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Nix wie weg: Wenn‘s brennt, müssen des Kurfürsten wertvolle Schätze gerettet werden.

Plan zur Rettung wertvollen Kulturguts in Schloss Schleißheim

Notfallplan für Schloss-Schätze

Unterschleißheims früherer Feuerwehr-Kommandant Hermann Bayer hat einen Plan entwickelt, wie im Notfall wertvolle Kunst zu retten ist. Zum Beispiel mit Tiefkühlschränken für Bücher.

Unterschleißheim – Frauen und Kinder zuerst: So der gängigeVerhaltenskodex im Katastrophenfall. Doch was geschieht, wenn Skulpturen, Gemälde oder Bilder bei einem Museumsbrand gerettet werden müssen? Etwa das Rubens-Gemälde „Die Apostel Petrus und Paulus“, das im Neuen Schloss Schleißheim hängt – und Millionen wert ist. „Man kann ja nicht wie bei einem Hausbrand alles auf die Straße werfen“, sagt Hermann Bayer (63). Deshalb hat der ehemalige Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Unterschleißheim einen so genannten Kulturgutschutzplan erarbeitet, der regelt, wie Kunstschätze im Katastrophenfall vor Schäden bewahrt werden sollen. Museumsexperten sind davon begeistert. Die Regierung von Oberbayern hat Bayer unter anderem dafür sogar kürzlich mit der höchsten Auszeichnung für Feuerwehrleute geehrt.

Die Bibliothek von Alexandrien, die Herzögin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar oder Windsor Castle: Es gibt zig Kulturstätten, die Katastrophen zum Opfer fielen. „Als Jugendlicher hab’ ich mich schon im Schloss Schleißheim gefragt: ,Was, wenn hier mal was passiert?’“, sagt Hermann Bayer. Die Feuerwehr versucht zwar immer, wertvolles Interieur zu retten, doch soll zuerst das mannshohe Barrockgemälde in Sicherheit gebracht werden oder doch die handlichere Ming-Vase? Im Einsatz haben Feuerwehrleute meist nicht die Zeit und das Wissen um zu entscheiden, welches Kulturgut am wertvollsten ist. „Da sind ja keine Preisschilder dran“, sagt Bayer.

Darum hat er gemeinsam mit der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung und der Bayerischen Staatsgemäldesammlung einen Katalog für das Schloss Schleißheim erarbeitet, der die Rettung von Kunstgegenständen klar regelt. „In der Brandmeldezentrale sind Laufkarten für die zu schützenden Gegenstände hinterlegt“, sagt Susanne Rißmann von der Schlösserverwaltung.

In einem Notfall-Materiallager finden die Helfer Werkzeuge, mit denen die wertvollen Güter entfernt werden können. Für sehr große Exponate gibt es Folien, die sie vor Ruß und Löschwasser schützen sollen. Ein echter Fortschritt, findet Rißmann: „Dieses System ist ein Traum. Auch ohne Ahnung von Kunst zu haben, kann die Feuerwehr sofort effektiv arbeiten.“

Der Laufplan zeigt, wie die Rettung des Rubens-Gemäldes (rechts Bild Mitte) erfolgt.

Den Ernstfall probte die Feuerwehr im Neuen Schloss Schleißheim. Gut 400 Gemälde wurden dazu auf Laufkarten vermerkt. „Das Schloss eignete sich gut als Pilotprojekt, da die Menge an Exponaten verhältnismäßig überschaubar ist“, sagt Melanie Bauernfeind (39) von der Staatsgemäldesammlung. Damit handliche Gegenstände bei einem Notfall nicht zu Diebesgut werden, wurde auch dieser Fall geprobt. „Wir haben eine Mitarbeiterin angestiftet, einem Feuerwehrmann eine Vase ,abzunehmen’“, erzählt Rißmann. „Einige Zuschauer haben sie aber davon abgehalten, mit der Vase zu verschwinden.“

Außerdem im Kulturgutschutzplan bedacht: Wie man mit dem Gegenstand nach der Rettung umgeht und was zu tun ist, wenn ein teures Bild oder eine hochwertige Skulptur bereits beschädigt ist. Wenn zum Beispiel Regale voller Jahrhunderte alter Bücher nach Löscharbeiten wieder getrocknet werden müssen? „Der Kulturschutzplan setzt ein Prozedere in Bewegung, sodass in so einem Fall sofort Tiefkühlanlagen bereitgestellt werden und die Bücher fachgerecht behandelt werden können“, erklärt Hermann Bayer.

„Den Ansatz mit Laufkarten gibt es in der Idee schon länger, aber in dieser Form ist das System ein Meilenstein“, sagt Melanie Bauernfeind. Doch die Umsetzung im großen Stil ist aufwendig: „Viele Gemälde der Staatsgemäldesammlung befinden sich in Depots, und der Standort von Exponaten kann sich je nach Ausstellung und Wanderleihe ändern. Der Aufwand, mehre zehntausend Bilder mit Laufkarten zu versehen und die aktuell zu halten, ist enorm.“

Der Erfinder: Hermann Bayer.

Doch der erste Schritt ist getan. Als beispielhaft bezeichnete Regierungspräsidentin Brigitta Brunner den Kulturschutzplan von Bayer bei der Ehrung. Dabei hatte der Unterschleißheimer sich eigentlich schon zur Ruhe gesetzt, sowohl bei der Freiwilligen Feuerwehr als auch in seinem Beruf als Elektromeister. Doch als der Landtag die Altersgrenze für den aktiven Feuerwehrdienst im Sommer auf 65 Jahre erhöhte, wollte der dreifache Großvater es noch einmal wissen. Demnächst nimmt Bayer an einem Lehrgang des österreichischen Bundesheers zum Thema Kulturgutschutz teil. „Vielleicht lern’ ich da etwas, was wir bei unserem nächsten Projekt, Schloss Ismaning, noch verbessern können.“

Korbinian Bauer

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