Christian Felzmann in seinem Schuhladen an der Münchner Straße in Unterhaching.
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Für Gesundheitsschutz mit Augenmaß: Christian Felzmann in seinem Schuhladen an der Münchner Straße in Unterhaching.

Coronaneuinfektionen: Landkreis im dunkelroten Bereich

Die Angst vor dem zweiten Lockdown

  • Doris Richter
    vonDoris Richter
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Mit der steigenden Zahl an Neuinfektionen gelten im Landkreis ab sofort auch strengere Regeln. So müssen etwa Gastronomiebetriebe um 21 Uhr schließen. Einige sind wütend, viele machen sich große Sorgen wegen eines möglichen erneuten Lockdowns.

  • Zum Wochenbeginn stieg die Zahl der Coronaneuinfektionen im Landkreis erstmals auf über 100 pro 100 000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen
  • Die Corona-Ampel der Bayerischen Staatsregierung steht somit auch für den Landkreis München auf dunkelrot und es gelten strengere Schutzmaßnahmen
  • In der Gastronomie und im Handel wächst die Sorge
Die Coronaregeln für den Herbst.

Maske tragen, Hände desinfizieren, Abstand halten – natürlich steht Christian Felzmann hinter allen Maßnahmen, die dem Schutz der Gesundheit dienen. Auch in seinem Schuhhaus Felzmann an der Münchner Straße in Unterhaching weist man auf die Notwendigkeit des Mund-Nasen-Schutzes hin. Doch einen zweiten Lockdown? „Nur wenn er absolut notwendig, gut durchdacht ist und auch nicht so lange dauert wie im Frühjahr“, sagt Felzmann, der mehrere Schuhläden betreibt. Denn: Die Schließung vom Frühjahr „beschäftigt uns wirtschaftlich nach wie vor“. Auch wenn die Kunden danach wieder gekommen seien. Und gerade dem Geschäft in Unterhaching komme zugute, dass die Leute derzeit nicht gerne in die Innenstadt fahren und hier vor der Tür parken können. „Bei unseren Läden in den großen Einkaufszentren sieht das anders aus“, so Felzmann.

Göbel fordert einheitliche Regelungen auf Landes- oder sogar Bundesebene

Die Freude an einem Einkaufsbummel dürfte bei vielen angesichts der weiterhin steigenden Zahlen zunehmend schrumpfen: Zum Wochenstart hat auch der Landkreis München die kritische Schwelle von 100 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern in sieben Tagen durchbrochen. Die Corona-Ampel der Bayerischen Staatsregierung steht somit auch für den Landkreis München auf dunkelrot. 105,3 – diesen Wert für die 7-Tage-Inzidenz schrieb Landrat Christoph Göbel (CSU) am Montagmorgen auf seiner Facebook-Seite über die Corona-Übersichtskarte des Robert Koch-Instituts. Auf den Kommentar eines Seitenbesuchers, dass doch einiges für einen schnellen, harten und kurzen Lockdown spreche, kommentierte Göbel, er sehe das genauso. „Wir werden da nicht drum herum kommen.“ Das müsse aber mindestens auf Landes- wenn nicht Bundesebene geregelt werden. Zunächst aber greifen die verschärften Regeln, die ab einem 7-Tage-Inzidenzwert von 100 gelten (s. Grafik), wonach unter anderem bei öffentlichen Veranstaltungen nur noch 50 Teilnehmer zugelassen sind und die Gastronomie bereits um 21 Uhr wieder Sperrstunde machen muss.

Man versucht es mit den gleichen hilflosen Konzepte wie im Frühjahr.

Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes 

„Ich verstehe überhaupt nicht, warum man jetzt wieder bei den Gastronomen ansetzt“, ärgert sich Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes und selbst Geschäftsführerin vom Brauereigasthof Aying. „Ich halte das für einen Wahnsinn.“ Denn was passiere, wenn um 21 Uhr Sperrstunde ist? „Die Leute feiern dann eben zuhause.“ Und da sei es viel schwieriger, Abstand zu halten. Mühsam habe man aufwendige Hygienekonzepte erarbeitet, die auch gut funktionierten. „Sogar Herr Wieler vom Robert-Koch-Institut hat gesagt, es gebe in unserer Branche keine große Infektionsgefahr“, so Inselkammer. „Was sollen wir denn noch machen?“ Für die Wirte sei es sehr schwer. „Im Frühjahr wussten zumindest alle, es kommt jetzt dann der Sommer, die Urlaubszeit, in der es wieder bergauf geht, aber jetzt steht der Winter bevor.“ Alle seien etwas mutlos. Was sie auch ärgert: Statt sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen, würden Entscheidungen einfach wieder von oben herab getroffen. Dabei gebe es viele weitere Ideen, um die Vorschriften umzusetzen und niemanden einem Gesundheitsrisiko auszusetzen. „Bei uns fand vor einigen Wochen eine Hochzeit mit 47 Leuten statt“, erzählt Angela Inselkammer. Da hätten sich alle Gäste vor der Hochzeit auf eine mögliche Corona-Infektion testen lassen. „So konnten sie dann ganz beruhigt gemeinsam Hochzeit feiern.“ Doch statt neue Ansätze zu suchen, versuche man der Pandemie mit den „gleichen hilflosen Konzepten wie im Frühjahr“ beizukommen, beklagt sie.

