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Sie sind Fahrer, Kassierer und Helfer: Christian Mangold (l.) und Markus Lommer vom BRK machen am Rathausplatz in Unterschleißheim Halt. Das Interesse ist groß.

Premiere am Rathausplatz

Rollender Supermarkt reicht nicht

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Die Einwohner der größten  Kommune im Landkreis sind nach der Schließung des Edeka im IAZ in der Stadtmitte auf eine spärliche Einkaufsmöglichkeit angewiesen.

UnterschleißheimAls Christian Mangold und Markus Lommer mit ihrem Supermarkt um 8.30 Uhr auf den Rathausplatz fahren, sind die ersten Kunden schon da. Die Sonne scheint. Es ist Premierentag in Unterschleißheim. Viele Leute, überwiegend ältere, sind gekommen, um einen Blick in den mobilen Laden zu werfen. Manche wollen einkaufen, andere wollen schimpfen und ihren Frust rauslassen über die Schließung von Edeka im Isar-Amper-Einkaufszentrum (IAZ), die Verödung der Stadtmitte und fehlende Läden.

Manche kommen um einzukaufen, andere um zu schimpfen

Die Seitentür des Lkw öffnet sich, eine kleine Treppe führt ins Innere. Die Kunden treten ein, schieben sich zwischen Obsttheke, Getränkeregal und Kühltruhe im schmalen Gang aneinander vorbei.

Auch Barbara Baumgartner (79) ist aus der Max-Halbe-Straße mit ihrem Rollator hergelaufen. Eine Viertelstunde hat sie gebraucht. Die BRK-Mitarbeiter helfen ihr die vier Stufen hinauf. Sie zeigen, wo die gewünschten Lebensmittel stehen, kassieren und notieren Sonderwünsche. Denn was die Leute benötigen und was sich irgendwie besorgen lässt, wollen die beiden Herren in der dunkelblauen BRK-Kluft nächste Woche mitbringen.

Elf Meter lang und voller Lebensmittel: Das BRK Erding hat die Initiative für ländliche Dörfer gestartet.

Der elf Meter lange, mobile Laden ist eine Initiative des BRK. Er ist erst seit einer Woche im Einsatz und fährt 45 Dörfer im Landkreis Erding an. Die Gewinnspanne ist klein. Eingekauft werden die Produkte bei „Feneberg“ in Erding. „Die Preise sind so kalkuliert, dass wir kostendeckend arbeiten können, aber es bleibt nichts hängen“, sagt Danuta Pfanzelt, Sprecherin des BRK-Kreisverbands. Unterschleißheim stehe nur auf dem Fahrplan, weil die Stadt auf das BRK zugegangen sei.

Auch Bürgermeister Christoph Böck (SPD) sieht den rollenden Supermarkt zum ersten Mal. Er steht in der Sonne vor dem Lkw, umringt von Bürgern. Fast alle sprechen den Rathauschef an. „Das soll eine Lösung sein?“, Tujia Ikonen, die den Rollstuhl ihres Mannes Robert Lutz schiebt, kann das nicht glauben. Sie war es gewohnt, nach der Arbeit im Edeka schnell noch ein paar Lebensmittel mitnehmen zu können. „Auf dem Land, wo immer mehr Läden schließen, ist der rollende Supermarkt sinnvoll“, sie stammt aus Finnland und kennt das Konzept, „aber hier, in einer Stadt wie Unterschleißheim? Mit 30 000 Einwohnern. Das ist ein Armutszeugnis.“

Böck kennt diese Kritik aus dem Stadtrat. Er sagt: „Ich helfe lieber ein bisschen als gar nicht.“ Das neue Angebot richte sich vor allem an die Gehbehinderten, für welche die Einkaufsmärkte an der Landshuter Straße zu weit entfernt seien. Er betont: „Die Stadt sucht weiterhin einen Nahversorger, der für zwei Jahre ins IAZ einzieht.“ Zwei Jahre, solange werde es wohl noch dauern, so Böck, bis der neue Investor „Rock Capital“ das Gebäude saniere oder abreiße – was er für wahrscheinlicher halte. „Da dauert es ja noch vier bis sechs Jahre, bis hier wieder Läden sind“, beklagt Hannelore Kiehn (70). Warum das nicht schneller geht? Warum nicht längst auf dem gegenüberliegenden Postgelände gebaut wird?

Die Leute bestürmen den Bürgermeister. Immer wieder erklärt er den „Geburtsfehler des IAZ“ mit seinen 70 Eigentümern, die einstimmige Beschlüsse hätten fassen müssen, um etwas in die Wege zu leiten. Das habe 15 Jahren lang alles verzögert. Böck erklärt, dass die Stadt, den Anspruch hat, mit IAZ, Postgelände und Rathaus eine richtige Stadtmitte zu gestalten. „Wir verhandeln seit langem“, sagt er, „aber nicht öffentlich.“

Wie ein Prellbock steht der Bürgermeister da und bekommt die Wut der Leute ab. Redet, erklärt, argumentiert, tröstet. Edeka, „Rock Capital“, frühere Investoren oder sein Vorgänger Rolf Zeitler (CSU) stehen hier und jetzt nicht zur Verfügung. Eine undankbare Rolle für Böck, dabei hat er gerade ein Angebot gemacht, mit dem die Stadt etwas Abhilfe leisten will.

Einmal in der Woche, eine Stunde - das ist zu wenig

Bürgermeister Christoph Böck (r.) bekommt viel Kritik zu hören und auch ein bisschen Lob.

Diejenigen, die nicht gut zu Fuß sind, sind dankbar dafür. „Der Preis war ok. Der Service war sehr nett“, sagt Ursula Zenz (79), „aber eine Stunde in der Woche, das ist zu wenig.“ Da lasse sich noch etwas machen, sagt Böck und lächelt: „Eine Stunde ist erst ein Anfang.“ – „Für mich ist der Einkaufsbus nicht schlecht“, ist das Fazit von Hildegard Poje. „Die Auswahl ist nicht so groß wie früher bei Edeka“, aber die 74-Jährige hat einige Produkte gefunden, die sie immer gern gekauft hat. Kartoffelpüree, Erdnüsse und Schokojoghurt liegen in ihrem Korb: „Ich freue mich, dass es diesen Service jetzt gibt.“

Die beiden Herren vom BRK sind nach ihrem ersten Halt in Unterschleißheim sehr zufrieden: „Die Nachfrage war super“, sagt Christian Mangold. Jetzt müssen sie aber dringend weiter. Markus Lommer tippt auf seine Armbanduhr. Um 10.15 Uhr werden sie in Mitterlern im Landkreis Erding erwartet.

Er trägt Barbara Baumgartner die Tasche zu ihrem Rollator und begleitet sie die Treppe hinunter. Dann klappt Christian Mangold die kleine Treppe an der Seitentür hoch und schließt die Ladentür. Wer erst jetzt kommt, hat Pech gehabt.

Vor dem Lkw sitzen drei Damen auf einer Bank und ratschen. Ein bisschen Nachbarschaftstreff ist an diesem Morgen auch dabei." SEite 36

Der Truck

hält montags von 8.30 Uhr bis 9.30 Uhr am Rathausplatz. Zusätzlich bietet die Stadt gemeinsam mit der NBH einen Einkaufsservice, der Menschen mit Einschränkungen zu den Supermärkten bringt, Tel. 089/ 37 07 35 79.

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