Siegfried Krupka mit seiner Frau Brigitte. Sie ist mittlerweile verstorben.
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Siegfried Krupka mit seiner Frau Brigitte. Sie ist mittlerweile verstorben.
Rund 80 Zuhörer sind gekommen. Darunter Sonja Lehnert, Seniorenbeauftragte der Stadt Unterschleißheim. Sie bot sich als Mittlerin zwischen Angehörigen und Heim an. 
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Rund 80 Zuhörer sind gekommen. Darunter Sonja Lehnert, Seniorenbeauftragte der Stadt Unterschleißheim. Sie bot sich als Mittlerin zwischen Angehörigen und Heim an.  
Siegfried Krupka (l.) im Gespräch mit Brigitte Scholle und Claus Fussek.
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Siegfried Krupka (l.) im Gespräch mit Brigitte Scholle und Claus Fussek.
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Rund 80 Zuhörer kommen. Darunter Sonja Lehnert, Seniorenbeauftragte der Stadt Unterschleißheim. Sie bot sich als Mittlerin zwischen Angehörigen und Heim an. Fotos: Michalek (2) 

Experte Claus Fussek 

Frühwarnsystem im Pflegeheim hat versagt

Die Pflegemängel im Haus am Valentinspark Unterschleißheim standen im Brennpunkt des Themenabends Pflege in Oberschleißheim. Der Sozialverband VdK hatte dazu Pflegekritiker Claus Fussek (64) als Experten zu Gast.

Oberschleißheim – Mit so viel Resonanz hatte VdK-Sprecherin Brigitte Scholle nicht gerechnet. Bei rund 80 Zuhörern geriet der kleine Saal im Bürgerhaus fast aus den Fugen. „Das ist ein sehr guter Anfang“, rief Claus Fussek ins Publikum: „Wir brauchen ein gesamtgesellschaftliches Bündnis für Ober- und Unterschleißheim mit guten, engagierten Pflegekräften und kreativen Lösungen.“

Dabei solle man meinen, dass Deutschlands bekanntesten Pflegekritiker nach 30 Jahren in der Branche kaum noch etwas berühren sollte – auch ein voller Saal nicht. Den Tränen nahe, erzählte er von einer 90-Jährigen, die dankbar war, nicht eine Stunde auf den Pfleger warten zu müssen, der sie aufs Klo begleiten sollte. Erlebnisse aus Deutschlands Heimen, die dem 64-Jährigen noch immer an die Nieren gehen: „Ich schäme mich!“ rief Fussek, „schäme mich als Mitglied dieser Gesellschaft.“ Wobei sein Fallbeispiel sich nicht auf das Haus am Valentinspark bezogen hat. Dort hatte der Medizinische Dienst der Krankenkassen im Bereich Pfele die schlchte Note 3,6 vergeben. Woraufhin das Heim mit rund 170 Bewohnern freiwillig einen vorübergehenden Aufnahmestopp erlassen hat. Der sei mittlerweile wieder aufgehoben, sagte Fussek.

Zufriedene Pflegekräfte bedeuten zufriedene Patienten

Im gesamten Pflegesektor sieht sich der diplomierte Sozialpädagoge Fussek einer „Kultur des Schweigens“ gegenüber: Angehörige und Pfleger nahm er nicht aus der Verantwortung. In Haus am Valentinspark in Unterschleißheim habe das Frühwarnsystem versagt,erklärte Fussek (siehe Interview unten): Ein hoher Krankenstand. Eine auffällige Fluktuation beim Personal. Pflegekräfte, die Angst hätten, sich an die Heimleitung zu wenden – alles Hinweise, das in dem Heim etwas nicht stimme. „Dabei ist es doch so einfach: Zufriedene Pflegekräfte bedeuten zufriedene Patienten, bedeuten zufriedene Angehörige.“

Verständnis für überlastetes Personal 

Fussek äußerte generell Verständnis für überlastetes Personal. Zwei Pfleger auf 30 Senioren, das könne nicht funktionieren. „Aber wenn Ihr überlastet seid, dann fälscht die Dokumentation nicht. Das ist kriminell!“ Fussek berichtete von zahllosen Fällen – nicht bezogen auf den konkreten Fall in Unterschleißheim – da Pfleger in der vom Medizinischen Dienst der Kassen (MDK) geforderten Dokumentation des Arbeitstags vortäuschten, Senioren versorgt zu haben, in Wahrheit dazu gar nicht in der Lage waren. Fussek erzählte von Senioren, die nichts zu trinken bekommen, die mit Psychopharmaka ruhig gestellt, tagelang in ihren Betten liegen. „Stellen Sie sich vor: Tagelang die Decke anstarren.“ Im Gefängnis würde so etwas als Folter bezeichnet. „Im Heim heißt es: Geht halt nicht anders.“

