Jörg Spennemann ist Leiter des Bereichs Gesundheit im Landratsamt München.
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Jörg Spennemann ist überzeugt: „Die meisten wollen sich impfen lassen.“

Neuer Gesundheitsbereichsleiter Spennemann im Landratsamt über Impfungen und den Kampf gegen Corona

„Wird nicht die letzte Pandemie gewesen sein“

  • Martin Becker
    vonMartin Becker
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Mitten in der Krise übernahm Jörg Spennemann (47) den Gesundheitsbereich im Landratsamt. Im Interview spricht er über die Herausforderungen im Kampf gegen die Pandemie und über das große Thema Impfen.

Herr Spennemann, was sind aktuell die drängendsten Aufgaben?
Wir müssen organisieren, dass mit dem Coronavirus infizierte Menschen und ihre Kontaktpersonen ermittelt und betreut werden, und alle mit dem Infektionsschutz zusammenhängenden medizinischen Fragen beantworten. Dazu kommen viele logistische Herausforderungen wie die Testzentren und Testungen in den Alten- und Pflegeeinrichtungen. Und am 27. Dezember soll es ja losgehen mit den Impfungen – dafür brauchen wir entsprechende Teams in den Impfzentren, die richtige Lagerung der Impfstoffe muss gesichert sein und vieles mehr.
Wo wird nun geimpft?
Drei Standorte für Impfzentren stehen schon fest in Oberhaching, Haar und Unterschleißheim. Ein viertes Impfzentrum soll es im Würmtal geben, Detailfragen klären wir gerade noch. Wichtig ist es, die Impfzentren regional zu streuen, damit die Menschen nicht durch den halben Landkreis fahren müssen.
Rechnen Sie mit Schwierigkeiten?
Es gibt ganz viele Unwägbarkeiten. Bekommen wir genügend Impfdosen für alle Angehörige der Risikogruppen? Kommt im Januar ein weiterer Impfstoff auf den Markt und mit welchen Anforderungen? Können die „Impflinge“ dann auswählen? Im Gesundheitsamt arbeiten zwischenzeitlich bis zu 200 Leute mehr als üblich, das ist ein Riesenkraftakt, den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hervorragend stemmen.
Im Münchner Merkur wurde in einem Leserbrief die Rechnung aufgemacht, bei 350 Impfungen pro Tag bzw. 1750 pro Woche dauere es vier Jahre, bis alle 350 000 Landkreisbewohner geimpft seien. Stimmt die Rechnung?
Nein. Wir haben pro Impfzentrum eine Tageskapazität von 350, bei (demnächst) vier Zentren wären das 7000 pro Woche. Rechnerisch würden wir dann 50 Wochen benötigen, wobei ich aber davon ausgehe, dass nicht mehr als 60 bis 80 Prozent der Bevölkerung impfbereit sind. Laut Bundesgesundheitsministerium dauert die Impfung der vorrangigen Gruppe mit höchster Priorität – älter als 80, Pflegepersonal – voraussichtlich zwei Monate.
Lassen Sie selbst sich auch impfen?
Auf jeden Fall! Außer, ich würde in einer einsamen Berghütte leben und hätte nur einmal pro Jahr Besuch (lacht). Aber im Ernst, die Krankheitsverläufe sind unberechenbar. Die Stimmung schätze ich schon so ein, dass die meisten ein Interesse daran haben, sich impfen zu lassen.
Der Zeitpunkt Ihres Stellenwechsels macht die Vorweihnachtszeit sicher alles andere als besinnlich?
Ja, die Herausforderung ist ähnlich groß wie 2015 mit den Asylbewerbern, als das Landratsamt vor einem ähnlich hohen Berg an Aufgaben stand. Vom aktenbeladenen Schreibtisch mitten hinein ins operative Geschäft: Genau das habe ich mir freilich auch gewünscht. Wir wissen häufig morgens nicht, was abends herauskommt.
Schauen wir voraus – angenommen, in einem Jahr ist Corona im Griff: Was packen Sie dann an?
Diese Pandemie wird sicher nicht die letzte gewesen sein, das muss jedem klar sein. Es gilt, abrufbare Strukturen zu etablieren, um in Zukunft schnellstmöglich reagieren zu können.
Ihr Geschäftsbereich umfasst aber nicht nur Gesundheitsfragen – worum geht es noch?
Corona vereinnahmt derzeit gut zwei Drittel meiner Kapazität, das wird sicher bis ins Frühjahr hinein so bleiben. Aber es stimmt, auch andere Aufgaben stehen in meinem Geschäftsbereich an: Was hat sich in den vergangenen Jahren beim ÖPNV getan, wie machen wir weiter beim Thema U-Bahn-Verlängerungen? Abfallentsorgung, Fachkräftesicherung, Kreisstraßenbau oder Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Verwaltung, Reduzierung der CO2-Emissionen: Wir haben eine hohe Schlagzahl mit Themen, die uns eine sehr dynamische Politik im Kreistag liefert.
Und all das muss ja finanzierbar bleiben, was durch Corona beziehungsweise Steuerausfälle in den Kommunen und entsprechend niedrigere Kreisumlagen nicht einfacher wird.
Die finanziellen Auswirkungen von Corona bekommen wir noch zu spüren – ich bin froh, nicht der Kämmerer zu sein.
Sie waren vor einigen Jahren schon mal im Landratsamt tätig. Wie kam es jetzt zur Rückkehr?
Die Stationen eines Staatsjuristen sind ja fast vorgezeichnet. In jüngeren Jahren sind häufige Wechsel üblich, um viel zu sehen und Erfahrungen zu sammeln. Im Landratsamt, wo ich von 2013 bis 2016 den Bereich Umwelt- und Verkehrsrecht leitete, hatte es mir damals so gut gefallen, dass ich gar nicht mehr wegwollte. Aber dann rief das Innenministerium an, und beim zweiten Mal konnte ich nicht mehr nein sagen. Bei der Landesanwaltschaft Bayern war ich dann in der Prozessvertretung für den Freistaat Bayern vor dem Verwaltungsgerichtshof tätig. Eine juristisch anspruchsvolle und spannende Arbeit, aber es liegt in der Natur der Sache, dass man hauptsächlich mit Akten zu tun hat. Das ist im Landratsamt ganz anders. Das Themenspektrum ist breiter, dazu kommen viele Außentermine. Ich schätze diese Vielseitigkeit.
Als Jurist kümmern Sie sich nun unter anderem um Gesundheitsfragen. Ist das inhaltlich eine große Umstellung?
Das Gesundheitsamt hat mit Dr. Schmid ja einen hervorragenden Leiter und viele Ärztinnen und Ärzte in seinen Reihen. Bei meiner Aufgabe geht es ja nicht um medizinische Einzelfragen, sondern darum, Abläufe in einem komplexen Gefüge so zu organisieren, dass alles gut läuft. Dazu braucht es Leute, die beruflich schon einiges gesehen haben und über Koordinationserfahrung verfügen. Außerdem zählen zu meinem Geschäftsbereich weitere Referate – im Bereich des ÖPNV beispielsweise sind viele interessante Fragen zu lösen.
Aber nach fast einem Jahr Corona-Pandemie liegt der Schwerpunkt aktuell sicher auf dem Sektor Gesundheit?
Natürlich, das ist intern ein Hotspot.
Wie verbringen Sie die Weihnachtsfeiertage?
Hoffentlich nicht im Büro, sondern mit der Familie: Wir wollen uns viel draußen an der frischen Luft bewegen und diese positive Energie aufnehmen.

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