Mit dem Herbst kehrt für Günther Eder (Mitte), Betreiber der Pizzeria Sapori in Unterschleißheim, die Unsicherheit zurück.

Mit dem Herbst kehrt auch für Günther Eder die Unsicherheit zurück. Im Sommer hatte sich sein Restaurant, die Pizzeria Sapori in Unterschleißheim, gut vom Lockdown im Frühjahr erholt. Doch die Sperrstunde sorgt nun erneut für schwere Umsatzeinbußen: „Welche Gäste kommen um 20 Uhr zum Essen, wenn sie eine Stunde später schon wieder gehen müssen?“ Eder spürt die schärferen Regeln ganz unmittelbar: „Ich habe kaum Reservierungen.“ Bricht jetzt das wichtige Weihnachtsgeschäft weg, ginge es für viele Restaurants ums Überleben, glaubt er. Auch er sucht neue Geschäftszweige: Er bietet nun einen Lieferdienst an. Doch das könne die Verluste nicht ausgleichen. Die ungewisse Personalplanung mache ihm zunehmend zu schaffen: „Ich habe 16 Gehälter zu zahlen – und ich plane von Woche zu Woche.“ Kurzarbeitergeld sei auf Dauer keine Option. 

Gewerbeverbände befürchten das Schlimmste

Auch beim Gewerbeverband Unterhaching beobachtet man die aktuelle Entwicklung mit Sorge. „Ein zweiter Lockdown wäre für viele eine Katastrophe, gerade für die kleineren Betriebe, wo ganze Familien dranhängen“, sagt die Vorsitzende Susanne Röder. Den ersten Lockdown hätten noch alle überlebt. Der Gewerbeverband hatte für die lokalen Unternehmen eine eigene Internetseite eingerichtet, wo sie ihre Angebote präsentieren konnten. „Und die Bürger sind ihren Geschäften treu geblieben“, sagt Röder. Doch nun hofft man sehr, dass es nicht noch einmal einen solchen Lockdown wie im Frühjahr gebe. „Alle gehen sehr bewusst mit der Situation um und haben gute Hygienekonzepte“, sagt Röder. „Jetzt kann man nur hoffen.“

Salvatore Disanto vom Gewerbeverband in Garching hält das Szenario eines zweiten Lockdowns für immer wahrscheinlicher. Er glaubt: „Das würde die Situation deutlich verschärfen.“

Im Buchladen läuft das Geschäft noch

Einige Gewerbetreibende sind bisher noch nicht so stark gebeutelt. Der Buchladen „Art und Weise“ in Unterschleißheim verkaufe weiter Kochbücher, Romane und Adventskalender, meint Mitarbeiterin Luzie Wolejnik. Das Weihnachtsgeschäft sei dieses Jahr schon etwas früher angelaufen. Aber was passiert, wenn ein erneuter Lockdown käme? „Natürlich macht uns das Sorgen, dann müssen wir wieder auf Liefern umsteigen.“ Als sie im Frühjahr den Laden schließen mussten, fuhr Wolejnik die Bestellungen kurherhand mit einem Vespa-Roller aus. Die Pandemie fordere eben Flexibilität.

Landrat appelliert an Vernunft der Bürger

Landrat Christoph Göbel appellierte erneut an die Bürger, sich strikt an die Regelungen zu halten. „Auch, wenn unser Gesundheitssystem dem Ausbruchsgeschehen momentan noch gewachsen ist und die Zahl der Intensivbetten ausreicht, dürfen wir dies nicht leichtfertig aufs Spiel setzen“, warnt Göbel. „Es geht um unser aller Gesundheit und ganz besonders um die älterer und vorerkrankter Menschen.“

Julian Limmer und Doris Richter

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