Pflegekräfte müssten sich stärker organisieren

Zwei Drittel seiner Informationen bezieht Fussek von Pflegekräften. Obwohl der Job krisenfest sei, wollten neun von zehn Pflegern anonym bleiben. Das wundert ihn; denn gute Pflegekräfte würden überall mit Handkuss genommen. Ihn wundert, dass nur zehn Prozent der Pfleger organisiert seien. Täten Pflegekräfte sich zusammen, möglichst mit Angehörigen, sie wären mächtiger als Piloten oder Lokomotivführer, sagt Fussek: „Sie könnten das Land lahm legen!“

Gerade für Ober- und Unterschleißheim fordert Fussek eine Solidarisierung ein. Die Kommunalpolitik dürfe hierbei nicht außen vor bleiben. „Fragen Sie Ihren Bürgermeister, Ihren Stadt- oder Gemeinderat, ob er unter solchen Bedingungen seinen Lebensabend verbringen mag.“ Im Haus am Valentinspark müsse ein neuer Anfang gesucht werden. Bürger und Politiker sollten sich beteiligen: „Gehen Sie mal in der Nacht oder am Wochenende auf Station, zeigen Sie, dass sich jemand interessiert.“

Dem Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Träger des Haus am Valentinspark, empfahl er, den bestmöglichen Heimleiter zu holen. Die Seniorenbeauftragte der Stadt Unterschleißheim, Sonja Lehnert, die beim Diskussionsabend war, bot sich als Mittlerin zwischen Angehörigen und Heim an.

„Das ist ein verdamt harter Job“: Interview mit Claus Fussek

Pflegekritiker Claus Fussek (64) und Siegfried Krupka (72), der sich schon vorher im Münchner Merkur kritisch über die Zustände im Haus am Valentinspark geäußert hat, sprechen über den Pflegenotstand in Deutschland im Allgemeinen und die Mängel in Unterschleißheim im Besonderen. Siegfried Krupkas pflegebedürftige Ehefrau Brigitte (71) ist im Heim verstorben, an den Folgen ihrer Krankheit. 

Wie erklärt sich der Qualitätsverlust im „Haus am Valentinspark“?

Claus Fussek: So was passiert nicht von Heute auf Morgen. Zu wenig Personal, sinkende Moral – wenn die Heimleitung die Alarmzeichen übersieht, geht es den Bach runter. Gute Heime haben Frühwarnsysteme, haben zufriedenes, angstfreies Personal, das Überlastung anzeigt. Gute Heime übrigens informieren in solchen Fällen auch die Angehörigen. 

Krupka: Die Heimleitung hat das vielleicht unterschätzt. Mehrfach habe ich auf Missstände hingewiesen. Man hat mir gesagt: Erzählen Sie uns nichts. Wir haben genug Luft.

Herr Krupka, Sie haben sich sehr fair den Pflegekräften im Haus am Valentinspark gegenüber geäußert. Woran hat es denn gemangelt?

Krupka: Zeitweise musste ich die Nachbarschaftshilfe bitten, einzuspringen, damit meine Frau zu Essen bekam. Meine Frau hat sehr langsam gegessen. Keiner hatte Zeit, sich auch nur eine Stunde zu ihr zu setzen.

Herr Fussek, warum behandelt die Gesellschaft in Deutschland ihre Alten so schlecht? Fussek: Es ist nicht nachzuvollziehen. Alle wissen Bescheid, jeden betrifft es irgendwann. Ich kann mir das nur so erklären: Im Alter werden auch alte Rechnungen beglichen. Nicht jedes Kind ist von den Eltern gut behandelt worden. Dann gibt es die Erben, die an Omas Eigenheim und die hohen Pflegekosten denken. Viele halten einfach den Mund, weil sie Repressalien für die Angehörigen fürchten. Das erlebe ich immer wieder.

Herr Krupka, hatten Sie den Eindruck, im „Haus am Valentinspark“ als Angehöriger oder als Querulant behandelt worden zu sein?

Krupka: Letztes Jahr ist mir angetragen worden, mich für den Heimbeirat zu bewerben. Daraus wurde nichts. Die Heimleitung hat mich auf die Schweigepflicht hingewiesen. Ich aber sehe es als mein Recht, mich auch öffentlich über Missstände zu äußern. Ich hatte Riesenglück, dass der Münchner Merkur reagiert hat. Ich habe schon den Eindruck, damit etwas bewegt zu haben.

Woran erkennt man ein gutes Heim?

Fussek: Fragen Sie nach Beschwerden. Gibt es keine, dann stimmt etwas nicht. Schauen Sie sich die Personaldichte an. Und ich meine nicht die Zahlen auf dem Personalplan. In guten Heimen kennt der Koch die Lieblingsgerichte der Bewohner, der Heimleiter weiß um ihre Hobbys. Gute Heime pflegen ihr Personal, begleiten es seelsorgerisch und psychologisch. Es gibt Fortbildungen, Supervisionen und bei Bedarf eine Auszeit. Das ist nämlich ein verdammt harter Job.

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