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Die Anlieger im Nacken haben die Unterschleißheimer Stadträte während der Sitzung des Bauausschusses. Viele, die entlang der Südlichen Ingolstädter Straße wohnen, sind gekommen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Sie fürchten, dass die erstmalige Erschließung der Straße für sie sehr teuer wird.

Erschliessung Ingolstädter Straße in Unterschleissheim 

Anlieger fürchten um ihre Existenz

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Die Anlieger der Südlichen Ingolstädter Straße in Unterschleißheim müssen zahlen: 2,7 Millionen Euro sollen sie für die Erschließung der Straße aufbringen. Einige fürchten um ihre Ersparnisse, haben Angst um ihre Existenz. Die Stimmung ist aufgeheizt.

Unterschleißheim– Die Südliche Ingolstädter Straße in Unterschleißheim wird nicht neu gebaut. Als Verkehrsweg besteht sie vielmehr seit Jahrhunderten – in wechselnder Beschaffenheit natürlich. Eine Erschließung allerdings hat es offensichtlich nie gegeben. Das soll nun nachgeholt werden. Mit der Folge, dass die Stadt die Anlieger zur Kasse bittet. Und obwohl noch nicht feststeht, wie viele Menschen wie viel zahlen müssen, ist das Verhältnis zwischen den Anliegern und der Stadt angespannt. Das zeigte sich auch in der jüngsten Sitzung des Unterschleißheimer Bauausschusses.

Dabei ist die Stadt durchaus um Ausgleich bemüht: Eine Härtefallregelung soll den Beitrag der Anlieger auf 60 Prozent der Baukosten senken. Sie müssten demnach 1,8 Millionen Euro aufbringen. Deutlich weniger als die eigentlich aufzubringenden 2,7 Millionen Euro, die einem Anteil von 90 Prozent entsprechen. Womöglich wird es sogar noch günstiger. „Im nächsten Schritt ermitteln wir, welche Kosten wirklich auf die Bürger umzulegen sind“, sagte Rathaus-Sprecher Thomas Stockerl. „Im Ausschuss ging es zunächst nur um die Rechtslage.“ Derzeit kursierende Zahlen seien mit Vorsicht zu genießen.

Gerade die Rechtslage aber macht den Anliegern zu schaffen. Bürgermeister Christoph Böck (SPD) konnte während der Sitzung noch so oft darauf verweisen, dass keine verwertbaren Zahlen vorlägen, dass nicht einmal feststehe, wie viele Anwohner in welchem Umfang betroffen seien.

Der seit Hunderten von Jahren existierende Verkehrsweg war erst Bundesstraße und ist in den 1980er-Jahren in die Hoheit Unterschleißheims übertragen worden. Die Anlieger können daher nicht nachvollziehen, dass ihre Grundstücke nicht längst erschlossen sein sollen. Heftigen Beifall erntete Stadtrat Martin Reichart (FB), der eben diese Ansicht vertrat: Die Erschließungsfunktion sieht Reichart schon in den 1950er-Jahren erfüllt. Reichart ist Architekt, sein Büro liegt an der Südlichen Ingolstädter Straße.

Der von der Stadt beauftragte Gutachter widerspricht: Zur Erschließung notwendig seien Straßenbeleuchtung, funktionierende Entwässerung und Randsteine. Das alles sei nicht gegeben, sagte Rainer Döring.

Zu den Betroffenen gehören auch Franz Mülbl (58) und seine Tochter Sandra (27). Sie fühlen sich allein gelassen: „Wir haben den Lärm, den Gestank.“ Und nur weil die Straße für den Rad- und Busverkehr verbreitert werden soll, würden sie zur Kasse gebeten: „Das grenzt an Ungerechtigkeit hoch Drei.“

Ähnlich sehen das auch Adalbert Haltmeier (79) und Autohausbesitzer Peter Dennemarck (73), deren Grundstücke von zwei oder drei Straßen umfasst sind, die somit mehrfach zur Kasse gebeten werden. 1972 habe er für die Falkenstraße gezahlt, erzählt Haltmeier, der jetzt mit 15 000 Euro rechnet: „Jetzt noch mal für die Südliche Ingolstädter – das macht keinen Sinn.“ Dennemarck verfügt, so sagt er, nicht einmal über eine Zufahrt zur Straße.

Auch bei Unternehmer Rolf Arnold (59) ist das so: „Wir hätten gar nicht die Möglichkeit, eine Auffahrt zur Südlichen Ingolstädter Straße anzulegen, da unser Grundstück 1,50 Meter unter dem Niveau der Straße liegt.“ Der Gutachter habe nur im Interesse der Stadt gewertet, sagt er. Und: „Zufrieden sind wir alle nicht. Wir werden wohl klagen müssen.“

Bürgermeister Böck versichert, die Anlieger nicht unnötig belasten zu wollen. „Wir wollen die Kosten nicht auf die Bürger abwälzen, müssen uns aber im Rahmen der Gesetze bewegen.“ Die Härtefallregelung könnte den Betroffenen insgesamt 900 000 Euro ersparen. Laut Erschließungsbeitragssatzung der Stadt sollen zudem Grundstücke, die von mehreren Straßen umgeben sind, nur zu Zweidritteln berechnet werden.

In den nächsten Wochen wird das Rathaus ermitteln, wie viele Anlieger betroffen sind. Derzeit ist von 54 bis 75 Haushalten die Rede. Die Verwaltung wird sich zudem mit der von Stadtrat Manfred Utz (CSU) aufgeworfenen Frage befassen müssen, weshalb die Nördliche Ingolstädter Straße nach dem preiswerteren Straßenausbaubeitrag abgerechnet wurde.

Anliegerin Regina Heuschmann (66) zumindest ist dankbar, frühzeitig von der Stadt informiert worden zu sein. „Ich habe mir ein Straßenerschließungskonto angelegt und spare seit zweieinhalb Jahren.“ Für ihr 4000 Quadratmeter großes Grundstück rechnet sie mit bis zu 40 000 Euro.

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