Statistiken über das Alter der Zwangsarbeiterinnen hat ein Buchhalter in diesem Buch festgehalten.
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„Extrem aufschlussreich“: Statistiken über das Alter der Zwangsarbeiterinnen hat ein Buchhalter in diesem Buch festgehalten, das ein Unterschleißheimer im Keller fand.

Buch über Zwangsarbeiterinnen in Lohhof im Keller gefunden

Neue Einblicke ins Grauen der Flachsröste

  • Charlotte Borst
    vonCharlotte Borst
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Unterschleißheim – Ein Büchlein aus dem Jahr 1944 hat ein Herr aus Unterschleißheim in seinem Keller gefunden und im Rathaus bei Bürgermeister Christoph Böck abgegeben. Es handelt sich um eine Betriebschronik, sie enthält aufschlussreiche Daten zur Zwangsarbeit in der Flachsröste.

Der Herr, der das Büchlein dem Unterschleißheimer Stadtarchiv zur Verfügung stellte, ist ein Angehöriger eines damaligen Buchhalters der Flachsröste. Er fand die Betriebschronik in einem Karton im Keller seines Hauses. Auf den Seiten zwischen zwei Pappdeckeln ist die Belegschaft von 1944 aufgeführt: 118 ausländische Zwangsarbeiterinnen leisteten noch kurz vor Kriegsende schwerste körperliche Arbeit. Sie wurden vor allem aus der Ukraine zur Deckung der Arbeitskräfte für das Deutsche Reich deportiert, aber auch aus Polen, Italien und anderen Ländern.

Kontinuierlicher Austausch mit Münchner Stadtarchiv

Immer neue Namen und Biografien tauchen gleichzeitig auch im Stadtarchiv München auf. Damit die Daten fortlaufend ausgetauscht und vervollständigt werden, hat die Stadt Unterschleißheim einen Kooperationsvertrag mit dem Münchner Stadtarchiv geschlossen.

Wie der Aufbau der Gedenkstätte „NS-Zwangsarbeit in der Flachsröste Lohhof“ vorangetrieben wird, präsentierte die Leiterin des Unterschleißheimer Kulturamts Daniela Benker am Donnerstag dem Kulturausschuss. Eine Homepage entsteht, die gerade auch jüngeren Menschen digital Wissen über die Zwangsarbeiterinnen vermitteln wird. Dafür hat Daniela Benker die Designerin Ruth Dieckmann ins Team geholt, die die Webseite so gestaltet, dass man anfangs einen Überblick über die NS-Vergangenheit und die drei Teile der Gedenkstätte erhält. Mit weiteren Klicks dringen Interessierte immer tiefer in die Geschichte ein, finden Namen und Fotos von Zwangsarbeiterinnen, Biografien von Ausbeutung, Deportation und Ermordung.

Das Denkmal entsteht nach den Ideen von Bildhauerin Kirsten Zeitz (wir berichteten), die dafür unter anderem rund 500 Namen in Metallplatten stanzt. Diese Platten werden den Weg vom Lohhofer Bahnhof zum Gedenkort säumen. Sogar den Hinweis, wo die jeweilige Metallplatte mit dem gesuchten Namen zu finden ist, wird die Webseite liefern.

Webseite zur Gedenkstätte

Inzwischen ist sie zu etwa 80 Prozent fertig. Das Design ist sehr ansprechend und zurückhaltend. „Die Homepage kann sich jedem Vergleich stellen“, ist Daniela Benker überzeugt.

Etwa 500 Zwangsarbeiter, vor allem Frauen, viele von ihnen Jüdinnen, waren in der Flachsröste beschäftigt. 

Historiker Maximilian Strnad, der seit 2010 mit der Stadt zusammenarbeitet, begleitet den Aufbau der Gedenkstätte und der Homepage. Er sichert Informationen zu Zwangsarbeiterinnen und steht im Austausch mit Archiven im Ausland. Die Betriebschronik von 1944, die jetzt im Rathaus abgegeben wurde, sei „extrem aufschlussreich“. „Das Büchlein zeigt, dass die Recherchen nicht abgeschlossen sind. Neu ist für uns, dass so spät noch so viele Zwangsarbeiterinnen aus der Ukraine deportiert wurden.“

Neue Erkenntnisse werden in der Webseite eingearbeitet

Die Zwangsarbeit sei eines der späten Themen bei der Aufarbeitung der NS-Zeit. Strnad, der zugleich für das Münchner Stadtarchiv tätig ist, hält den Datenaustausch zwischen der Stadt Unterschleißheim und dem Stadtarchiv München für „extrem positiv“: „Es kommen so viele Verwandte der zweiten und dritten Generation zu uns, die Hinweise bringen. Die Datenbanken wachsen.“ Neu gewonnene Informationen wird das Kulturamt fortlaufend auf der Webseite eintragen.

Eine Seit aus der Betriebschronik: Auflistung der Belegschaft im Jahr 1944.

Bisher keine Zusage in der Grundstücksfrage

Unabhängig von all diesen Arbeiten ist noch immer die Regelung der Grundstücksfrage offen. Der Informationsort, der ein Segment der Gedenkstätte bildet, soll auf einer kleinen Fläche an der Ecke Carl von Linde-Straße/ Johann-Kotschwara-Straße aufgestellt werden, wozu es einer Zusage des Investors bedarf, die laut Kulturamt noch immer nicht erfolgt ist.

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