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Kein Zutritt für den Helferkreis. Renate Wolff (73) bedauert dies sehr, nicht einmal verabschieden durfte sie sich von ihren Schützlingen, die sie 1,5 Jahre begleitet hat.

Landratsamt räumt Unterkunft am ehemaligen EADS-Gelände 

Flüchtlinge umgesiedelt - Helfer ausgesperrt

Unterschleißheim/ Unterhaching - Bittere Szenen haben sich heute morgen bei der Räumung der Flüchtlingsunterkunft auf dem künftigen Business-Campus in Unterschleißheim abgespielt. 180 Flüchtlinge holte das Landratsamt dort ab, um sie in die Traglufthalle nach Unterhaching umzuquartieren. Helfer durften sich nicht von Flüchtlingen verabschieden.

Mehrere Reisebusse sind an der Landshuter Straße vorgefahren: 230 männliche Asylbewerber warten mit gepackten Taschen. Sie müssen die Container verlassen, weil der Mietvertrag des Landratsamts ausläuft. Die Security verweigerte Helfern den Zutritt. Die Polizei, die vom Landratsamt um Amtshilfe gebeten worden war, begleitete die Räumung, blieb aber im Hintergrund. 

„Unendlich traurig“ findet Flüchtlingshelferin Renate Wolff das Vorgehen des Landratsamts. Die Security ließ die 73-jährige Unterschleißheimerin nicht auf das Gelände, als sie sich von den jungen Männern verabschieden wollte, für die sie 16 Monate da war. 

Etwa 50 der 230 Asylbewerber haben in Unterschleißheim einen Platz gefunden. Sie wurden vom ersten Bus gegen 9 Uhr abgeholt und auf andere Unterkünfte verteilt. „Es sind Männer, die besonderen Integrationswillen gezeigt haben oder für die aufgrund von Krankheit die Nähe zu den Ärzten vor Ort besonders wichtig ist“, erklärt Astrid Herrmann, die bei der Caritas für die Asylsozialarbeit Alveni im Landkreis München zuständig ist. 

Die anderen 180 Männer werden in die Doppel-Traglufthalle an der Biberger Straße in Unterhaching einquartiert. „Die Stimmung war so weit ruhig. Proteste gab es nicht“, sagt Christina Walzner, Pressesprecherin des Landratsamtes. Sie räumt ein, dass die Umzugsbescheide erst am 30. Dezember, also kurzfristig, ausgehändigt wurden. Lange habe das Landratsamt versucht, den Mietvertrag auf dem ehemaligen EADS-Gelände bis Februar oder März zu verlängern. Das sei leider nicht möglich gewesen. Feste Unterkünfte vor Ort hätten aufgrund des zwischenzeitlichen Planungsstopps der Regierung von Oberbayern nicht rechtzeitig realisiert werden können. 

„Unsere Arbeit als Helfer ist umsonst gewesen.“

Den Abschied der Flüchtlinge aus Unterschleißheim erlebt Helferin Renate Wolff sehr dramatisch: „Viele Männer sind verzweifelt, und ich als Helferin bin hilflos und kann eigentlich nur noch wütend sein“, sagt die 73-Jährige. „Die Flüchtlinge, die Arbeit gefunden haben, Praktika antreten wollen, Deutschkurse besuchen und zum Teil in den nächsten Wochen ihre Sprachprüfung absolvieren möchten, sollen sehen, wie sie das von Unterhaching aus schaffen.“ 

Sie sieht die Integrationsarbeit gefährdet: „Unsere Arbeit als Helfer ist nicht nur ein unentgeltlicher Dienst, sondern auch noch umsonst gewesen.“ Das Engagement für eine gesellschaftliche Aufgabe werde zunichte gemacht, sie kritisiert die mangelnde Einbindung der Helfer. „Der Versuch, unsere Demokratie zu stärken und unserem Land bei der schweren Aufgabe der Integration zu helfen, wird der Lächerlichkeit preisgegeben.“ Dabei gebe es durchaus große Erfolge: „Viele haben die Sprachprüfungen A1 und A2 bestanden, einige haben B1 absolviert, einer sogar B2, das ist die Voraussetzung für ein Studium.“

Ihre Sorge ist, dass die Stimmung unter den Asylbewerbern umschlägt: „Man darf sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn sich unter den angespannten Umständen die Aggression entlädt.“ Die Security hätte in den Tagen vor der Räumung schon Probleme gehabt. 

Landratsamt und Caritas: Unterbringung war von Anfang an befristet

Die Betroffenheit der Helfer kann Astrid Herrmann vom Caritas-Sozialdienst für Flüchtlinge nachvollziehen. Aber den Vorwurf mangelnder Information weist sie zurück: „Es war immer klar, dass die Unterkunft Ende des Jahres geräumt werden muss.“ Allerdings versteht sie den Frust der Helfer: „Die Asylbewerber, die vier Monate in der FOS-BOS-Turnhalle untergebracht waren, hatten einen unglücklichen Start, und es geht unglücklich weiter.“ Christina Walzner sagt, dass das Landratsamt zur Zeit wieder einen „Engpass“ bei der Unterbringung der Asylbewerber erlebe. „Es gibt einfach wenig freien Wohnraum.“ Sobald es die winterlichen Temperaturen ermöglichen, würden die Bauprojekte weiter vorangetrieben: „Ich hoffe, dass es bald gelingt, eine Anschlussunterbringung zu organisieren.“

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