Respekt, Mut, Zurückhaltung: Die Afghanin Lina unterrichtete junge Mädchen in Judo. Sie gründete die erste Schule dieser Art in Kabul, sagt Christian Zeilermeier. 
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Respekt, Mut, Zurückhaltung: Die Afghanin Lina unterrichtete junge Mädchen in Judo. Sie gründete die erste Schule dieser Art in Kabul, sagt Christian Zeilermeier. 

Ihr Ehemann musste zurückbleiben

40 Telefonate und eine Lüge: Oberbayer rettet Judoka Lina vor den Taliban - in Kabul kämpfte sie für Frauenrechte

  • Max Wochinger
    VonMax Wochinger
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Christian Zeilermeier aus Unterschleißheim hat das Unmögliche wahr gemacht: Er hat zusammen mit anderen Helfern eine befreundete Afghanin aus Kabul nach Deutschland gebracht. Sie alle verbindet ein Sport: Judo.

Unterschleißheim – Und plötzlich hat Christian Zeilermeier einen Bundeswehrsoldaten am Apparat. Er im Chaos am Flughafen in Kabul, Zeilermeier beim Morgenkaffee in Unterschleißheim. Maschinenpistolenschüsse rattern durchs Telefon, im Hintergrund Schreie und Hektik. Der Soldat meldet sich mit „Deutsche Bundeswehr Kabul“. Seine Judo-Bekannte Lina darf nicht mit der Bundeswehrmaschine ausreisen, sagt der Soldat dem Unterschleißheimer, die vorgelegten Dokumente sind nicht ausreichend. Zeilermeier rutscht das Herz in die Hose. Es geht jetzt um alles. Um das Leben seiner Bekannten aus Afghanistan. In so einer Situation muss man pokern, wird Zeilermeier später sagen. Er lügt den Soldaten an: Es gibt eine Ausnahmegenehmigung für Lina, in ein paar Stunden wird der Soldat sie haben. Das Dokument gibt es nicht. Bis es eintrifft, solle sie im gesicherten Bereich im Flughafen warten. Zeilermeier und der Soldat einigen sich. Es ist der 20. August. Die Uhrzeiger in Unterschleißheim stehen jetzt auf 7 Uhr. Für Zeilermeiler, 48, beginnt einer der aufregendsten Tage seines Lebens.

Rettung vor den Taliban: Afghanin hatte in Kabul Judoschule gegründet

Lina, ihr Name wurde zum Schutz ihrer afghanischen Familie geändert, stand schon länger in Kontakt mit Zeilermeiers Judo-Club, den Sportfreunden Harteck in München. Die Afghanin hatte in Kabul eine Judoschule für Mädchen und Frauen gegründet. Lina sollte im vergangenen Jahr zu einer Judo-Sommerschule nach Deutschland reisen. Wegen einer fehlenden Corona-Schutzimpfung war die Reise geplatzt. Die junge Aktivistin setzte sich zudem für Frauenrechte in ihrer Heimat ein. „Die Taliban kennen mich“, sagt sie in einem Interview mit Judo-Sportlern. Am 12. August bekommt Zeilermeier einen Hilferuf von Lina. Die islam-extremistischen Taliban stehen kurz vor der Machtübernahme. Die engagierte Frau will nur noch weg.

Er ist der Retter in Weiß: Christian Zeilermeier aus Unterschleißheim

Lina bekommt vom einflussreichen „Internationalen Judo Bund“ ein Flugticket nach Pakistan, erzählt Zeilermeier. Zivile Flugzeuge starten aber nicht mehr in Kabul. Sie versucht es zu Fuß über die Grenze nach Pakistan. Der Fluchtversuch scheitert.

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Rettung von Judoka aus Kabul: 40 Telefonate bis zur Erlösung aus Afghanistan

Am 20. August, Kabul ist mittlerweile an die Taliban gefallen, internationale Truppen fliegen Bürger und Ortskräfte aus, steht Lina im militärischen Teil des chaotischen Flughafens. Die amerikanischen Soldaten lassen sie durch die Kontrolle, sie hat ein Dokument des Deutschen Judo-Bunds vorgezeigt. Bei den deutschen Soldaten scheitert Lina. Lina hat noch eine Option: Sie wählt die Mobilnummer von Christian Zeilermeier. Und gibt ihr Handy dem deutschen Soldaten vor ihr. „Mir war klar, es gibt nur diese eine Chance“, sagt Zeilermeier nun zwei Wochen später.

Der Soldat sagt Zeilermeier, dass Lina eine Einzelfall-Entscheidung des Auswärtigen Amts in Berlin brauche. Der Sportler ruft alle Bekannte an, die ihm weiterhelfen könnten. Er schickt Ausweiskopien durchs Internet, leitet Dokumente weiter, versucht den Krisenstab des Auswärtigen Amts zu erreichen.

Der Wirtschaftsjurist kontaktiert Landtagsabgeordnete, Stadträte in Unterschleißheim, sie wiederum rufen Freunde im politischen Berlin an. Am Ende des Tages wird Zeilermeier rund 40 Telefonate geführt sowie unzählige E-Mails und Nachrichten versendet haben.

Nach Rettung aus Afghanistan: Lina ist jetzt in einer Erstaufnahme-Einrichtung

Irgendwann klappt es: Ein Judo-Freund von Zeilermeier in Berlin kontaktiert eine offenbar einflussreiche Person. Die sorgt dafür, dass Lina auf die Passagierliste des Flugzeugs in Kabul kommt, sagt der Judo-Sportler. Mehr verrät er nicht – aus Schutz vor beruflichen Konsequenzen für den Helfer. Mittlerweile funktioniert das Mobilfunknetz am Kabuler Flughafen nicht mehr, Lina ist nicht erreichbar. Zeilermeier probiert es wieder, kein Zeichen. Er weiß nicht, ob es Lina ins Flugzeug geschafft hat oder doch noch in Kabul steht.

Am folgenden Morgen bekommt Zeilermeier eine Nachricht von Lina: Sie ist in Frankfurt. Sie erzählt später, dass sie in Kabul ihre Schuhe verloren hatte. Sie ist deshalb ohne Schuhe in die Bundesrepublik eingereist.

Lina ist mittlerweile in einer Erstaufnahme-Einrichtung in Brandenburg. Der Judo-Bund bemüht sich gerade um eine Bleibe am Olympiastützpunkt in Potsdam für Lina. Dort soll sie machen, was sie schon immer gemacht hat: Judo. Zeilermeiler ist natürlich glücklich über Linas Rettung. Nur, die amerikanischen Soldaten hatten Linas Ehemann nicht durch die Kontrolle gelassen. Er harrt immer noch in Kabul aus. Seine schwangere Frau Lina lebt jetzt in Deutschland.

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