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Lebt von seinen Büchern: Arnold Thünker weigert sich (noch), den Buchladen im IAZ an den Investor zu verkaufen, den er mit seiner Lebensgefährtin betreibt. Neben Thünker gibt es nur noch zwei andere Eigentümer.

Im Interview

Der letzte Rebell im IAZ

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Die Immobilien-Firma „Rock Capitol“ hat sich so gut wie alle Anteile am Isar-Amper-Einkaufszentrum gesichert. Lediglich drei Eigentümer sträuben sich noch gegen einen Verkauf. Einer von ihnen: Arnold Thünker. Er sagt: „Es geht hier um unsere Existenz.“

Unterschleißheim – Mit 64 von ursprünglich 67 Eigentümern hat sich der Grünwalder Immobilien-Investor „Rock Capitol“ über einen Verkauf ihrer Anteile am Isar-Amper-Einkaufszentrum (IAZ) geeinigt. Mit den Plänen für das sanierungsbedürftige Center in Unterschleißheim hält der Investor allerdings noch hinterm Berg, bis er alleiniger Eigentümer ist. Auch deshalb sträuben sich die verbliebenen drei Eigentümer zu verkaufen. Einer von ihnen ist Arnold Thünker. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Maria Greindl betreibt er auf 120 Quadratmetern die Buchhandlung im Erdgeschoss des IAZ. Die Ungewissheit über die persönliche und berufliche Zukunft plagen den 58-Jährigen. Kürzlich übergab Thünker daher eine Liste mit über 1400 Unterschriften an Bürgermeister Christoph Böck . Die Forderung: endlich Klarheit über die Investor-Pläne. Im Interview spricht Thünker über Existenzängste, fehlende Transparenz und Druck aus dem Rathaus.

Herr Thünker, was erhoffen Sie sich von der Unterschriftenaktion?

Arnold Thünker: Die Unterschriften sollten eigentlich nur ein Türöffner sein. Die Aktion diente im Grunde dazu, dass die Stadt – und der Bürgermeister allen voran – öffentlich erklärt, was sie vor hat. Die Aussage dazu war: Wir können nichts sagen, solange der Investor nicht 100 Prozent der Anteile hält. Und das ist eine Aussage, mit der ich absolut unzufrieden bin. Das kann ich nicht akzeptieren – als Bürger und Geschäftsinhaber. Aber Sie sehen ja: Die Lawine ist losgetreten, und die Bürger machen Druck.

Sie sind immerhin einer der Gründe, warum der Investor bisher nicht alle Anteile hält. Warum sträuben Sie sich?

Thünker: Der Preis stimmt bei Weitem nicht. Wir haben eine gute Quadratmeterzahl, die wir zum im Landkreis üblichen Marktpreis verkaufen wollen. Dann aber haben wir noch immer keine Existenz-Aussichten. Es kann nicht sein, dass man zwölf Jahre ununterbrochen arbeitet und dann kommt jemand und sagt: Ich zahle dir nur den Preis, sonst rede ich nicht mehr mit dir.

Wie weit liegen das Angebot und Ihre Vorstellung auseinander?

Thünker: Über konkrete Zahlen spreche ich bewusst nicht in der Öffentlichkeit, aber im Grunde stellt sich doch die Frage der Existenz. Wenn wir alles neu aufbauen müssen, brauchen wir mit so einem großen Lager, wie wir es derzeit haben, eine entsprechende Quadratmeterzahl. Das ist ein ganzer Rattenschwanz, den das nach sich zieht. Mal ganz abgesehen davon, dass man erst einmal einen solchen Laden finden muss. Und in der Zwischenzeit muss unsere Familie ja auch von etwas leben. Dieser Laden ist unsere Existenzgrundlage. Wenn ich anderthalb Jahre überbrücken muss, erwarte ich, dass uns das der Investor bezahlt.

Apropos Übergang: Rock Capital würde Ihnen als Interimslösung Räumlichkeiten zur Verfügung stellen.

Thünker: Richtig. Uns wurde angeboten, während der Bauarbeiten in den Laden direkt hier gegenüber zu ziehen. Das wäre aber direkt an der Baugrenze. Da wären anderthalb Meter Platz zum Bauzaun. Da kommt man nicht einmal mehr mit dem Kinderwagen durch. Eine Baustelle vor der Ladentür – rein praktisch ist das doch Mist. Zudem haben wir für die Zukunft sonst keinerlei Garantien. Nur die vage Investor-Aussage, wir würden irgendwo im neuen Center 80 Quadratmeter bekommen. Das ist nicht akzeptabel. Ich bin gerne bereit, über Übergangsvarianten zu reden – aber nicht in Verbindung mit und in Abhängigkeit von diesem Investor.

