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Es war einmal: die Bezirksstraße in schwarz-weiß.

„Man hatte alles, was man so brauchte“

Zeitreise durch die Bezirksstraße: So hat sich die Einkaufsmeile in 90 Jahren verändert

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Einst war es Ackerland, heute ist die Bezirksstraße eine beliebte Einkaufsmeile, die dennoch zu kämpfen hat. Eine Ausstellung zeigt, wie sich die Straße gewandelt hat.

Unterschleißheim – Braune Äcker soweit das Auge reicht, ein Pflug, der von einem Kaltblut gezogen wird, und ein alleinstehender Bauernhof. 90 Jahre später sind Acker, Pferd und der Maxfeldhof verschwunden. Dafür reiht sich heute ein Geschäft nach dem anderen in der Bezirksstraße in Lohhof auf, und es fällt den Kunden schwer, einen freien Parkplatz zu finden.

Die Entwicklung der Bezirksstraße in den vergangenen Jahrzehnten zeigt die Raiffeisen Galerie in einer Fotoausstellung am 27. Oktober. Der ehemalige Kulturreferent Wolfgang Christoph wird die Besucher durch die Vergangenheit Lohhofs führen. „Früher war Lohhof der größte Ortsteil“, sagt Christoph, während er in seinem Wohnzimmer auf alte Bilder der Bezirksstraße zeigt. Der Vater des Heimatmuseums hat sich über viele Jahre hinweg intensiv mit der Geschichte der Straße auseinandergesetzt. „Der Name kommt vom Bezirk Oberbayern, das war damals die größte und wichtigste Straße hier.“

Bezirksstraße: „Man hatte alles, was man so brauchte“

Nachdem der Maxfeldbauer viele seiner Felder verkauft hatte, zogen immer mehr Menschen nach Lohhof. „Das waren Geschäfte für die neuen Siedler“, sagt Christoph. Ein Eisenhändler, ein Drogist und auch ein Tante-Emma-Laden waren die ersten Läden in der Bezirksstraße Anfang der 30er Jahre. „Man hatte alles, was man so brauchte“, sagt Christoph in die Bilder von früher versunken. Damals sei die Bezirksstraße von vorne bis hinten zugebaut gewesen, heute sei die Auswahl der Geschäfte nicht mehr so groß.

Blickt zurück: Wolfgang Christoph, der Vater des Unterschleißheimer Stadtmuseums.

Seit über 60 Jahren wohnt Wolfgang Christoph in Unterschleißheim. „Ich habe mit jedem Geschäftsmann in der Bezirksstraße zu tun gehabt.“ Vor allem an die Drogerie von Josef Mühlbauer kann er sich noch gut erinnern. „Der hat schon in den 30er Jahren angefangen“, erinnert sich Christoph. Damals sei der Beruf des Drogisten einer der kompliziertesten gewesen. Petroleum, Heftpflaster, Zahnwehtabletten und auch Spiritus konnten die Unterschleißheimer bis in die 80er Jahre dort kaufen. „Der Sohn hat den Laden damals übernommen, aus Altersgründen hat er aber aufgehört“, sagt Christoph. Das Haus sei immer noch im Besitz der Familie Mühlbauer, der Laden im Erdgeschoss ist heute vermietet.

Aus Familienbetrieben wurden Ladenketten

Wiltraud Hartmann, die gerade ihre Einkäufe auf der Bezirksstraße erledigt, lebt seit 30 Jahren in Unterschleißheim. „Vor etwa 25 Jahren hat der Mühlbauer den Laden an die Parfümerie Howerka vermietet“, sagt sie. Seit zwei Jahren gehört der Laden zu einer Parfümeriekette. Eine Situation, die viele Geschäfte in der Bezirksstraße kennen. „In den Häusern, wo früher Familienbetriebe waren, sieht man immer mehr Ladenketten“, sagt Christoph. Ein Familienbetrieb sei viel Arbeit, die habe sich am Ende für die meisten nicht mehr rentiert.

