Botschaften in die Öffentlichkeit. 
Impfen, Abstand, Maske, Zuhause bleiben! Auf vielen Plakaten tragen die Demonstranten ihre Botschaften in die Öffentlichkeit.  © Thomas Rychly

Sorge um Unterhöhlung der Corona-Kritiker durch politisch am rechten Rand Stehende

Dass mit dem „III. Weg“ eine neonazistische Kleinpartei auf Flugblättern und im Internet abermals für einen „Montags-Spaziergang“ in Unterhaching geworben hatte, kommentierte Kerstin Schreyer so: „Hass, Hetze und Querdenker, die nur spalten wollen, haben in der Demokratie nichts verloren. Lassen Sie nicht zu, dass die körperlichen Abstände, die wir einhalten müssen, zu sozialen Abständen werden!“

Die Unterhöhlung der Corona-Kritiker durch politisch am rechten Rand Stehende zog sich wie ein roter Faden durch die beiden gut einstündigen Kundgebungen. „Extremisten aller Art sind hier nicht erwünscht“, rief Demo-Organisator Florian Dietrich ins Mikrofon. „Wenn hier in Unterhaching einige nachweislich mit Rechtsradikalen marschieren, verurteilen wir das aufs Schärfste.“ Auch auf einem der vielen handgemalten Plakate klang dieser Tenor durch, Auf andere Schildern war „Impfen statt schimpfen“ geschrieben oder „Hört auf die Wissenschaft“.

Gegen-Demo zu Montags-Spaziergängen: „Extremisten aller Art hier nicht erwünscht“

Die SPD-Landtagsabgeordnete Natascha Kohnen aus Neubiberg sah die Coronakritiker klar in der Minderheit: „Nein, unsere Gesellschaft ist nicht gespalten, denn Leute wie wir hier sind die meisten im Land. Die angeblichen Spaziergänger befinden sich auf einem Irrweg – wir müssen sie zurückholen in die Solidarität, denn die ist der Kitt unseres Überlebens.“

Klares Bekenntnis: Die Organisatoren zusammen mit Landtagsabgeordneten und Gemeindepolitikern. 
Klares Bekenntnis: Die Organisatoren zusammen mit Landtagsabgeordneten und Gemeindepolitikern.  © Thomas Rychly

Wegen Corona: Pflegepersonal am Limit - „Solidarität wichtiger denn je“

Ebenso bezogen Claudia Köhler und Markus Büchler, Landtagsabgeordnete der Grünen, klar Position. „Das Pflegepersonal ist am Limit, der Jugend wurden zwei wichtige Jahre ihres Lebens genommen“, sagte die Unterhachingerin Claudia Köhler. „Deshalb müssen wir uns alle zusammenreißen, Solidarität ist wichtiger denn je.“ Ja, man könne über Maßnahmen streiten, „aber wir müssen im demokratischen Diskurs bleiben“. Markus Büchler aus Oberschleißheim zeigte sich beeindruckt von der großen Resonanz auf die sehr kurzfristig organisierten Kundgebungen: „Wir zeigen, dass wir mehr sind!“

Gegendemo zu Montags-Spaziergängern: Auch Kabarettist Christian Springer ist dabei

Mehr als die, die ohne jegliche Abstandsregeln als „Spaziergänger“ ein paar Hundert Meter weiter kurz vor 20 Uhr versuchten, an der Münchner Straße – vom starken Polizeiaufgebot aufgehalten – mit Trillerpfeifen und anderen Lärminstrumenten das Ende der Kundgebung am Rathausplatz zu übertönen. „Es macht mich fassungslos, dass da drüben Leute stehen, die all das Corona-Leid negieren. Was für eine Schande“, echauffierte sich der Münchner Kabarettist Christian Springer.

Diese „Spaziergänger“ seien „eine Bagage, die auf die Straße geht für Volk und Vaterland, die eine Revolution ausruft“. Sicherlich möge es in Unterhaching viele gemäßigte Kritiker der Corona-Maßnahmen geben. „Aber es färbt verdammt ab, wenn man mit den Braunen mitläuft, denn man lässt deren Ideologie zu“, fand Christian Springer. „Von denen lassen wir uns die Demokratie nicht kaputtmachen.“

Gegen Hass und Hetze: Ministerin Kerstin Schreyer. 
Gegen Hass und Hetze: Ministerin Kerstin Schreyer.  © Thomas Rychly

Corona-Patienten: Ärztin und Pfleger berichten - „Ich weiß, wie Todesangst aussieht“

Aus der täglichen Praxis als Ärztin berichtete Dr. Anna Frangoulis. „Wir sind unendlich erschöpft, arbeiten seit zwei Jahren permanent über unsere Grenzen“, sagte sie. „Danke!“, rief einer lobend und hielt sein Plakat hoch: „Ihr seid die Superhelden“.

Als solcher sah sich der Pfleger Christian Markus nicht. „Seit Beginn der Pandemie kämpfen wir gegen Desinformation, und Egoismus. Diese Querdenker leugnen Fakten und verbreiten Theorien mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, obwohl sie nur auf illusionärem Denken beruhen.“ Der Pfleger glaubt, dass es den „Spaziergängern“ allein darum gehe, zu polarisieren und zu spalten.

Er selbst müsse Corona-Patienten täglich in die Augen schauen: „Ich weiß, wie Todesangst aussieht.“ Aber das sei „kein Hindernis für diese Minderheit der Verschwörungs-Idioten, ihren Schwachsinn zu verbreiten – schämt euch!“ Es sei an der Zeit, die Stimme zu erheben für Solidarität mit Risikogruppen, Pflegekräften, Medizinern, Pädagogen, Kindern und Jugendlichen. „Deshalb stehen wir heute hier“, resümierte Christian Markus, „wir sind die Vernunft, wir sind solidarisch.“

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