Sondern?

Schandfleck in bester Lage: Das IAZ am Rathausplatz galt in den 1980er-Jahren als eines der modernsten Einkaufszentren. Heute hat es seinen Charme verloren.

Thünker: Ich will selbstständig über meine Zukunft und mein Geschäft entscheiden. Von mir aus ziehe ich in ein paar Container auf einem Parkplatz. Aber dafür muss ich eine Aussicht haben. Und dazu gehört auch, dass man mir sagt, was passiert. Was ist, wenn ich vier Jahre lang in einem Container stehe, und der Investor dann aus irgendwelchen Gründen sagt: Ich kann das Projekt doch nicht realisieren. Dann stehen wir in unserer Buchhandlung und haben nichts.

Ihre Zukunft sehen Sie allen Querelen zum Trotz dennoch weiterhin in Unterschleißheim?

Thünker: Wir würden sehr gerne in Unterschleißheim bleiben, gerne auch als Teil des neuen Centers. Den Standort möchten wir nicht aufgeben. Wir haben vor Kurzem sogar an einen Ausbau gedacht, haben mit den Gedanken gespielt, ein Büchercafé zu eröffnen. Wir leben gerne in Unterschleißheim, nicht nur als Buchhändler. Wie gesagt: Unsere Zukunft sehen wir hier, würden sie auch gerne mitgestalten. Dazu müssen aber offene Gespräche geführt werden.

Wie liefen die bisherigen Gespräche mit „Rock Capital“?

Thünker: Zuerst gab es ein schriftliches Angebot von „Rock Capital“, dann folgte ein Gespräch, das der Bürgermeister moderierte. Entgegen der Abmachung, dass von jeder Partei ein Gesprächspartner erscheint, war „Rock Capital“ mit zwei Vertretern anwesend. Wir haben das Gespräch trotzdem geführt, um die Sache in Bewegung zu halten.

Die Verhandlungen ziehen sich schon eine ganze Weile hin. Haben Sie von irgendeiner Seite mittlerweile Druck bekommen, um sie zum Verkauf zu drängen?

Thünker: Unsere Kunden geben uns ein eindeutiges Signal: „Haltet durch“. Ich merke auch, dass immer öfter Leute hierher kommen, die noch nie in unserer Buchhandlung waren und die fragen: „Was ist los? Wie lange könnt ihr noch?“

Viel Zuspruch also aus der Bevölkerung. Was ist mit dem Investor und der Stadt? Machen die Druck?

Thünker: Der eigentliche Druck kommt aus dem Rathaus, endlich eine Entscheidung zu treffen und während des Übergangs im Sinne der Stadt zurückzutreten. Aber unsere Haltung bleibt: Ein Kaufvertrag zu unseren Bedingungen, dann verkaufen wir – und suchen für die Zeit des Umbaus nach einer Übergangslösung hier in Unterschleißheim. Nach einer, mit der wir aber überleben können. Sonst unterschreiben wir ja unser Todesurteil.

Mehr Transparenz seitens des Investors würde demnach helfen?

Thünker: Die Transparenz ist doch völlig dahin. Wir haben keine Ahnung, was „Rock Captial“ vorhat und wer sie überhaupt sind. Und ich kann nicht mit Leuten verhandeln, die mir einen Apfel und ein Ei bieten, und nur sagen: Wir sind erst bereit zu sagen, was wir konkret planen, wenn uns 100 Prozent gehören. Wie soll man zu solchen Leuten Vertrauen haben?

Der Investor präferiert einen Neubau. Ihre Meinung dazu?

Thünker: Wir müssen zuerst überlegen: Was verträgt die Stadt überhaupt? Was haben wir davon, wenn hier ein wunderschöner Glaspalast steht, aber keiner mehr die Miete bezahlen kann. Eines ist mir an dieser Stelle aber wichtig. Mir geht es nicht darum, irgendetwas zu blockieren. Ich möchte lediglich wissen, dass meine Familie, egal was passiert, auf dieser Grundlage sicher leben kann. Wir sind bereit mitzumachen, wenn wir wissen, was passiert. Aber nicht ins Blaue hinein.

Wie lange halten Sie noch durch, sowohl finanziell als auch psychisch?

Thünker: Wir werden solange hier drin bleiben, bis wir zu einer Einigung kommen. Und wenn der Strom abgeschaltet wird, dann hole ich mir einen Generator und stelle den auf den Rathausplatz. Genug zu lesen habe ich ja. Noch mal: Es geht hier nicht nur um Grund und Boden, es geht um unsere Existenz. Und wenn sie uns die weg nehmen, müssen sie dafür bezahlen. Punkt.

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