Genauso wie das Mühlbauer-Haus hat die Wirtschaft „Drei Linden“ seit Beginn der Bezirksstraße ihren Pächter gewechselt. „Das war damals das erste Wirtshaus in Lohhof“, sagt Christoph. Er erinnert sich noch gut an Wirtin Ludmilla Salinger. „Die hat den besten Schweinsbraten gemacht, damit kann man jeden Bayern locken“, sagt er mit einem Lächeln. Vor etwa 90 Jahren, als die Wirtschaft ihren Einstand feierte, standen vor dem Haus drei kleine Linden. Heute spenden die großen Bäume an heißen Sommertagen den Gästen des Restaurants Schatten. Seit mehr als 25 Jahren sind die „Drei Linden“ in kroatischer Hand. „Den Unterschleißheimern schmeckt’s gut“, sagt die neue Pächterin Iva Biste.

Bis 1885 war das Rathaus in der Bezirksstraße zu finden.

Das alte Rathaus gegenüber dem Restaurant hat sich im Gegensatz zu den anderen Häusern der Bezirksstraße äußerlich wenig verändert. Es wurde 1953 als erstes Rathaus Unterschleißheims eingeweiht. Die Gemeinde erwarb das Grundstück damals von der Kirche – für vier D-Mark pro Quadratmeter. Die Baukosten beliefen sich, dank der guten Geschäftsbeziehungen, des damalige Bürgermeisters Johann Schmid auf 90 000 D-Mark. Bis 1985 war das Haus in der Bezirksstraße Hauptanlaufstelle für die Bürger. Heute ist das alte Gebäude Heimat für den SV Lohhof.

Skepsis gegenüber „Shared Space“

Am anderen Ende der Bezirksstraße wohnt Heinz Glatzeder (74), der dort geboren und aufgewachsen ist. Er hatte jahrelang ein Eisenhändlergeschäft in der Bezirksstraße. Seine Frau Eva betreibt eines der ältesten, noch bestehenden Geschäfte: Das Modehaus Glatzeder gibt es seit 35 Jahren. Jetzt sei es jedoch „mehr ein Hobby“, sagt der Ehemann. Leben könne man davon nicht. Die Lohhofer Einkaufsstraße habe sich über die Jahrzehnte gewaltig verändert. Schuld daran sei auch das Internet. „Es gibt noch einige alt eingesessene Stammkunden. Wenn uns die wegsterben, schaut’s bitter aus“, prophezeit Glatzeder. Es sei fast nicht möglich, neue Kunden zu finden. Die Einzelhändler, wie man sie kennt, würden aussterben. Auch Anne-Monika Schön, die Vorsitzende der Werbegemeinschaft, kann sich noch gut daran erinnern, „wie so langsam die Läden weggingen“. Trotzdem sei sie glücklich mit der Bezirksstraße, in der sie als Teilinhaberin ein Juweliergeschäft führt. Auch Glatzeder ist und bleibt ein „Fan der Bezirksstraße“. Er ist überzeugt, dass sich die Zeiten auch wieder ändern.

Von dem neuen Projekt „Shared Space“, das SPD, Grüne und ÖDP in der Bezirksstraße einführen wollen, halten Christoph und Glatzeder nichts. Dabei sollen Radfahrer, Autos und Fußgänger gleichberechtigt sein. „Ich denke, das ist schädlich für die Geschäfte“, sagt Christoph. Glatzeder ist der Meinung, dass vor allem die ältere Kundschaft die Parkplätze vor der Tür braucht. Mit dem neuen Konzept könnte viel von Bezirksstraße verloren gehen, die seit Jahrzehnten eine beliebte Einkaufsmöglichkeit für die Unterschleißheimer ist.

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Eröffnung der Aussstellung

Die offizielle Eröffnung der Ausstellung ist am 27. Oktober um 11.30 in der Raiffeisen Galerie (Bezirksstraße 50). Bis 17 Uhr können sich die Besucher ins Lohhof vor 90 Jahren hineinversetzen. Außerdem findet am Donnerstag, 31. Oktober, und am Sonntag, 3. November, eine Führung mit Wolfgang Christoph statt.

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