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Der Monolith der bayerischen Kabarettszene, Gerhard Polt, beherrscht es noch immer, das Ringen um das Wort und den Gedanken.

„Der alte Dackel“ ist der beste

Gerhard Polt und die Biermösl Blosn sorgen im Bürgerhaus Unterschleißheim für grandiose Unterhaltung. 

Von Marc Oliver Schreib

Unterschleißheim – Das stoische Ringen nach dem Wort und dem Gedanken ist bei Gerhard Polt ein wahres Kernvergnügen, und es war jetzt im Unterschleißheimer Bürgerhaus 600 Zuschauern vergönnt. Full House. Das Lachen sprudelte wie der Schwips nach einem Gläschen Dom Perignon heraus. Aber es war keineswegs zufällig. Denn der Monolith der bayerischen Kabarettszene beherrscht diese immer noch. Er hat sie vollends im Griff. Oder muss man eher sagen: Wie Franz Josef-Josef Strauß auf die bayerische Politik über Jahrzehnte ausgestrahlt und abgefärbt hat, so kann man Polt getrost als väterlichen Ideengeber auf die jüngere Generation im Freistaat bezeichnen, von dem sie alle zehren, die Jonasse, Schwarzmanns und Kinsehers. Ein Glück also, dass sich der Großmeister und Verfechter der eigentlichen Liberalitas Bavariae zur rechten Zeit in der Faschingsstadt Unterschleißheim blicken ließ, die auch bald Zentrum für autonomes Fahren wird.

Und die kongeniale Biermösl Blosn wies zurecht im Volksliedduktus darauf hin, dass das Fahren spätestens an der Schranke gebremst wird und in „autonomes Warten übergeht“. Außerdem sind die Volksliedexperten der Zeitung weit voraus. Die Well-Brüder haben nämlich von der Kulturamtsleiterin höchst persönlich erfahren, dass das Isar-Amper-Einkaufszentrum IAZ) zum Weltkulturerbe erklärt wird. Oberschleißheim wird vor Neid erblassen. Also hier ist alles bestens. Zeit fürs Philosophische, für den Menschen an sich. Den Homo googlensis. Die erste Nabelschau einer reaktionären Geisteswelt beginnt herrlich verstiegen und mit boarischer Schroffheit. „Wenn mir ein Mensch als Mensch begegnet, habe ich nichts dagegen.“ Aber in Antalya am Buffet, was er da für ein Buffet ertragen musste, zum Speim. Für ihn steckt dahinter eine Gesinnung, die den Gratler ausmacht. Aber so was gibt es überall. Die Gesinnungsgratler. Sein Nachbar Ranftl zum Beispiel ist ein Vollgratler. So schneizt man sich nicht, jedenfalls nicht in Mitteleuropa. Kleinigkeit, Bagatelle. Aber hier ist schon der nächste Fall: Die Grillverordnung von der Eigemtümergemeinschaft sieht eine Genehmigung für acht Würstl vor. „Mit der Drohne habe ich gesehen, dass der Bandit eine Fleischorgie mit 51 Würsten veranstaltet.“ Also, der Mensch ist im Grunde ein Zwischenwirt, ein Biotop für alle Arten von Parasiten, Masern, Blattern, Makler, Waffenhändler und Religionen. Und mit einem Satz gelingt es dem Altmeister und Satiredemagogen Polt, einen politischen Ballast abzuwerfen und gleichzeitig die Zuschauer für ein paar Stunden von der Erdenschwere der Verantwortung zu befreien. Die Sauerei bleibt im Beichtstuhl, und nichts spielt Gerhard Polt dabei besser als den Spitzbub, der allen kleingeistigen Mief, jede reaktionäre Unsäglichkeit entschlossen und wortreich verteidigt. Da diese Spitzbuben universell auf dem Planeten verteilt sind, hat er auch eine Muezzin-Predigt in original Klang-Arabisch mit dem Schlusswort „Dschihad“ eingebaut und ein Interview eines Pfarrers aus Indien mit Akzent, der am Tegernsee so schön knödelt, dass es in den Ohren und im Bauch kitzelt.

Da kommen die Einlagen der Biermösl Blosn gerade recht, die mit Alphörnern das Gesagte abrunden und mit „We all live in a Yelow Submarine“ oder dem „Bi-Ba-Butzemann“ neue Gipfelmomente der Blasmusik bescheren, den Schottenrock auspacken und den Bauch zum Tanz ausfahren. Und dann der Opa. Er hat zwar furchtbar wenig Zeit, aber immerhin noch so viel, dass er sich um den jungen Theofrey kümmern kann. Etwa mit dieser fragwürdigen Weisheit, bei der man nicht sagen kann, ob sie zum Weinen oder Lachen ist: „Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verloren hätten, hätt’s den zweiten erst gar nicht gebraucht. Man kann lernen von mir altem Dackel.“ So viel Polt war selten, und gemeinsam mit den Biermösls ist es eine absoluter Hochgenuss bayerischer Absurditäten. Vervollkomnet durch Quetschn, Tuba und Trompete.

Nach dem großen Finale gibt es vom gesetzten Charmeur auch noch Wiener Mundart der guten alten Zeit, und Gerhard Polt steigt dafür extra in einen Frack, mit Zylinder. Vielleicht war diese Einlage kein Debüt, unschlagbar war sie allemal.

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